Vor dem Hintergrund der Todeskrise des Kapitalismus blüht Rassismus überall in der Welt auf. Eine ganze Generation fragt sich: Warum gibt es Rassismus und wie wird er überwunden? Der Marxismus gibt uns die Antwort und löst die Verwirrungen, die in der Linken herrschen.
Man hört oft, dass sich Rassismus auf eine Reihe von Vorurteilen und Klischees reduzieren lässt, die aus der Vergangenheit übernommen wurden und durch «Bewusstseinsbildung» schliesslich verschwinden würden. Doch erstens ist diese «Erklärung» keine wirkliche Erklärung, weil sie nicht erläutert, woher diese Vorurteile kommen; zweitens wird sie durch die Tatsachen widerlegt. Seit Jahrzehnten folgt eine Anti-Rassismus-Kampagne auf die nächste – und der Rassismus wird keinen Millimeter zurückgedrängt. Das Problem liegt also viel tiefer.
Links hört man oft, dass Rassismus «systemisch» sei. Das stimmt, aber wir müssen weiter gehen. Man muss verstehen und erklären, worin seine Systematik besteht. Der Marxismus ermöglicht eine Antwort auf diese Fragen, indem er zeigt, dass Rassismus untrennbar mit dem kapitalistischen System verbunden ist. Er entstand gleichzeitig mit diesem, wuchs mit ihm und kann nur zusammen mit ihm beseitigt werden.
Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung hat der Rassismus nicht immer existiert. Natürlich gibt es Diskriminierung seit dem Auftreten von Klassengesellschaften, doch sie beruhte fast nie auf Kriterien wie Hautfarbe oder Herkunft. Im antiken Griechenland waren die «Metöken» – Leute, denen die Bürgerrechte verweigert wurden – meist ebenfalls Griechen, und die Sklaven waren gewöhnlich genauso «weiss» wie ihre Herren.
Eine vergleichbare Situation bestand in Rom. Der berühmte römische Kaiser Septimius Severus war berberischer Herkunft, und niemand nahm daran Anstoss. Ausserhalb Europas hatten das Osmanische Reich oder das Reich Dschingis Khans es zu einer Spezialität gemacht, Mitglieder eroberter Völker unabhängig von Hautfarbe oder Religion in Verwaltung und Regierung zu integrieren.
Der «moderne» Rassismus, der auf Hautfarbe und Erscheinungsbild basiert, entstand zunächst als Mittel zur Rechtfertigung und Verewigung der Sklaverei, die vom aufkommenden Kapitalismus eingeführt wurde.
Zu Beginn des transatlantischen Sklavenhandels (Anfang des 16. Jahrhunderts) war die klare Trennung zwischen «Schwarzen» und «Weissen» noch nicht etabliert. Die Vorstellung einer «natürlichen» Unterlegenheit Schwarzer wurde erst ab dem 17. Jahrhundert und zunächst in Amerika verbreitet. Dies geschah nach mehreren Aufständen, bei denen sich schwarze Sklaven mit armen Weissen, die ebenfalls von den grossen Kolonialgrundbesitzern ausgebeutet wurden, verbündet hatten. Das Ziel war klar: die Ausgebeuteten zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen. Gleichzeitig diente dies dazu, die Versklavung und Deportation von Millionen Menschen zu rechtfertigen.
Dasselbe Argumentationsmuster wurde zur Zeit der Kolonialisierung ab dem 19. Jahrhundert erneut verwendet. Als die europäischen Mächte Afrika und Asien eroberten, taten sie dies angeblich nicht, um neue Märkte und Rohstoffquellen zu gewinnen – nein, sondern um den dortigen Völkern, die als «natürlich minderwertig» galten, die «Zivilisation» zu bringen. Der Rassismus wurde dabei auf ein bisher unbekanntes Mass verfeinert, sowohl um arme Kolonisten von den Kolonisierten zu trennen als auch die Kolonisierten untereinander.
Die französische Kolonial-«Wissenschaft» behauptete die Überlegenheit der Berber gegenüber den Arabern, während die belgischen Kolonialherren erklärten, die Tutsi in Ruanda seien «weiter entwickelt» als ihre Hutu-Mitbürger.
Diese Methode wurde auch ins Mutterland importiert. Mit jeder neuen Einwanderungswelle weitete sich das Spektrum des Rassismus aus und traf die «faulen» Italiener, die «saufenden» Polen und die «kriminellen» Araber.
