KI hat Eigenschaften, die nach menschlichem Denken aussehen. Sie übersetzt Texte und antwortet im Chat fast wie ein Mensch. Hat KI also Bewusstsein?
Der Nvidia-Chef erklärte vor einigen Wochen: «Wir haben allgemeine künstliche Intelligenz erreicht!» Wenn wir diesen Leuten glauben, dann wächst in den Händen von kapitalistischen Tech-Bros wie Zuckerberg und Co. eine Art Superintelligenz heran. Eine beunruhigende Vorstellung! Aber stimmt es, was sie sagen? Kann KI denken?
Wir dürfen die Aussagen dieser Kapitalisten nicht für bare Münze nehmen. Sie wollen mit ihren kühnen Aussagen nur einen Hype um KI kreieren und Investoren anlocken. Wir müssen selber die Wahrheit finden. Dazu reicht es nicht, oberflächliche, isolierte Eigenschaften von Chatbots und Menschen zu vergleichen. Wir brauchen ein tiefes, ganzheitliches Verständnis davon, was Denken ist.
Bewusstsein ist kein mystischer, selbständiger Geist, sondern ein historisches Produkt lebendiger Materie. Die Materie hat eine Geschichte. Sie entwickelt sich durch ihre eigene innere Dynamik, von einfachen Formen wie Sternenstaub bis hin zu den komplexesten Formen. Diese Geschichte kennt Phasen der kontinuierlichen Entwicklung, aber auch kritische revolutionäre Momente, in denen die Materie sprunghaft eine neue Qualität annimmt.
In der sogenannten Ursuppe, einem der frühesten Stadien in der Entwicklungsgeschichte unserer Erde, fanden durch Wärmezufuhr u.a. chemische Prozesse statt, die komplexere Moleküle hervorbrachten. Aus diesen begann vor 3,5 Milliarden Jahren der Lebensprozess. Eine neue Form der Materie war entstanden.
Diese lebendige Materie unterscheidet sich qualitativ von toter: Ihre Entwicklung wird nicht mehr nur durch physikalische und chemische Gesetze bestimmt, sondern durch die biologische Evolution. Über Jahrmillionen hat die Evolution immer komplexere Formen von Leben entstehen lassen. Aus einfachsten Einzellern entwickelten sich die heutigen Pflanzen und Tiere.
Auf diese Weise kam es zur revolutionären Geburt des Menschen. Bedingt durch klimatische Veränderungen stieg ein Teil der frühen Menschenaffen von den Bäumen herab und begann, aufrecht zu gehen. Durch den Gang auf zwei Beinen wurden die Hände frei. Das schuf die Möglichkeit, Werkzeuge anzufertigen, die Umwelt zu verändern, so die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und nicht unterzugehen im harten Existenzkampf.
Der Mensch ist also ein arbeitendes Tier. Die Entstehung und Entwicklung der Arbeit setzte einen gigantischen Prozess in Gang.
Tiere benutzen die äussere Natur hauptsächlich so, wie sie sie vorfinden. Der Mensch hingegen stellt aus dem vorgefundenen Naturmaterial Werkzeuge her und verändert die Natur. Genau wegen diesem und durch diesen Prozess entdeckt der Mensch immer mehr essenzielle, bisher unbekannte Eigenschaften und Zusammenhänge in der Natur. Auf diese Weise entsteht und entwickelt sich das menschliche Denken mitsamt dem menschlichen Gehirn.
Engels schreibt in seinem epochemachenden Text Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen: «Der Adler sieht viel weiter als der Mensch, aber des Menschen Auge sieht viel mehr an den Dingen als das des Adlers.»
Als immanenter Teil dieses Prozesses entsteht auch die Sprache. Die zunehmende Komplexität der Arbeit machte es immer notwendiger, Erkenntnisse, Pläne etc. auszutauschen. Und «das Bedürfnis schuf sich sein Organ» , wie Engels sagt. Es entwickelten sich Kehlkopf, Stimmbänder etc. und die Menschen begannen, sich auf immer komplexere Weise auszutauschen.
