Seit einigen Wochen führen wir neu in Olten einen offenen Lesekreis zu Lenins Staat und Revolution durch. Dabei geht es nicht einfach darum, ein Buch zu verstehen, sondern darum, die darin enthaltenen Lehren für die heutige Situation nutzbar zu machen. So hilft uns die Diskussion beispielsweise dabei, aktuelle politische Institutionen nicht als neutral zu betrachten, sondern zu fragen, wessen Interessen sie tatsächlich vertreten.
Eine Teilnehmerin erklärte: «Als Kind habe ich gerne gelesen, aber in der Schule verlor ich die Freude daran.» Im Lesekreis entsteht jedoch etwas völlig anderes. Da das Buch alle interessiert, bereiten sich die Teilnehmenden vor, machen sich Gedanken und bringen ihre Fragen mit, weil sie wirklich verstehen wollen, was Lenin meint.
Der Input am Anfang führt dann dazu, dass eine dynamische, lebendige, aber dennoch zielgerichtete Diskussion entsteht, die motiviert, weiterzulesen.
Oft merkt man beim Erklären einer Frage, dass man selbst noch nicht alles verstanden hat. Wenn aber verschiedene Genossen ihre Gedanken einbringen, lernt jeder von den Erfahrungen und Überlegungen der anderen. Genau deshalb ist Kaderbildung keine individuelle Angelegenheit. Politische Ideen zu verstehen, zu erklären und in der Praxis anzuwenden, geschieht nicht allein, sondern kollektiv. Was allein beim Lesen unklar bleibt, wird in der Diskussion gemeinsam erarbeitet.
Niemand muss bereits Experte sein. Niemand wird geprüft oder bewertet. Wer eine Frage hat, stellt sie. Wer etwas nicht verstanden hat, sagt es offen. Oft sind genau diese Fragen der Ausgangspunkt für die spannendsten Diskussionen.
So haben wir uns bereits mit grundlegenden Fragen beschäftigt: Was ist dialektischer Materialismus? Wie gehen wir mit Gewalt um? Was bedeutet die Diktatur des Proletariats? Wie behandeln wir die Wohnungsfrage? Und wie gehen wir mit religiösen Menschen um?
Oft genügt schon ein einziger Nachmittag, um zu merken, wie bereichernd kollektives Lernen sein kann.
Lerne und diskutiere jetzt mit Genossen der RKP die Klassiker des Marxismus: https://kommunismus.ch/organisier-dich/#nf-form-8-cont
Leo Trotzki war neben Lenin der wichtigste Führer der Bolschewistischen Partei, welche die Arbeiterklasse 1917 das erste und letzte Mal in der Geschichte zum Sieg führte. Das wäre nicht möglich gewesen ohne die Theorie des Marxismus, die Lenin und Trotzki als revolutionäre Handlungsanleitung diente. Dieser von uns übersetzte und leicht gekürzte Brief von Trotzki aus dem Jahr 1922 zeigt die gewaltige Bedeutung, welche Trotzki der theoretischen Ausbildung der Jugend beigemessen hat.
Verehrte Genossen!
Die Idee, eine Zeitschrift herauszugeben, welche die fortgeschrittene proletarische Jugend in die materialistische Weltanschauung einführt, scheint mit höchst wertvoll und fruchtbar.
In einer so kritischen und instabilen Epoche wie der unseren erfordert die Ausbildung der proletarischen Vorhut ernsthafte und verlässliche theoretische Grundlagen. Um zu verhindern, dass die grossen Ereignisse – die gewaltigen Ebben und Fluten, die raschen Wechsel der Aufgaben und Methoden der Partei und des Staates – das Bewusstsein des jungen Arbeiters verwirren und seinen Willen brechen, ist es notwendig, ihn mit der Methode der materialistischen Weltanschauung zu bewaffnen.
Genau in einer so entscheidenden Ära wie der unseren werden diverse idealistische und semi-idealistische Sekten und Denkschulen versuchen, das Bewusstsein der arbeitenden Jugend zu erobern. Das gilt ganz besonders, wenn diese Ära sich hinauszögert, sprich, wenn das Tempo der revolutionären Ereignisse im Westen sich als langsamer herausstellt, als wir hoffen. Durch Ereignisse überrascht, und ohne die reiche Erfahrung des praktischen Klassenkampfs im Gepäck, ist das Denken der Jugend der Arbeiterklasse ungeschützt gegenüber idealistischen Lehren.
All diese Schulen sind im Wesentlichen Übersetzungen religiöser Dogmen in die Sprache der Philosophie. Sie sind sich – trotz der Vielfalt ihrer Bezeichnungen (idealistisch, kantianisch, empiriokritisch etc.) – letztlich darin einig, dass Bewusstsein, Denken und Erkenntnis der Materie vorausgehen und nicht umgekehrt.
Die Aufgabe der materialistischen Bildung der Jugend der Arbeiterklasse besteht darin, ihr die grundlegenden Gesetze der geschichtlichen Entwicklung aufzuzeigen. Von diesen Gesetzen ist das wichtigste und entscheidendste jenes Gesetz, wonach das menschliche Bewusstsein kein freier, unabhängiger psychologischer Prozess ist, sondern eine Funktion der materiellen ökonomischen Grundlage. Das Bewusstsein ist abhängig von Klasseninteressen und -beziehungen, welche wiederum von der wirtschaftlichen Organisation abhängen. Dieses Gesetz offenbart sich am lebendigsten und offensten in einer revolutionären Epoche.
Das genügt jedoch nicht. Die menschliche Gesellschaft ist in die naturgeschichtliche Welt eingebettet. Wir müssen den heutigen Menschen als ein Kettenglied im gesamten Prozesses der Entwicklung sehen. Dieser Prozess beginnt mit der ersten organischen Zelle, die wiederum dem Labor der Natur entspringt, in dem physikalische und chemische Eigenschaften der Materie operieren.
Jene, die gelernt haben, mit klaren Augen in die Vergangenheit der gesamten Welt zu blicken – einschliesslich der menschlichen Gesellschaft, des Tier- und Pflanzenreichs, des Sonnensystems sowie aller Systeme drumherum –, werden den Schlüssel zum Verständnis der Geheimnisse des Universums nicht in den alten «heiligen» Büchern suchen.
Wer die Existenz himmlischer Kräfte nicht anerkennt – Kräfte, die scheinbar in der Lage sind, willkürlich in das persönliche und öffentliche Leben einzugreifen und es in die eine oder andere Richtung zu lenken – und wer nicht daran glaubt, dass Not und Leid nach dem Tod reichlich belohnt werden, der wird mit den Füssen fest auf dieser Erde stehen. Und der wird mutiger und selbstbewusster danach streben, für sein schöpferisches Wirken sich nur auf die materiellen Verhältnisse der Gesellschaft zu stützen.
Eine materialistische Weltanschauung eröffnet nicht nur einen weiten Blick auf das gesamte Universum, sondern stärkt auch unseren Willen.
Der proletarischen Jugend eine materialistische Bildung zu vermitteln, ist die allergrösste Aufgabe.
Lateinamerika — von Ilja Martin, Winterthur — 06. 07. 2026
Europa — von Silvan Degen, Basel — 03. 07. 2026
Kunst & Kultur — von Dario Dietsche, Bern — 30. 06. 2026
Gewerkschaften — von Interview geführt von Sereina Weber und Dario Dietsche — 25. 06. 2026