Der Streik im öffentlichen Dienst des Kantons Waadt Ende 2025 markierte wegen seines Ausmasses und seiner Dauer einen Wendepunkt in den Kämpfen der Westschweiz. 8’000 der 35’000 Angestellten traten in den Streik, und mehrere Demonstrationen versammelten bis zu 30’000 Teilnehmer. Die Lehrpersonen, die den unbefristeten Streik ausgerufen hatten, standen an der Spitze der Bewegung. Einige Schulen blieben 13 Tage lang geschlossen. Die Bewegung zwang die Regierung, die Gehaltskürzung von 0,7 % zurückzunehmen. Wir haben mit David Gygax, Gewerkschaftssekretär des VPOD in Lausanne, gesprochen, um auf diese Mobilisierung und die daraus zu ziehenden Lehren zurückzukommen.

F: Wie war diese Bewegung möglich?

Die Bedingungen im Kanton Waadt unterscheiden sich nicht wesentlich von denen in anderen Kantonen. Aber hier gibt es seit etwa 30 Jahren eine Tradition des Kampfes im öffentlichen Dienst. Wenn man als Lehrperson mit 25 oder 30 Jahren an ein Gymnasium kommt und mit dem Unterrichten beginnt, erzählen die Kollegen von vergangenen Streiks. Das ist natürlich keine genetische Besonderheit der Waadtländer Beschäftigten, aber ein echter Unterschied zu anderen Kantonen: Wir haben eine Tradition des Kampfes etabliert.

Für den Kampf im Dezember 2025 gab es zwei Faktoren, die diese Bewegung möglich gemacht haben. Erstens die gewerkschaftliche Basisarbeit, die Organisation am Arbeitsplatz: vor Ort präsent sein, mit den Beschäftigten sprechen. Zweitens eine politisch-gewerkschaftliche Ausrichtung auf Konfrontation. Das bedeutet, die auferlegten Massnahmen abzulehnen und bereit für einen Konflikt zu sein. 

F: Wie hat sich die Bewegung entwickelt, von der ersten Demo im Oktober bis zum unbefristeten Streik?

Niemand hätte gedacht, dass die Kantonsregierung nach der Demonstration vom 2. Oktober ihre Massnahmen zurückziehen würde. Diese Klarheit ist ein Ergebnis der jahrelangen Kämpfe zuvor.

Bereits 2023 hatten wir einen dreimonatigen Kampf für den Teuerungsausgleich der Löhne geführt, mit mehreren Streiktagen gegen dieselbe Regierung. Wir haben nur eine Indexierung von 0,2 % erreicht, was angesichts der Intensität der Mobilisierung sehr wenig war.

In der Schweiz gibt es eine Logik der vereinzelten Streiktage: Man streikt einen Tag, dann noch einen, und wartet jedes Mal auf die Reaktion der Kantonsregierung. Für mich war klar, dass wir so verlieren würden. Aber es reicht nicht, dass einige Aktivisten das verstehen; die Streikenden müssen es selbst in Erfahrung bringen.

Nach den Tagen vom 18. und 25. November hatten wir bereits drei oder vier Streiktage hinter uns. Der Druck auf die Kantonsregierung war gross, doch diese gab nicht nach und lehnte jede Diskussion ab. Von da an war die taktische Entscheidung klar: Es musste härter gekämpft werden.

Die Frage nach einem unbefristeten Streik drängte sich nun auf. Man kann den Leuten nicht sagen, dass wir gewinnen werden, wenn wir nur einzelne Streiktage aneinanderreihen. Ein unbefristeter Streik garantiert zwar keinen Sieg, aber er war die einzige strategische Option, die Hoffnung auf einen Erfolg liess.

Das Ergebnis war, dass 1’200 Streikende, überwiegend Lehrpersonen, einen unbefristeten Streik ankündigten. Bei durchschnittlich 20 Schülern pro Klasse bedeutete dies eine beträchtliche Anzahl von Kindern, die nicht mehr zur Schule gingen. Der Druck entstand dadurch, dass die Arbeit nicht wieder aufgenommen wurde. Die Bewegung entglitt damit der Kontrolle der Kantonsregierung, die nicht mehr wusste, wie sie sie beenden sollte.

F: Wie war die Stimmung während der Bewegung?

Die Streikenden waren wütend über den Steuerdeckel und die Privilegien der Reichen. Es war offensichtlich, dass Kinderbetreuerinnen nicht zu den Privilegierten gehörten. Dazu sagten wir: Das Geld, das den Milliardären geschenkt wird, holen sie sich in den Kitas zurück. Irgendwann wird es unmöglich, diese Realität zu verschleiern oder uns als etwas anderes darzustellen, als wir sind: Menschen, die dafür kämpfen, die Lebens- und Arbeitsbedingungen aller zu verteidigen.

In diesen Wochen waren so viele Menschen mobilisiert, dass es fast unmöglich wurde, hinauszugehen, etwas trinken zu gehen oder sich mit der Familie zu treffen, ohne auf jemanden zu stossen, der an der Bewegung beteiligt war. Wenn 25’000 Menschen zwei Monate lang mobilisiert werden, zieht das zwangsläufig neue Schichten an.

F: Welche Bilanz habt ihr nach dem Kampf gezogen?

Das allgemeine Gefühl war, dass wir gewonnen hatten. Die Leute erkannten uns wegen der Demonstrationen oder der Fernsehauftritte auf der Strasse und sagten zu uns: «Bravo, ihr habt gewonnen.»

Trotz allem wurden dennoch 240 Millionen Franken an Kürzungen durchgesetzt. Aber es ging nicht nur um das Gehalt oder um die 0,7 %. Das Wesentliche für uns war, gewonnen zu haben und die Regierung in einem zentralen Punkt besiegt zu haben. Und das hängt direkt mit dem unbefristeten Streik zusammen. Wir können konkret zeigen, dass der unbefristete Streik funktioniert: Er ist keine politische Luftblase, sondern eine Strategie, die sich in einer realen Bewegung in der Schweiz ausgezahlt und bewiesen hat.

Was wir erreicht haben, werden wir nicht verlieren. Die Menschen haben aus dieser Mobilisierung eine starke persönliche Bilanz gezogen. Viele sagten uns, sie hätten das Gefühl gehabt, Teil von etwas Wichtigem zu sein. Es gibt nichts Wertvolleres, um sich auf zukünftige Kämpfe vorzubereiten.