Im September 2022 verhafteten „Revolutionsgarden“ – eine ultrareaktionäre Politik- und Moralpolizei – in Teheran eine junge Kurdin, Jîna Emînî, unter dem Vorwand, sie trage ihren Hidschab „auf unangemessene Weise“. Sie folterten sie, bis sie das Bewusstsein verlor. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sie drei Tage später an den Folgen ihrer Verletzungen starb.

Der neueste Film des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof, Die Saat des heiligen Feigenbaums, malt ein Bild der iranischen Gesellschaft während der mächtigen Protestbewegung, die durch dieses zigste Verbrechen des Mullah-Regimes ausgelöst wurde.

Die Erzählung taucht in das Leben einer Familie aus Teheran ein: Sana, Schülerin, ihre Schwester Rezvan, Studentin, ihre Mutter Najmeh, Hausfrau, und ihr Vater Iman, der gerade zum Ermittler am „Revolutionsgericht“ von Teheran befördert wurde. Bevor sich der Kampf auf den Strassen zu einem Kampf innerhalb der Familie entwickelt, in dem jedes Mitglied Stellung bezieht, beobachten wir durch Sana und Rezvan die wachsende Mobilisierung der iranischen Jugend.

Im gesamten Film integriert Rasoulof mehrere echte Aufnahmen, die mit Handys gefilmt wurden. Diese Videos zeigen Studenten – vor allem junge Frauen –, die unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“ demonstrieren, aber auch die extreme Gewalt der polizeilichen Repression. Getreu seinem üblichen Stil scheut der Regisseur nicht davor zurück, die Brutalität des iranischen Staates zu zeigen. Mehrfach sehen wir, wie die Polizei Demonstranten schlägt, auf sie schiesst und sie verhaftet. Während die offiziellen Medien nur die zynische Lügenpropaganda des Regimes verbreiten, sind diese Videos für die Schwestern – genau wie für uns – die wichtigste Quelle, um sich ein Bild davon zu machen, wie es in den Strassen von Teheran im Feuer der Bewegung aussah.

Finesse und Spannung

Aus filmischer Sicht ist Die Saat des heiligen Feigenbaums ein ausgezeichnetes Werk. Die Komplexität der Figuren und ihre radikale Wandlung sind sehr gut ausgearbeitet. Der Film durchläuft verschiedene Genres: Familienchronik, Politfilm, Thriller, Kammerspiel, Roadmovie. Die von den Teheranern gefilmten Sequenzen sorgen für eine rohe Authentizität und nie nachlassende Spannung. Trotz der Länge des Films (2:46 Stunden) lässt uns die Intensität der Atmosphäre durchwegs den Atem anhalten.

Indem er sich dafür entscheidet, uns vom Zentrum der Demonstrationen fernzuhalten, schafft Rasoulof eine Distanz zu den Ereignissen und eine ständige Spannung, die auch die ganze Familie erfasst. Die Geschichte scheint sich draussen abzuspielen, während die Schwestern unter Najmehs wachsamen Augen in ihrer Wohnung eingeschlossen bleiben. Dies spiegelt ebenfalls wider, wie Rasoulof selbst diese Bewegung erlebt hat: aus dem Inneren einer Gefängniszelle, von wo aus er nur Geräusche und Echos der Mobilisierung hören konnte.

Das Drehen von „Die Saat des heiligen Feigenbaums “ im Iran war ein mutiger Akt. Rasoulof ging grosse Risiken ein, um heimlich zu filmen – hauptsächlich in Privatwohnungen, oft in den frühen Morgenstunden oder spät in der Nacht. Diese Vorsicht war gerechtfertigt, wie die Ankündigung des iranischen Regimes nach der Auswahl des Werks für die Filmfestspiele von Cannes zeigt: acht Jahre Gefängnis und Auspeitschung. Dies zwang Rasoulof, unter gefährlichen Bedingungen auf einer 28-tägigen Flucht nach Deutschland aus dem Land zu entkommen. Trotz dieser Repressionen betont er, dass er Glück hatte, nicht das Schicksal vieler Iraner zu erleiden, die vom Regime zum Tode verurteilt wurden.

Revolutionärer Optimismus

Rasoulof präsentiert die Kämpfe von 2022 nicht als eine einfache, kurzlebige und isolierte Rebellion, sondern als Vorboten eines unvermeidlichen Wandels. Sein Film endet auf einer entschlossen optimistischen und revolutionären Note. Die Massenmobilisierung und der Tod von Hunderten von Demonstranten waren nicht umsonst. Die Lehren aus dieser Bewegung haben sich im Bewusstsein der iranischen Jugend und der Arbeiterklasse verankert. Diese Samen werden mit der Wirtschaftskrise und der brutalen Unterdrückung durch die Kräfte der Islamischen Republik unablässig genährt; der Tag wird kommen, an dem diese Samen keimen; dann werden die iranischen Massen erneut die Bühne der Geschichte betreten, in noch grösserem Ausmass als 2022.

Wie der Film zeigt, bildete die iranische Jugend die Vorhut der Bewegung von 2022. Im Iran wie auch anderswo ist die Jugend die radikalste Schicht der Gesellschaft. Ohne die massive Beteiligung der Arbeiterklasse können die Studenten jedoch nicht siegen. Das ist die Herausforderung der nächsten revolutionären Bewegung im Iran: die Jugend und die Arbeiter durch ein Programm zu vereinen, dessen Ziel der Sturz der Islamischen Republik und des iranischen Kapitalismus ist.

„Jin, Jiyan, Azadî!“ – „Frau, Leben, Freiheit!“


Wegen des massiven Anstiegs der Preise begann am 29. Dezember 2025 ein Basarstreik in Teheran, der zu einer Massenbewegung im ganzen Land wurde. Zu ökonomischen Forderungen wie «Tod den hohen Preisen» kamen politische und revolutionäre Slogans: «Tod dem Diktator / dem ganzen System / der islamischen Republik». Das Regime beendete die Bewegung mit massiver Repression – offizielle Stellen sprechen von 2000 Toten, es gibt Massenverhaftungen. 

Die Imperialisten, insbesondere Trump und Netanjahu, versuchten, die Bewegung für ihre Zwecke auszunutzen. Damit halfen sie aber dem iranischen Regime, das sich nur so lange halten kann, weil die iranischen Massen die Zerquetschung des Landes unter dem Stiefel des westlichen Imperialismus fürchten. Im Westen haben wir die Verantwortung, jegliche Abenteuer durch «unsere» Herrschenden im Iran zu verhindern!

Die Redaktion