Hohe Mieten, kaputte Wohnungen, Angst vor Kündigungen und eine hoffnungslose Wohnungssuche: Kaum ein Thema sorgt für so viele schlaflose Nächte in der Arbeiterklasse wie die Wohnsituation. 

Besonders zugespitzt ist sie in Zürich. Bei der Stadtzürcher Bevölkerungsbefragung von 2025 gaben 56 Prozent an, Wohnraum sei ihr grösstes Problem. In den letzten Jahren hat sich die Situation verschlechtert. Bezahlbare Wohnungen sind kaum mehr verfügbar, riesige Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen sind normal. Laut Wüest und Partner sind die Mieten in der Stadt Zürich zwischen 2000 und 2025 inflationsbereinigt um 21 Prozent gestiegen. 

Die Mieten inserierter Wohnungen (Angebotsmieten) sind laut Tsüri.ch doppelt so hoch wie jene bestehender Mietverträge (Bestandsmieten). Somit bedeutet jede Kündigung, dass Arbeiter keine neue Wohnung zu einem ähnlichen Preis finden. Ständig hört man von sogenannten Leerkündigungen: Hausbesitzer setzen Mieter auf die Strasse, um Wohnungen, die sie jahrelang verlottern liessen, durch rentablere, teurere Wohnungen zu ersetzen. Eine solche Kündigung stellt das Leben Tausender brutal auf den Kopf: Alte werden aus ihrem Jahrzehnte alten Umfeld vertrieben und in die Einsamkeit gezwungen. Familien müssen ihre Kinder aus Schulen reissen und sie von ihren Freunden trennen. Ein Drittel der Gekündigten findet keine neue Wohnung mehr in der Stadt.

Immobilienbesitzer kassieren

Elend und Verzweiflung in der Arbeiterklasse bedeutet in der Bourgeoisie grosses Geld. Der Milliardär Henning Conle besitzt in der Stadt Zürich 1’250 Wohnungen. Er alleine kassiert durch die Mieten monatlich rund zwei Millionen Franken – fürs absolute Nichtstun. Arbeiter sind jeden Monat gezwungen, einen Grossteil ihres Lohns an diese Parasiten zu überweisen.

Die grössten Besitzer von Wohnungen in Zürich sind die UBS und Versicherungen wie Swiss Life und Zurich. Für sie ist die Situation hocherfreulich, nicht nur was Mieteinnahmen angeht. Immobilien sind eine hochrentable Anlage. Zwischen 2009 und 2024 haben sich die Bodenpreise in Zürich verdreifacht. Mit Immobilienspekulation machen sie Milliarden und treiben die Preise weiter hoch.

Riesige Wut

Die unerträgliche Situation sorgt für riesigen Unmut in der Arbeiterklasse. 83 Prozent der Zürcher finden, die Stadt unternehme zu wenig, um den Bau preisgünstiger Wohnungen zu fördern. 

Die FDP nutzt die Wohnungsnot zynisch aus, um mehr Deregulierungen und Lockerungen des Mietschutzes zu fordern. Das erhöhe das Angebot an bezahlbaren Wohnungen. Sie erpressen die Arbeiterklasse: «Lasst euch noch härter auspressen, dann gibt es mehr Wohnungen für euch». 

Die SVP versucht demagogisch, aus der Wut über die Wohnsituation politisches Kapital zu schlagen. Sie gibt den Ausländern die Schuld für den Wohnungsmangel. Damit spaltet sie die Arbeiterklasse und lenkt von den wirklichen Schuldigen ab: den Kapitalisten.

Die Wohnpolitik der SP und den anderen reformistischen Linken zielt darauf ab, durch Gesetze und Regulierungen die Wohnsituation zu verbessern. Das tun sie in den Parlamenten und mit einer Flut von Initiativen auf allen Ebenen.

Reformismus ist gescheitert

Wir müssen ehrlich sein, die reformistische Politik hat auf ganzer Linie versagt. In der Stadt Zürich hat die Linke seit Jahren eine Mehrheit im Gemeinderat und der Regierung. Ihrem eigenen Ziel von einem Drittel gemeinnütziger Wohnungen (SP-Initiative, vor 15 Jahren mit 75 % Ja-Stimmen angenommen) kommen sie aber keinen Millimeter näher.

Das grandiose Scheitern der Politik der Linken liegt an ihrem Reformismus. Reformisten akzeptieren die Grenzen des Kapitalismus. Doch es ist genau der Kapitalismus, der die Ursache der Wohnkrise ist. 