Das gibt uns eine Definition davon, was menschliches Denken ist. Menschliches Denken hat als sein materielles Organ das menschliche Gehirn. Aber der Mensch denkt nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper und als Teil eines gesellschaftlichen Ganzen. Der Mensch dringt immer tiefer in die Gesetzmässigkeiten der Welt ein, indem er zusammen mit seinen Mitmenschen praktisch in die Welt eingreift, dadurch Erfahrungen sammelt, sich austauscht, und aus diesen Erfahrungen immer tiefere Verallgemeinerungen herausdestilliert. All das ist schlussendlich angetrieben durch die Notwendigkeit der Menschen, als physische, materielle Lebewesen ihre Bedürfnisse zu befriedigen.
Fragen wir also nochmals: Kann KI denken und sprechen?
In einer Tech-Fachzeitschrift wird die Funktionsweise von Chatbots wie ChatGPT gut beschrieben: «Im Grunde basieren sie darauf, eine ausserordentliche Menge an Sprachdaten zu sammeln (von denen ein Grossteil im Internet kodiert ist), Zusammenhänge zwischen Wörtern (genauer gesagt, zwischen Teilwörtern, sogenannten ‹Tokens›) zu finden und dann vorherzusagen, welche Ausgabe auf eine bestimmte Eingabe folgen sollte. Bei aller angeblichen Komplexität generativer KI sind sie im Kern tatsächlich Sprachmodelle.»
Sowohl Menschen als auch KI brauchen Wörter. Aber hinter der oberflächlichen Gemeinsamkeit steckt eine tiefe Differenz.
Für einen Menschen hat ein Begriff eine Bedeutung: Er verweist auf Eigenschaften oder Zusammenhänge in der Realität, die über die Sphäre der blossen Wörter und Buchstaben hinausweisen. Für uns bedeutet «Banane» etwas Reales, weil wir millionenfach die gelbe Farbe gesehen haben und hineingebissen haben und den Zucker als Energiequelle für unseren Stoffwechsel erfahren haben. Wir haben einen immer präziseren Begriff von Banane entwickelt, weil und indem wir Bananenplantagen gebaut haben, die Frucht künstlich gezüchtet haben und Bananen über die ganze Welt verschifft haben. Die Bedeutung von Wörtern ist Resultat millionenfacher, praktischer und bedürfnisgetriebener Auseinandersetzung der Menschen mit der Natur.
Für ChatGPT bedeutet «Banane» hingegen gar nichts. Computer haben keine lebendige praktische Auseinandersetzung mit der Realität wie Menschen. Entsprechend sind Wörter für KI bedeutungslose Aneinanderreihungen von Buchstaben, Zahlen, «tokens». KI kennt nur Wörter an sich, nur den Schatten der Realität, und hat keine Vorstellung der Realität, die für einen Menschen durch die Wörter repräsentiert wird.
Dasselbe gilt für Zusammenhänge. Sätze verknüpfen für Menschen Dinge, Eigenschaften, Prozesse in der Wirklichkeit. Für KI sind Wörter nichts weiter als Knotenpunkte in einem gigantischen Spinnennetz … aus weiteren Wörtern! In diesem Netz liegen Wörter, die in menschlichen Texten statistisch oft zusammen vorkommen, nahe beieinander. Die KI sieht, dass der Knoten «Banane» z.B. in der Nähe der Knoten «gelb», «süss» oder «Baum» ist. Wenn wir mit ihr chatten, zieht sie an dem Faden und spuckt benachbarte Wörter aus.
So «lernt» KI auch nicht im Sinne eines Menschen. Man füttert sie mit Milliarden menschlicher Texte, entfernt Wörter und lässt sie das fehlende Wort vorhersagen, wie bei einem Lückentext-Rätsel. Rät sie richtig, wird ihre Statistik gestärkt. Das Resultat ist ein Wahrscheinlichkeitsmodell, das Wörter vorhersagt.
Solche KI-Modelle können hervorragend Muster und Korrelationen sehen. Doch verstehen sie keine Notwendigkeiten, keine Kausalitäten in der Welt.
Wir können eine KI darauf trainieren, exzellent Schach zu spielen. Als Maschine kann sie Milliarden Partien durchrechnen, Muster erkennen und schliesslich jeden Grossmeister besiegen.
Was passiert jedoch, wenn wir z.B. eine Spielfigur und mit ihr eine neue Regel hinzufügen: die Ente? Diese muss nach jedem Zug auf ein freies Feld gestellt werden, das dadurch blockiert ist. Ein guter Schachspieler begreift die neue Regel, kann sie ins Verhältnis zu den alten Regeln stellen und kann sofort Entenschach spielen. Setzen wir eine Schach-KI vor diese Variante, scheitert sie kläglich. Sie kann sich nicht an die Regeln halten, weil sie keine Spielregel je begriffen hat. Sie kennt nur die Statistik millionenfacher normaler Schachzüge. Erst nach einem massiven erneuten Training kann eine KI auch diese Variante berechnen.
