Die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) unternahm in den ersten Jahren nach ihrer Gründung 1921 den bisher ernsthaftesten und erfolgreichsten Versuch, in der Schweiz eine kommunistische Massenpartei aufzubauen. Trotz – oder gerade wegen – ihres Scheiterns, müssen wir ihre Geschichte studieren. Dieser Artikel behandelt den ersten Versuch der KPS, die Einheitsfronttaktik anzuwenden.

Die Entwicklungen in der Schweiz während des Ersten Weltkriegs ähneln jenen der umliegenden Länder. Die Ungleichheit wuchs enorm an, mit weit verbreiteter Armut und Hunger auf der einen und enormer Bereicherung der Spekulanten und Kapitalisten auf der anderen Seite. Dies führte zu einer breiten Radikalisierung und immer mehr Demonstrationen und Streiks. Die Sozialdemokratische Partei (SP) schloss zu Beginn des Krieges einen «Burgfrieden» mit der Bourgeoisie, unterstützte das Vollmachtenregime des Bundesrats und verzichtete damit auf den Klassenkampf.

Diese anfängliche Politik der Vaterlandsverteidigung führte zu einer Differenzierung innerhalb der Partei, die durch die Anwesenheit Lenins in der Schweiz zusätzlich befeuert wurde. Doch es waren die folgenden grossen Ereignisse – die Russische Revolution 1917, der Landesstreik 1918 und die Gründung der Kommunistischen Internationale (Komintern) 1919 – die die SP endgültig in zwei Lager spalteten. Nach einigem Hin und Her trat der linke Flügel Ende 1920 aus der SP aus und vereinigte sich am 5. und 6. März in der Eintracht in Zürich mit den Altkommunisten und der Sozialistischen Jugendorganisation (SJO) zur KPS. Die Differenzierung zwischen den Reformisten und Zentristen auf der einen Seite und den Revolutionären auf der anderen hatte einen organisatorischen Ausdruck gefunden. Das war ein riesiger Fortschritt.

Erste Erfolge und Herausforderungen

Die KPS gewann mit ihrer Gründung 6’000 Mitglieder, drei Nationalräte, ganze Sektionen der SP (beispielsweise in Schaffhausen) und die Parteizeitung in Basel. Die grossen Ereignisse hatten die Basis für eine kommunistische Massenpartei gelegt. Der vorderste Teil der Arbeiterklasse war dem Ruf der Revolutionäre enthusiastisch gefolgt.

Doch damit begann die Arbeit der Kommunisten erst richtig. Die Mehrheit der organisierten Arbeiterklasse sah noch immer die SP als ihre politische Führung an. Das war kein Zufall. Die reformistischen Massenorganisationen und ihre scheinbar «einfachen Lösungen» üben zu fast jedem Zeitpunkt eine grosse Anziehung auf die Arbeiterklasse aus. Zudem ging die SP damals, unter dem Druck von unten, in Worten immer weiter nach links. 1917 nahm sie, gegen den Willen der Rechten und der Zentristen, eine antimilitaristische Position ein. Als die Kommunisten 1920 die Partei verliessen, verabschiedete die SP-Führung um Robert Grimm noch am selben Parteitag das radikalste Programm ihrer Geschichte, indem sie selbst die «Diktatur des Proletariats» forderte. Sie wollte damit eine Abwanderung der radikalen Elemente in Richtung KPS verhindern.

Die SP gab sich zwar wortradikal, in der Praxis nahm sie den Kampf aber nicht konsequent auf. Deshalb wandten sich grosse Teile der Arbeiterklasse enttäuscht wieder von ihr ab. Zwischen 1917 und 1920 war der Mitgliederbestand der SP von 31’307 auf 53’910 angewachsen, fiel in den vier darauffolgenden Jahren aber wieder unter das Niveau von 1917.

Das beweist, dass es in der SP, hinter den 6’000 neuen KPS-Mitgliedern, Zehntausende gab, die die KPS gewinnen hätte können. Die Aufgabe bestand darin, mit den Arbeitern, die noch der SP folgten, in einen Dialog zu treten und sie für die eigenen Positionen zu gewinnen – sie zu Kommunisten zu machen. Dazu brauchte es einerseits eine richtige Taktik und andererseits die Fähigkeit, das revolutionäre Programm mit der lebendigen Bewegung der Klasse zu verbinden.

Die Einheitsfront

Ein zentrales Werkzeug der Kommunisten, um die Vormachtstellung in der organisierten Arbeiterklasse zu gewinnen, ist die Einheitsfronttaktik. Das bedeutet, punktuell mit anderen Organisationen der Arbeiterklasse gemeinsam für spezifische Forderungen zu kämpfen. Dabei müssen alle Beteiligten die Freiheit haben, ihr eigenes Programm und eigene Slogans zu präsentieren, gemäss dem Motto «getrennt marschieren, gemeinsam zuschlagen».