In der Praxis bedeutet das, dass die SP das bürgerliche Recht auf Privatbesitz respektiert. So fordert sie auch, die Stadt solle Wohnungen auf dem Markt kaufen und dann günstiger vermieten. Heisst: Entweder muss die Stadt Häuser zu horrenden Marktpreisen kaufen. Das bezahlt dann die Arbeiterklasse durch Steuern, Sparmassnahmen oder höhere Kostenmieten. Oder die Kapitalisten weigern sich, ihre hochrentablen Immobilien der Stadt zu verkaufen. Wer besitzt, bestimmt nunmal im Kapitalismus.

Wohnen ist im Kapitalismus eine Ware. Kapitalisten bauen nicht, um Bedürfnisse zu befriedigen, sondern um möglichst viel Geld zu machen. Das lässt sich nicht durch Regulierungen ändern. Sind sie mit Gesetzen unzufrieden, investieren und bauen sie einfach nicht. Genau damit drohen die Bürgerlichen in einer Broschüre zur Wohnschutzinitiative, die das Leerkündigen einschränken will. 

Ausserdem halten sich die grossen Immobilienbesitzer wie alle Kapitalisten nicht an Regulierungen und Gesetze. Jeder Arbeiter, der schon einmal versucht hat, seinen Vermieter zum Entfernen von Schimmel zu bringen, kennt das. Wer besitzt, sitzt am längeren Hebel und hat die Gerichte auf seiner Seite.

Kapitalisten regulieren und sozialer machen zu wollen, ist so utopisch wie einem Tiger den Fleischhunger zu verbieten.

Die wirkliche Lösung

Das Wohnungsproblem wäre lösbar. Es gibt genug Ressourcen für gute Wohnungen für alle. Wenn die Kapitalisten nicht bereit sind, sie zu unserem Wohl einzusetzen, dann müssen sie entschädigungslos enteignet werden. 

Mit der Enteignung der grössten Immobilienbesitzer könnten über Nacht Tausende Wohnungen in städtische Wohnungen umgewandelt werden. Die Mieten könnten sofort halbiert werden. Gewerkschaften und Nachbarschaftskomitees könnten sofort einen zentralisierten Plan erstellen, um leerstehende Wohnungen zu ermitteln und diese nach Kriterien wie Nähe zum Arbeitsplatz oder Nähe zu Schulen an Arbeiterfamilien zu verteilen. Das Leben zehntausender Arbeiterfamilien würde sich rasant verbessern.

Reformisten werden sagen, ein solches Programm sei schön, aber völlig utopisch und nicht durchsetzbar. Utopisch sind aber ihre Versuche, die Wohnkrise innerhalb der Grenzen des Kapitalismus zu lösen. 

In einem haben sie recht: Es ist unmöglich, dieses Programm via Parlament, Verwaltung und Gerichte durchzusetzen. Das sind die Institutionen des Staates der Kapitalisten. Ihr Zweck ist der Schutz des Eigentums. Sie werden ein solches Programm mit ganzer Kraft sabotieren.

Die einzige Kraft, die ein solches Programm erkämpfen kann, ist die organisierte, mobilisierte Arbeiterklasse. Sie hat einerseits ein gemeinsames Interesse daran, weil fast alle Arbeiter Miete zahlen müssen und von der Wohnkrise betroffen sind. Andererseits hat sie auch die gesellschaftliche Macht, sich durchzusetzen. Ohne Arbeiterklasse steht alles still, wird kein Haus gebaut, fährt kein Tram.

Eine Massenbewegung für die Enteignung der grossen Immobilienbesitzer, die von den Massenorganisationen losgetreten wird, würde heute sofort zehntausende Arbeiter mobilisieren. Fast 30’000 unterschrieben Ende 2024 in kürzester Zeit eine Petition gegen die Leerkündigung der Sugushäuser in Zürich. Der Hass auf die Hausbesitzerin, die kurz vor Weihnachten Arbeiter auf die Strasse gestellt hatte, war so gross, dass sogar ein Gericht die Kündigung für ungültig erklären musste. 

Diese Bewegung könnte nicht bei der Enteignung der grossen Immobilienbesitzer stehen bleiben. Die Wohnkrise ist eines der vielen Symptome der Krise des Kapitalismus. Sie ist nur lösbar, wenn die Arbeiterklasse sie an der Wurzel packt. Nur die Enteignung der Bourgeoisie und die Machteroberung der Arbeiterklasse, der Sozialismus, kann die Wohnkrise lösen.