Die Hysterie um künstliches Bewusstsein verschleiert die Wahrheit: KI ist eine tote, unbewusste Maschine in den Händen lebendiger, bewusster Menschen.
Dass sie uns in bestimmten Bereichen übertrifft, ist kein Beweis ihrer Superintelligenz. So wie ein Hammer Nägel besser einschlägt als eine Hand, so kann eine KI z.B. eine grosse Datensammlung unglaublich viel schneller durchkämmen und darin Muster erkennen als jeder Mensch. Aber so wenig wie der Hammer eine wirkliche Hand ist oder die Hand ersetzt, die ihn führt, so wenig ist KI genuine menschliche Intelligenz.
Das heisst in keiner Weise, dass KI keinen Nutzen für die Menschen hat. Schon heute nutzen Konzerne wie Nestlé und Amazon KI-Modelle, um ihre globale Logistik zu organisieren. Mit AlphaFold hat die Menschheit das Rätsel der Proteinfaltung entschlüsselt, was die Medizin revolutionieren könnte. KI hätte ein gigantisches Potenzial, um das Leben der Menschen besser zu machen. Zusammen mit anderen technologischen Entwicklungen wie der Roboterisierung könnte ein Leben im Überfluss genossen werden – bei Reduktion des Arbeitstags auf einen verschwindend kleinen Bruchteil.
Aber innerhalb des Kapitalismus führen diese technologischen Entwicklungen für die arbeitenden Massen zum polaren Gegenteil von Freiheit. Arbeiter werden auf die Strasse gestellt und Arbeitsbedingungen werden unmenschlicher.
Heute wäre ein Leben möglich, von dem vergangene Generationen nur träumen konnten. Das einzige, was zwischen der stärksten Arbeiterklasse in der Menschheitsgeschichte und einem Leben in wirklicher Freiheit steht, ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln durch eine verschwindend kleine parasitäre Minderheit an Kapitalisten.
Noah, Bern
Die neuen KI-Tools haben die Informatikbranche, in der ich arbeite, in einen regelrechten Rüstungswettlauf getrieben. Aufgaben, die früher Stunden brauchten, können heute teilweise in Minuten erledigt werden. Wer nicht mitzieht, riskiert, gegenüber der Konkurrenz zurückzufallen, und so besteht auch bei uns der Druck, die Tools grossflächig einzusetzen.
Für die Geschäftsleitung bedeutet das vor allem eines: weniger Kosten, mehr Output. Mein Chef ist überzeugt, dass Programmierer in ein paar Jahren mehrheitlich überflüssig sein werden. Wer so denkt, hat wohl noch nie ein Produktivsystem um 3 Uhr nachts gerettet!
Bei uns Entwicklern sieht das anders aus. «Denken ist was vom letzten Jahrhundert», witzelte ein Kollege, als ein anderer stolz berichtete, wie schnell er ein Problem mit KI gelöst hatte. Der Witz sagt viel: Wir wissen, was das Tool kann – ahnen aber auch, was das für uns innerhalb des Kapitalismus bedeutet. Die Angst ist real und nicht unbegründet: Der IT-Stellenmarkt in der Schweiz ist seit 2022 im freien Fall.
Gleichzeitig wissen wir aus der täglichen Arbeit, was die Modelle nicht können: KI kennt weder den Kontext unserer Projekte noch die Kundenanforderungen und hat schon gar nicht die jahrelange Erfahrung, die hinter einem stabilen System steckt. Was sie generieren, muss kontrolliert werden, und zwar von denjenigen, die diese Systeme seit Jahrzehnten am Laufen halten.
Eine Technologie, die uns entlasten sollte, wird zur Bedrohung. Nur in einem sozialistischen System, das Bedürfnisse vor Profit stellt und das von den Arbeitern kontrolliert wird – den Leuten, die tatsächlich wissen, wie man die KI am besten anwendet – wird es möglich sein, das volle Potenzial dieser Technologie auszuschöpfen und sie von einer Bedrohung zu einer zu Befreiung machen!
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