Das Ziel ist es, die reformistischen Arbeiter von der Überlegenheit des revolutionären Programms zu überzeugen und sie so vom Reformismus weg und für den Kommunismus zu gewinnen. Denn entweder lehnen die Reformisten das Einheitsfront-Angebot ab und man kann ihren Unwillen zu kämpfen entblössen. Oder sie nehmen es an und die Kommunisten können im praktischen Kampf zeigen, dass ihre Methoden für den Kampf besser geeignet sind. Diese Taktik ist entscheidend, weil die Massen der Arbeiterklasse nicht nur durch Propaganda lernen, sondern durch praktische Erfahrung.

Die KPS lancierte am 20. April 1921 einen offenen Brief «für die proletarische Einheitsfront» an die Führungen der SP, Gewerkschaften und Arbeiterunionen in der Schweiz. Dieser Aufruf, der absolut korrekt war und es ihnen ermöglichte, revolutionäre Ideen an tausende Arbeiter zu tragen, stiess auf breite Unterstützung. Als erstes Ergebnis fand am 8. Mai 1921 die Trimbacher Konferenz statt, wo sich  sieben Zentralverbände und elf Arbeiterunionen trafen, die rund ein Drittel der Mitglieder des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) repräsentierten. Die Versammlung beschloss «eine gemeinsame Offensive gegen Lohnabbau und Arbeitszeitverlängerung, Propaganda für die Einheitsfront zu betreiben sowie die Einberufung eines ausserordentlichen SGB-Kongresses». Die grosse Zustimmung unter den Arbeitern zeigte, dass die KPS einen Nerv getroffen hatte. Viele waren enttäuscht von der reformistischen Politik der SP und der Gewerkschaften. Deren Führungen mussten formell den Forderungen der Trimbacher Konferenz zuzustimmen.

Doch die KPS konnte daraus keinen Gewinn schlagen. Das Problem war, dass  Verwirrung herrschte in der Partei. Ein Teil der Genossen war bereits zufrieden, als der SGB einen ausserordentlichen Kongress einberief. Sie waren der Überzeugung, damit sei die Einheitsfront erreicht und diese sollte nicht mehr riskiert werden. Doch sie verwechselten Mittel und Zweck. Die Einheitsfront hat eben gerade nicht zum Ziel, eine undifferenzierte «Einheit der Linken» zu erreichen, sondern im gemeinsamen Kampf revolutionäre Ideen an die noch-reformistischen Arbeiter heranzutragen, positiv die nächsten notwendigen Schritte aufzuzeigen, tiefere Erklärungen zu geben und, wenn die Reformisten den Kampf sabotieren, ihre Methoden inhaltlich zu entblössen.

Für ein konkretes Programm!

Der SGB und auch die SP nutzten die Verwirrung der KPS und machten Druck. Sie forderten die KPS auf, konkrete Vorschläge für den Kampf zu formulieren, statt einfach die Einheitsfront zu fordern, «unter der sich jeder etwas anderes vorstellen» könne und die im SGB eh schon realisiert sei. Doch genau hier offenbarte sich die grosse Schwäche der KPS. Sie hatte noch kein gemeinsames Verständnis, wie aus dem Kapitalismus heraus der Kampf für den Kommunismus organisiert werden sollte. Bis zu ihrem eigenen Kongress im Juni 1922 verfügte sie deshalb auch noch nicht über ein einheitliches Programm. Die Absenz eines gemeinsamen revolutionären Programms machte sie handlungsunfähig. Darum weigerte sie sich oder schaffte es nicht, konkrete Forderungen an den ausserordentlichen Kongress des SGB zu formulieren.

Die Kunst der kommunistischen Propaganda und Agitation besteht darin, eine Brücke zu bauen von den Alltagsfragen der Arbeiterklasse hin zum Sturz des Kapitalismus durch die sozialistische Revolution. Die ganze Kampagne rund um die Trimbacher Konferenz hätte den Kommunisten erlaubt, tausenden Arbeitern in einer Serie von brennenden Problemen die kommunistische Position zu erklären. So hätten sie breitere Schichten für die Revolution und damit die Partei gewinnen können – Klarheit über das kommunistische Programm und die Fähigkeit, dieses den Arbeitern in einer verständlichen Sprache zu erklären, vorausgesetzt!

Die Komintern versuchte ihnen dies beizubringen und riet, die KPS müsse nun «[…] alle Gleichgesinnten sammeln […] um […] den Kampf um ein Stück Brot und um die Rettung der Existenz so zu organisieren, dass aus diesen Kämpfen Machtkämpfe um die Herrschaft des Proletariats werden […].  Ihr müsst die kleinsten Tageskämpfe eingliedern in die Kampfperspektive des allgemeinen Befreiungskampfes […]».

Was wäre möglich gewesen?

