Das feministische Streikkollektiv hat Anfang Mai angekündigt, am diesjährigen 14. Juni keine Demo zu organisieren – mangels Ressourcen. Daraufhin haben wir von der RKP Bern einen Aufruf an alle linken Organisationen gemacht, dem Kollektiv zu helfen, eine Demo zu organisieren. Das Kollektiv hat den Aufruf abgelehnt und dies begründet (Wir haben das Kollektiv angefragt, zwecks Transparenz der Debatte, ihre Antwort mit zu veröffentlichen. Bislang haben wir noch keine Antwort gekriegt.). Ihre drei Hauptpunkte sind: 1) Unser Aufruf ist «übergriffig», 2) Wir halten uns nicht an die «Streikgrundlage», 3) Dezentrale Aktionen sind zielführender als eine Demo.
Wir sind nicht einverstanden mit den Argumenten. Doch wir begrüssen politische Debatten, da sie zur politischen Klärung innerhalb der Bewegung beitragen. Darum machen wir die Debatte öffentlich. Hier unsere Antwort:
Hallo feministisches Streikkollektiv
Danke für eure Antwort und Erklärung, warum ihr nicht einverstanden seid mit unserem Demo-Vorschlag. Hier unsere Antwort auf eure drei wesentlichen Kritik-Punkte:
Ihr sagt, unser Aufruf entspreche nicht eurem «Wunsch» und sei deshalb «übergriffig». Aber es geht doch hier nicht um persönliche Befindlichkeiten. Es geht um etwas viel grösseres als uns. Nämlich darum, die grösste Massenbewegung gegen Unterdrückung, die die Schweiz in den letzten Jahrzehnten erlebt hat, vorwärts zu treiben.
Das ist dringend nötig und voll möglich. Denn die Bürgerlichen laden die Krise mit voller Wucht auf uns ab: Sie sparen das Sozialwesen zusammen, sabotieren die Umsetzung der Pflegeinitiative und verhindern wirklichen Schutz vor der zunehmenden sexuellen Gewalt. Um von ihrem System abzulenken und uns zu spalten, hetzen sie gegen Frauen und Ausländer – allen voran die SVP. Gegen all das braut sich ein tiefer Unmut zusammen. Hunderttausende wollen es nicht länger hinnehmen, dass Frauen und Ausländer in diesem System weniger Wert sind als Schafe.
Daraus ergibt sich nur eine Schlussfolgerung: Es braucht eine Offensive gegen die Profiteure von Unterdrückung. Eine kämpferische Demo am 14. Juni, bei der neue Kräfte mobilisiert und gebündelt werden, wäre der beste Startpunkt hin zu einem wirklichen Streik 2027.
Den linken Organisationen vorzuschlagen, euch dabei zu unterstützen, hat nichts mit Übergriffigkeit zu tun. Es ist die konsequente Schlussfolgerung aus dem riesigen Potential, den Kampf gegen Unterdrückung am diesjährigen 14. Juni vorwärts zu treiben und eurem erklärten Mangel an Ressourcen.
Ihr lehnt unseren Aufruf ab, weil unser Vorschlag die Grundlage der Bewegung missachte. Was ist denn die Grundlage der Bewegung? Was ist der gemeinsame Anspruch der Hunderttausenden, die seit 2019 auf der Strasse sind? Sie alle wollen eine Gesellschaft ohne Unterdrückung (Doppelbelastung, Lohnungleichheit, Sexismus im Alltag etc.). Das ist das gemeinsame Ziel.
Fürs Erreichen dieses Ziels gibt es unterschiedliche Ideen. Ihr sagt, ihr seid Anhänger der Ideen der Intersektionalität und des Feminismus. Wir verteidigen andere Ideen, die des Marxismus. Unserer Auffassung nach ist die Unterdrückung (von Frauen, Queers und anderen unterdrückten Schichten) ein Produkt der Klassengesellschaften. Den Kampf gegen Unterdrückung ernst nehmen, heisst demnach, ihn als Teil des Klassenkampfs gegen den ganzen Kapitalismus zu führen.