In all diesen Beispielen geht der Rassismus von der herrschenden Klasse aus, die der übrigen Gesellschaft Vorurteile aufzwingt. Jedes Mal besteht das Ziel darin, die Arbeiter zu spalten und dadurch ihre Ausbeutung zu erleichtern. Indem Arbeiter gegeneinander ausgespielt werden, können die Kapitalisten die Löhne senken, die Ausbeutung verschärfen und Kämpfe lähmen durch eine angebliche Rivalität z.B. zwischen eingewanderten und einheimischen Angestellten.
Die rassistische Propaganda hat sich seit der Krise von 2008 nur verschärft. Das lässt sich leicht erklären, denn an der Wurzel des Rassismus steht der Mangel. Wenn genug für alle vorhanden wäre, gäbe es keine Grundlage für die von der herrschenden Klasse forcierte Rivalität zwischen verschiedenen Opfern des Kapitals. Doch die Aneignung eines enormen Teils des Reichtums durch die Bourgeoisie und die Unfähigkeit des Kapitalismus, die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen, schaffen einen Mangel an Arbeitsplätzen, Wohnraum, menschenwürdigen Lebensbedingungen usw. Der Rassismus ermöglicht der herrschenden Klasse einen Sündenbock zu finden für diesen Mangel, für den sie selbst verantwortlich ist.
Es gibt Theoretiker, auch in der Linken, die davon ausgehen, dass «weisse» Menschen «privilegiert» sind gegenüber «Schwarzen». Aber Rassismus bringt «weissen» Arbeitern nichts Positives. Im Gegenteil. Es wurde vielfach nachgewiesen, dass in einer Gesellschaft die Ungleichheiten unter den «Weissen» umso grösser sind, je stärker die rassistische Unterdrückung ausgeprägt ist. Mit anderen Worten: Je mächtiger der Rassismus, desto mehr leiden die Arbeiter – alle Arbeiter!
Beispielsweise drücken die niedrigen Löhne von Minderheiten aufgrund der Konkurrenz unter den Arbeitern die Löhne aller. Und Polizeigewalt, die ethnische oder religiöse Minderheiten trifft, kann ebenso gegen kämpfende Arbeiter angewendet werden, unabhängig von ihrer Hautfarbe.
Die Arbeiterklasse ist nicht immun gegen rassistische Vorurteile. Unter normalen Umständen steht sie unter dem Einfluss der Ideen, die die Bourgeoisie in der Gesellschaft verbreitet. Dazu gehört der Rassismus ebenso wie Sexismus oder Homophobie.
Diese Ideen müssen innerhalb der Arbeiterbewegung entschlossen bekämpft werden. Sie müssen bewusst aus ihr entfernt werden. Denn sie zerstören die Einheit, die die Arbeiterklasse zum Sieg benötigt.
Die Arbeiterbewegung darf sich jedoch nicht mit abstrakten Phrasen gegen Rassismus begnügen. Das wirksamste Mittel gegen Rassismus liegt im Klassenkampf selbst. In ihrer Einheit findet die Arbeiterklasse ihre Stärke, wie man bei jedem Streik beobachten kann. Wenn die Arbeiter ihre Bosse besiegen wollen, dürfen sie sich nicht entlang ethnischer, geschlechtlicher oder religiöser Linien spalten lassen. Sie brauchen die grösstmögliche Einheit.
Die Einheit, die im Kampf gegen einen gemeinsamen Feind geschmiedet wird, ist stärker als alle heuchlerischen Gesetze der Bourgeoisie «gegen den Rassismus». Im Kampf gegen die Kapitalisten oder gegen den bürgerlichen Staat erkennen die Arbeiter die Falschheit aller rassistischen Vorurteile, die von der Bourgeoisie geschürt werden. In allen Revolutionen der Geschichte sind die künstlichen Spaltungen, die von den herrschenden Klassen geschaffen wurden, angesichts der grundlegendsten Spaltung verblasst: der Teilung der Gesellschaft in soziale Klassen mit gegensätzlichen Interessen.
Dieser vereinende Kampf ist ein erster Schritt zur Liquidierung des Rassismus, aber er wird nicht ausreichen. Letztlich hat der Rassismus einen materiellen Nährboden: Unter dem Kapitalismus gibt es nicht genug für alle Arbeiter. Nur der Sozialismus wird durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und die bewusste, demokratische Planung der Wirtschaft die Bedürfnisse der gesamten Menschheit befriedigen können. Ohne materielle Grundlage und konfrontiert mit der im Kampf geschmiedeten Einheit der Arbeiterklasse wird der Rassismus zusammen mit allen anderen vom Kapitalismus hervorgebrachten Schrecken zu verschwinden beginnen. Sehr bald wird er nur noch die Erinnerung an eine barbarische Epoche sein.
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