Wie hätte (grob) ein Programm für den ausserordentlichen Kongress aussehen können? Die Bourgeoisie ging damals in die Offensive, unter anderem mit der Lex Schulthess, die «zum Schutz der Schweizer Industrie» eine Arbeitszeitverlängerung von 48 auf 54 Stunden vorsah. Die KPS hätte im Hinblick auf den Kongress anhand dieses Beispiels die tiefe Krise des Kapitalismus erklären müssen. Sie hätte aufzeigen müssen, dass nur harter Klassenkampf und schliesslich die Machtübernahme der Arbeiterklasse die Probleme lösen kann. Ausgehend von diesem Angriff hätten Forderungen nach einer Aufteilung der Arbeit auf alle Arbeitsfähigen mit der Anpassung der Löhne an die Inflation (gleitende Lohnskala), einem gemeinsamen Kampf mit den verarmenden Bauern und dem Kampf für demokratische Rechte verbunden werden können, welche ebenfalls unter Beschuss standen. Um dies zu erreichen, musste gekämpft werden, Klasse gegen Klasse, mit Demonstrationen und Streiks. So hätte die Arbeiterklasse vorbereitet werden können auf eine revolutionäre Gegenoffensive – auf einen erneuten Generalstreik, der die Machtfrage nach dem Landesstreik von 1918 nicht nur stellte, sondern sie auch beantwortete.

Damit hätte sie am Kongress zahlreiche wütende und enttäuschte Arbeiter davon überzeugen können, dass die SP zwar von Diktatur des Proletariats und Abwehrkämpfen spricht, aber nicht wirklich den Kampf organisiert; dass, wer wirklich kämpfen will, sich den Kommunisten anschliessen muss. Das hätte auch den Manövern der Reformisten den Wind aus den Segeln genommen und sie hätten weitere, unorganisierte Schichten vom Kampf überzeugen können. Das Potenzial für eine Kommunistische Partei von mehreren 10’000 hätte existiert.

Leider tat die KPS all das nicht. Der Mangel an inhaltlicher Klarheit, gemeinsamem Verständnis und entsprechend konkreten, revolutionären Antworten auf die Fragen der Zeit wurde von der erfahrenen Bürokratie der Reformisten geschickt ausgenutzt. Der SGB schob die Einberufung des ausserordentlichen Kongresses immer weiter hinaus, bis die Dynamik verloren gegangen war; er erklärte die Einheitsfront für erreicht und schliesslich stimmten selbst Mitglieder der KPS am Kongress im Mai 1922 gegen die Anträge der eigenen Partei.

Es braucht Kader

Um das Programm und eine Taktik konkret anzuwenden, um Einfluss in der Arbeiterklasse zu gewinnen, braucht es ein intensives Studium der marxistischen Theorie, aber auch Erfahrung. Das ist es, was die Ausbildung von Kadern, Experten der Revolution, ausmacht. Der Hauptgrund für die Schwächen der KPS war die Unerfahrenheit der Partei, die sich im begrenzten politischen Niveau der Kader ausdrückte. Im Gegensatz zu den Bolschewiki hatten sie nicht bereits Jahre vor den grossen Erschütterungen einen harten Kern an Revolutionären aufgebaut.

Die Komintern, in ihren ersten Jahren, versuchte diesen Rückstand geduldig zu kompensieren. Sie warnte vor opportunistischen und sektiererischen Abweichungen, schickte Delegierte, führte Diskussionen und schrieb Briefe. Doch mit der fortlaufenden Degeneration der Komintern, der Machtübernahme Stalins und der katastrophalen Politik der dritten Periode, wurde die KPS zerstört. Statt Kader auszubilden und sich so auf den wieder aufflammenden Klassenkampf der 1930er Jahre vorzubereiten, wurde die Partei zu einer Sekte heruntergewirtschaftet.

Wir bereiten uns heute auf Ereignisse wie jene der 1920er und 1930er Jahre vor. Die Kommunisten werden die Möglichkeit haben, zu einer Massenkraft zu werden. Heute sind wir zwar noch zu klein, um Massenarbeit zu machen. Doch um bereit zu sein und auch schon heute an Einfluss zu gewinnen, stützen wir uns auf die Theorie, das heisst die Kristallisation aller vergangenen Kämpfe. So haben wir in Zukunft hunderte und tausende Kommunisten, die wissen, wie man die nächsten Schichten der Arbeiterklasse für die Revolution gewinnt. Wir bauen heute eine Kaderpartei auf, um das zu beenden, was unsere Genossen der KPS begonnen haben.

Weiterführende Literatur

1. Lenin, Das Militärprogramm der proletarischen Revolution (1916) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1916/10/militaer.htm

2. Trotzki, Manifest der Kommunistischen Internationale an das Proletariat der ganzen Welt (1919) https://www.wsws.org/de/articles/2025/08/29/mani-a29.html3. Trotzki, Was nun?, Kapitel V bis VIII (1932) https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1932/wasnun/kap05.htm