„Hier tötete sich mit seinem Revolver der Held des Romans Krieg und Krieg von László Krasznahorkai, György Korim, der lange suchte und nicht fand, was er den Ausweg nannte.“

Vor nicht allzu langer Zeit war diese Inschrift auf einer Plakette an den «Hallen für die Neue Kunst» in Schaffhausen eingraviert. Das Museum wurde 2014 geschlossen und der letzte Wunsch Korims, in Schaffhausen neben seinen geliebten Skulpturen von Mario Merz zu sterben, ist nur noch eine ferne Erinnerung.

Wie kam es, dass in Schaffhausen einem ungarischen Romanhelden gedacht wurde? Von dieser literarischen Heldentat möchte ich euch hier erzählen.

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György Korims Alltag als Archivar in irgendeiner Stadt irgendwo an der Grenze zwischen Rumänien und Ungarn ist trostlos. Sein Leben wird auf den Kopft gestellt, als er ein mysteriöses altes Manuskript von einem unbekannten Verfasser entdeckt. In einem Moment der Erkenntnis entscheidet er sich, seine ganze Existenz dem Erhalt, ja sogar der ewigen Bewahrung dieses Manuskripts zu widmen. So beginnt sein wahnwitziges Abenteuer mit einer Reise nach New York und der Überzeugung, dass einzig der «Nabel der Welt» der Grossartigkeit dieses Dokuments gerecht wird. Mit einigen Mühen schafft er es dorthin und findet in der sonderbaren Wohnung eines ungarischen Übersetzers und seiner Ehefrau eine Unterkunft. Hier hat er «die Idee, das Manuskript in das Gedächtnis all dieser Milliarden Computer auf der Welt zu transkribieren, das angesichts des allgemeinen Gedächtnisschwunds der Menschheit zu einer Insel vorübergehender Ewigkeit geworden ist…»

̇Während eines Grossteils des Romans schwankt die Erzählung zwischen dem ebenso alltäglichen wie chaotischen, fast beklemmenden Leben Korims in New York und den Reisebeschreibungen der vier Figuren des Manuskripts, die Raum und Zeit durchqueren: Vom alten Kreta über Köln bis hin zur Republik Genua reisen sie, stets getrieben vom Krieg in unterschiedlichen Formen. Korims Leben gleicht ebenso einem Krieg in erster Linie mit seiner Umwelt – man stelle sich ein sozial ungeheuer ängstliches Landei ohne Englischkenntnisse im Herzen New Yorks vor, ein Albtraum! Doch auch mit sich selbst ringt er, da schon auf den ersten Seiten seine Suizidalität offenbar wrid. Korim lebt nur noch durch das Manuskript und seine Figuren. Sobald sein Inhalt vollständig auf einer Webseite wieder veröffentlicht wurde, zwingt eine Kette von thrilleresken Ereignissen den Ungarn dazu, New York zu verlassen und den Weg nach Schaffhausen einzuschlagen, um sein Leben zu beenden.

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«Krieg und Krieg» rief mir die kreative Macht der Literatur in Erinnerung. «Die Sätzen waren strukturiert, die Worte, Satzzeichen, Punkte, Kommas waren wohl platziert – und dennoch, sagt Korim, während er wieder seinen Kopf zu schwenken begann, könne alles im ersten Teil Geschehene in einem einzigen Wort zusammen gefasst werden: Einsturz, Einsturz, Einsturz, Kollaps, Kollaps, Kollaps». Diese wenigen Zeilen führen gut Krasznahorkais virtuosen, zügellosen, aber leicht lesbaren Stil vor. Der Stil an und für sich zählt nicht viel ohne gute Ideen, die der Autor aber hat – sein Werk stellt ungeheuer grosse Fragen auf.

2025 erhielt László Krasznahorkai den Literatur-Nobelpreis für sein «faszinierendes und visionäres Werk, das inmitten apokalyptischer Furcht die Macht der Kunst erneut bestätigt».

Diesen zweiten Aspekt seines Werks – die Verteidigung der Kunst – finde ich besonders mächtig. In «Krieg und Krieg» wächst der universalistische Reichtum des Manuskripts über Korims Person hinaus und auch er wird zum lebendigen Gedächtnis längst vergangener Generationen. Die gesamte Tragödie des Romans findet sich in der Zerstörung dieser Erinnerung; trotz Korims Riesenbemühungen scheint sich die Welt schlicht nicht um das Manuskript zu kümmern. Und letztlich gibt es auch die Webseite nicht mehr, wie man unter https://warandwar.com/ selbst nachprüfen kann. Not found. Die digitale Welt ist leider keine «Insel der Ewigkeit». Auch dort vergeht, was nicht profitabel ist. Krasznahorkais schmerzhafte Reflexionen über die Rolle der Kultur in der Gesellschaft treffen einen wunden Punkt unserer Epoche.

Die Tatsache, dass das Museum und die Plakette für Korim den kantonalen Sparmassnahmen zum Opfer gefallen sind, stellt nur eine weitere, meta-ironische Schicht dar. Offenbar wurde die Plakette 2015 in den Keller einer Basler Stiftung für Kunst überführt. Ich frage mich, ob sie heute noch dort liegt.


Krieg und Krieg
Ersterscheinung 1999 auf Ungarisch (Háború és háború)
auf Deutsch Fischer Taschenbuch