Vorhang auf: Die Chicagoer Schlachthöfe während der Wirtschaftskrise im Jahr 1929. Auf der Bühne folgen wir Johanna, einer jungen Frau, die das Elend dieser Welt nicht länger hinnehmen kann. Sie will in die Welt eingreifen und das führt sie auf eine Irrfahrt: Von den Tiefen der Armenviertel und Schlachthöfe bis hoch in die Ränge der Fleischbörse und Fabrikanten. Nach dem Stück ist mein Vater baff: «War das echt der Originaltext? Die Fabrikanten klangen ja wie Trump!» Ich stimme voll zu. Das fast 100 jährige Theaterstück Die heilige Johanna der Schlachthöfe von Bertolt Brecht ist hochpolitisch und brandaktuell.

Auftritt von Johanna Dark als Missionarin der Schwarzen Strohhüte, einer Art Heilsarmee. Ihr erster Gang in die Tiefe zu den Schlachthöfen: Sie bringt den Armen Suppe und versucht, Gottes Wort zu verbreiten. Zwar kommen die Arbeiter und essen die Suppe, doch reden sie nur von den Aussperrungen der Fleischfabrikanten, die sie alle auf die Strasse setzen. Schuld sei der «Fleischerkönig», ein Fabrikant, der Mauler heisst. 

Um die Ursache des Elends zu verstehen, konfrontiert Johanna den Mauler. «Auf den Schlachthöfen sagen sie, Sie sind Schuld an dem Elend!» Doch Mauler kehrt die Sache um: «Der Mensch ist schlecht. Erst muss, bevor die Welt sich ändern kann, der Mensch sich ändern.» Er schickt Johanna zurück zum Schlachthof: Dort soll sie sehen, dass die armen Leute voller Verrat und Feigheit und darum selber schuld an ihrem Elend seien. 

Johannas zweiter Gang in die Tiefe. Vor dem Fabriktor schreit verzweifelt eine Arbeiterfrau: «Ihr da drinnen, was macht ihr mit meinem Mann? Seit vier Tagen stehe ich hier in der Kälte, auch nachts, und warte, aber es wird mir nichts gesagt, und mein Mann kommt nicht heraus!» Der Unfalltod ihres Mannes wird verheimlicht. Aber als Johanna die Frau später in der Kantine trifft, hat der Aufseher sie bereits mit Essen bestochen. Johanna ist schockiert, aber denkt laut: «Sicherlich gern hätte sie doch Treue gehalten ihrem Mann wie andere auch. Aber der Preis war zu hoch, der zwanzig Essen betrug.» Johanna erkennt, dass Moral keine Frage des Charakters, sondern der sozialen Lage ist: «Nicht der Armen Schlechtigkeit hast du mir gezeigt, sondern der Armen Armut.» 

Aber wie die Armut bekämpfen? Johanna bittet erneut den Mauler um Hilfe, denn «ein Gerechter muss doch unter ihnen [den Mächtigen] sein!». Mauler lässt sich sogar rühren und folgt ihren Bitten. Nun beginnt ein Thriller aus Fabrikanten, die sich gegenseitig übers Ohr hauen. Mittendrin verzweifelt Johanna daran, dass ihre moralischen Ansprüche an der Marktlogik zerbrechen. Die Details müsst ihr selber nachlesen, aber am Ende bleiben die Fabriken zu – die Arbeiter sind die grossen Verlierer. Johanna versteht: «Ich lauf von Pontius zu Pilatus und mein: wenn ich euch da oben helf, dann ist denen da unten auch geholfen. Da ist so eine Art Einheit und wird am gleichen Strang gezogen, aber da war ich ganz schön dumm.»

Beim dritten Gang in die Tiefe schliesst sich Johanna den Arbeitern an, die sich gegen Massenentlassungen wehren. Doch als die Arbeiter zum Generalstreik aufrufen und die Konfrontation mit der Staatsmacht unausweichlich wird, schreckt Johanna zurück. Sie soll eine entscheidende Nachricht an die Arbeiter überbringen, damit der Streik stattfindet. Weil sie Gewalt nicht mit Gewalt bekämpfen will, hält sie die Nachricht zurück. In der Folge scheitert der Streik und die Arbeiter werden blutig niedergeschlagen.

Verzweifelt durch ihren Verrat und entkräftet von Hunger und Kälte sinkt Johanna aufs Strassenpflaster. Mit ihrem Appell kurz vor ihrem Tod durchbricht sie die Vierte Wand und richtet sich direkt an uns: 

«Ich habe nichts geändert. Schnell verschwindend aus dieser Welt ohne Furcht, sage ich euch: Sorgt doch, dass ihr die Welt verlassend, nicht nur gut wart, sondern verlasst eine gute Welt!

Denn es ist eine Kluft zwischen oben und unten, grösser als zwischen dem Berg Himalaja und dem Meer. Und was oben vorgeht, erfährt man unten nicht, und nicht oben, was unten vorgeht. Und es sind zwei Sprachen oben und unten. Und zwei Masse zu messen.

«Die aber unten sind, werden unten gehalten. Damit die oben sind, oben bleiben. Und der Oberen Niedrigkeit ist ohne Mass. Und auch wenn sie besser werden, so hülfe es doch nichts, denn ohnegleichen ist das System, das sie gemacht haben: Ausbeutung und Unordnung, tierisch und also unverständlich.

Nach dem Theater habe ich das Stück auch noch gelesen. Es ist vielschichtig und von der Sprache manchmal anspruchsvoll. Ich war fasziniert davon, Johannas politischen Lernprozess konkret zu verfolgen: vom abstrakten Moralismus, über den Reformismus und Pazifismus hin zu revolutionären Schlussfolgerungen. Da gibt es klare Parallelen zu Greta Thunberg und dem Klimastreik, der Palästinabewegung und den Gen Z Revolutionen. Mein Appell an euch: Die Heilige Johanna der Schlachthöfe ist mehr als ein Theaterbesuch wert. Lest das Stück, dann versteht ihr euren eigenen politischen Werdegang!