Brot und Spiele halten ein Volk ruhig, sagte der römische Dichter Juvenal. In diesem Sinne steckt die Bourgeoisie doppelt in der Klemme: Ihr System ist immer weniger fähig, Brot zu liefern. Und sie ist immer weniger fähig, mit Spielen von ihrem System abzulenken.
Bereits rund um die letzten drei WMs gab es Kontroversen. Doch als der Ball rollte, legte man sie beiseite. Der Fokus lag voll auf dem Spiel. Nicht so bei der WM 26. Sie ist selbst Schauplatz der zunehmenden Konflikte – zwischen den Imperialisten und den Klassen.
Dabei sollte das Turnier mehr vereinen denn je: 3 Gastgeber-Nationen, 48 Teams, 6 Milliarden TV-Zuschauer – einen derart vernetzten Sportanlass gab es noch nie. Unter dem Motto «United As One» bewarben sich die USA, Mexiko und Kanada 2016.
Zehn Jahre später erleben wir den Bruch mit der alten Weltordnung. «Die heutige Weltlage war damals unvorstellbar», sagt ein US-Sportberater, der die WM plante.
Gegenüber seinen Co-Hosts nahm Trump das WM-Motto sehr wörtlich. Kanada drohte er mit einer Annexion, Mexiko mit Militärangriffen. So erstaunt es nicht, dass drei separate Eröffnungsfeiern stattfanden.
Trump ist für eine Integration Nordamerikas – aber zu seinen eigenen Bedingungen. Die sich verschärfende Konkurrenz zwischen den Imperialisten drängt die USA dazu, die westliche Hemisphäre stärker zu dominieren.
Zu diesem Zweck führt Trump einen Zollkrieg gegen die Co-Hosts. Dieser eskaliert während des Turniers: Das Handelsabkommen zwischen den drei Ländern (USMCA) wird neu ausgehandelt. Trump droht aus dem Deal auszusteigen. Die ökonomischen Unsicherheiten nehmen zu.
Richtig glücklich scheint nur einer: FIFA-Boss Infantino. Denn rollt der WM-Ball, so rollt bei ihm der Rubel. Und dafür kuscht Infantino – sinnbildlich für den Schweizer Imperialismus – vor den grössten Verbrechern der Welt.
Für Trump hat er einen «FIFA-Friedenspreis» erfunden. Als Ironie des Schicksals attackierte dieser kurz darauf den WM-Teilnehmer Iran. Und der Krieg zog sich bis zum Turnier.
Im Vorfeld drohte Trump: «Für die Sicherheit des iranischen Teams ist es keine gute Idee, zu kommen». Einer seiner Berater schlug gar vor, den Iran durch das nicht qualifizierte Italien zu ersetzen. Die Arroganz der US-Imperialisten kennt keine Grenzen!
Während der WM sabotieren die USA den Iran: Wegen Visa-Schikanen musste der Iran 15 Staff-Mitglieder zuhause lassen und konnte bei den ersten Spielen weder anständig am Spielort trainieren noch regenerieren.
«Das ist politische Einmischung in schlimmster Form», sagt Iran-Captain Taremi. Wer kann ihm widersprechen? Selbst in den USA sind 75 % für die Teilnahme des Irans. Das hart erkämpfte Remis gegen Belgien haben Milliarden Anti-Imperialisten gefeiert. Der Iran lässt sich auch auf dem Rasen nicht vom Westen erniedrigen.
Mit der WM 26 erzielt die FIFA einen Rekordgewinn von 10 Milliarden Franken. Einerseits, weil sie nichts für Infrastruktur ausgibt. Die Host-Städte müssen alles selbst bezahlen. Das Turnier wird massive Schulden hinterlassen, wie bei 12 der letzten 14 WMs, für die die Arbeiterklasse zahlen soll.
Andererseits, weil die FIFA Ticket-Einnahmen mittels Spekulation massiv in die Höhe treibt. Erstmals können Tickets auf einer offiziellen Plattform mehrfach weiterverkauft werden. Bei jeder Transaktion streicht die FIFA 30 % ein!
Das Resultat: Für Gruppenspiele kriegt man kaum Tickets unter 1’000 Franken, Final-Tickets kosten bis zu zwei Millionen. Die günstigeren Tickets sind 13-mal teurer als bei der WM 2018.
Die meisten Fans werden ausgeschlossen, damit die FIFA und wenige Grosskonzerne Milliarden kassieren. In Kanada können sich 84 Prozent der Fans kein Ticket leisten.
Was sagt Infantino? «Chill» – in anderen Sektoren sei es auch so. Das stimmt. Im Kapitalismus nutzen alle Monopole ihre Stellung, um Profite zu maximieren – heute primär durch Spekulation. Sie treiben Preise in die Höhe und kassieren fett ab, ohne zu investieren.
Auf der anderen Seite kämpft die Arbeiterklasse ums Überleben. Lehrer in Mexiko streikten während der WM für eine Lohnverdoppelung. Sie versuchten, ein Stadion zu blockieren und wurden von der Polizei brutal reprimiert. Die gleiche Polizei, die Infantino und Co. schützt und chauffiert. Voilà, wem der Staat dient: den kapitalistischen Mafia-Bossen.
Auch früher gab es Konflikte und Proteste. Doch früher konnten WMs diese überschatten. Vier Wochen lang feierten Gastgeber und Unterdrückte gemeinsam: die USA mit dem Rest der Welt (1994), Chirac mit Millionen migrantischen Zidane-Fans (1998), Japan mit Co-Gastgeber Südkorea (2002), Merkel mit der deutschen Arbeiterklasse (2006).
Die Zeit der «Sommermärchen» ist definitiv vorbei. Die Konfliktherde brechen überall offen auf. Darum kann die WM 26 nicht mehr ablenken wie früher. Im Gegenteil: Sie ist selbst Bühne des zerfallenden Kapitalismus – mit zunehmenden Kriegen und Klassenkämpfen.
Bei Letzteren geht es nicht nur um Brot, sondern auch um Spiele. Wir müssen den Kapitalismus aus dem Fussball kicken. Erst dann gehört unser Spiel wieder uns. Erst dann können wir es richtig geniessen.
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