Diese Position zwingen wir niemandem auf. Wir versuchen jedoch, als Teil dieser Bewegung möglichst viele Leute für diese Position zu gewinnen. Denn wir sind überzeugt, dass die Ideen und Methoden des Marxismus den Kampf gegen Unterdrückung vorwärts bringen.
Wir sind dafür, dass alle ihre Programmvorschläge in die Bewegung tragen. Denn: Eine Debatte darüber zu führen, welche Ideen und Methoden dem Kampf weiterhelfen, spaltet oder schwächt die Bewegung nicht. Im Gegenteil: Nur durch das Einbringen verschiedener Vorschläge kann sich jeder eine Meinung bilden. Nur so kann ein höheres gemeinsames Verständnis und somit eine höhere Einheit im Kampf geschaffen werden.
Wenn ihr jedoch die Theorien der Intersektionalität und des Feminismus zur Grundlage dieser Bewegung erklärt, schliesst ihr damit nicht nur Marxisten aus – sondern Zehntausende Mitstreiterinnen und Mitstreiter, die nicht eure Ideen vertreten. Eine solche Herangehensweise widerspricht dem Grundprinzip jeder Bewegung – sie macht die Bewegung kleiner, verhindert die Klärung dessen, was die Bewegung braucht und schwächt damit unsere gemeinsame Schlagkraft.
Ihr schreibt, euer Anspruch sei es gewesen, das zu organisieren, was am zielführendsten für die Vorbereitung des Streiks 2027 sei. Diesen Anspruch teilen wir voll und ganz. Dezentrale Aktionen sind es unserer Meinung nach jedoch nicht.
Denn dezentral heisst zerstückelt. So kann Unterdrückung nicht bekämpft werden. Vereinzelt sind wir der Gewalt des Partners, dem systematischen Sexismus der Gerichte, der Doppelbelastung von Haus- und Lohnarbeit, der Willkür chauvinistischer Bosse, der Brutalität der Sparpolitik und jeder anderen Form von Unterdrückung komplett ausgeliefert.
Kampffähig werden, heisst, aus der Isolation auszubrechen. Das gilt insbesondere für Carearbeit-leistende Mütter. Mit dezentralen Aktionen überwinden wir die Isolation nicht, sondern zementieren sie.
Ihr sagt, eine Demo am Sonntag mache keinen Sinn, weil dann die Innenstadt «leergefegt» sei. Dahinter steckt die Auffassung, dass eine Demo ein symbolisches Mittel zu mehr Sichtbarkeit ist: Je mehr eine Demo gesehen wird, desto wirksamer ist sie.
Wir teilen diese Auffassung nicht. Eine Demo ist eine Form von Selbstorganisierung. Ihr Zweck liegt darin, die kollektive Organisation vorwärts zu treiben und somit die Schlagkraft einer Bewegung zu stärken. In einer Demo lernt man, dass man nicht alleine ist mit seinen Problemen. Im Gegenteil: Wir sind viel mehr, als die winzige Minderheit an Profiteuren von Unterdrückung und Ausbeutung. Deshalb versuchen sie uns mit sexistischer und rassistischer Hetze zu spalten.
Ihrer Spaltung müssen wir mit Einheit entgegentreten. Nur mit Massenkampf hinzu wirklichen Streiks können wir sie zu Zugeständnissen und in die Knie zwingen. Und zum Erreichen dieser Einheit brauchen wir eine offene Debatte darüber, mit welchen Methoden wir unser gemeinsames Ziel – eine Gesellschaft ohne Unterdrückung – erreichen.
In dieser Hinsicht begrüssen wir euer Vorhaben eines gemeinschaftlichen Anlasses auf dem Bundesplatz, der dieser Diskussion Raum bietet. Wir möchten nochmals betonen, dass wir fürs Gleiche kämpfen. Wir würden uns gerne mit einem Stand und/ oder einer Rede einbringen. Ist das möglich?
Um unseren Anteil daran zu geben, dass der Anlass möglichst gross wird, mobilisieren wir mit unseren bescheidenen Kräften auf den Bundesplatz. Und wir sind gerne bereit, organisatorisch anzupacken – falls Bedarf besteht.
Solidarische Grüsse
RKP Bern
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