Auf den ersten Blick scheint es lächerlich, die Schweiz mit Sklaverei in Verbindung zu bringen. Was kann ein Land ohne Kolonialbesitz und ohne Zugang zum Meer mit dem transatlantischen Handel am Hut haben? Die Eidgenossenschaft existierte im 18. Jahrhundert ja noch nicht mal!
Dennoch kann diese Frage und ein Verständnis für den Einfluss der Sklaverei auf die Weltwirtschaft unsere Perspektive auf die Welt im Allgemeinen und die Schweiz im Spezifischen schärfen. Es wurden nicht nur kolonisierte Orte, sondern auch koloniale Gesellschaften geschaffen. Marx sagt es am besten: «Die direkte Sklaverei ist die Achse unseres gegenwärtigen Industrialismus, genau so wie die Maschinen, der Kredit usw. Ohne Sklaverei gibt es keine Baumwolle, ohne Baumwolle keine moderne Industrie» (Das Elend der Philosophie).
Die Sklaverei war der Motor der ursprünglichen Akkumulation des europäischen Kapitals und somit bildet somit das Fundament des modernen Kapitalismus. Sie erlaubte die Fortentwicklung von Technologien, der Industrialisierung und damit einhergehend des Bürgertums und des Proletariats. Anders ausgedrückt würde unsere moderne Welt ohne Sklaverei nicht existieren.
Die Schweiz war daran nicht nur stark beteiligt, sondern hat daraus, ähnlich wie Grossbritannien oder Frankreich, grossen Profit geschlagen.
Im 18. Jahrhundert bestand der Raum, aus dem die heutige Schweiz entstehen sollte, noch aus einer bunten Sammlung dreizehn grundverschiedener Kantone, die einzig im Bestreben, ihre relative Autonomie zu sichern, vereint waren. Im Ancien régime wies die Eidgenossenschaft eine grosse strukturelle Vielfalt auf: Städte wie Zürich und Bern wurden von einer vorherrschenden Patrizierklasse regiert, während die Bauernschaft der ländlichen Gebiete in feudaler Manier beherrscht wurde. Bauern war untersagt, das Gebiet ihrer Geburt zu verlassen, und mussten Frondienste leisten.
Gestern wie heute ist die Schweiz ein kleines Land ohne Rohstoffe und ohne Meereszugang. Schon lange drängten diese Schranken die wirtschaftliche Entwicklung hin zum Handel und zum Warentransport und somit hin zu einer spezialisierten Industrie und zur Produktion einfach zu transportierender Güter.
In den Städten begründete diese Spezialisierung die Textil- und später die Uhrenindustrie. Entsprechend baute die durch den Handel bereicherte herrschende Klasse im katholischen Luzern und Freiburg, aber auch in Zürich, St. Gallen oder Basel die Heimarbeit im Verlagswesen auf, in dem Bauern für den Export spannen und woben.
Diese Frühindustrie war dem Handel gänzlich und bewusst untergeordnet. Händler lieferten Rohstoffe, manchmal sogar die Ausrüstung. Sie tätigten Bestellungen bei den Bauern und holten die verarbeitete Ware ab, um sie dann zu exportieren. Auf diese Weise bekleideten und schmückten Seiden aus Nyon, Indienne-Stoffe aus Genf und Basel oder auch Baumwolltextilien aus Zürich und St. Gallen die adligen Höfe ganz Europas.
Zufälle wie die geographische Lage und das System, das daraus entstand, bildeten den Boden, auf dem die Sklaverei natürlich gedeihen konnte.
Die Sklaverei, die sich in derselben Epoche entwickelt, beruht nicht auf moralischer Verkommenheit, sondern auf materiellen Begebenheiten. Tatsächlich führte die Kolonisierung der Neuen Welt zu einem wahren Fluss an Reichtümern nach Europa. Spanien und Portugal schürften Edelmetalle, doch es war das Vereinigte Königreich und Frankreich, die riesige fruchtbare Gebiete beanspruchten, um sie im grossen Stil und zu geringen Kosten nutzbar zu machen.
In diesem Zusammenhang entsteht im 17. und insbesondere im 18. Jahrhundert der Dreieckshandel: Europäische Waren werden in Afrika gegen Sklaven getauscht, die wiederum in den Kolonien – dem britischen Jamaika und Barbados, dem französischen Guadeloupe und Saint-Domingue (heute Haiti) – verkauft werden, um dann Plantagengüter wie Tabak, Indigo, hauptsächlich aber Zucker und dann Baumwolle in die Metropolen zurückzuführen.
Ein geläufiges Vorurteil ist, dass Westafrika bereitwillig Tand und Plunder gegen Sklaven tauschte. Das ist falsch. Oftmals bestand die Fracht, gegen die die Sklaven getauscht wurden, aus Waffen, Edelmetallen oder insbesondere auch Indienne, also feine, bedruckte Textilien aus Seide oder Baumwolle. Ursprünglich aus Indien stammend, stellten diese Tücher ein Luxusprodukt dar, an dessen anspruchsvolle Produktion Europa sich erst herantastete.
Die Briten importierten diese vermittels der Ostindien-Kompanie aus dem indischen Subkontinent, konnten die enorme Nachfrage aber nicht stillen, weswegen in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erste Produktionsversuche in Europa stattfanden. In Frankreich stützt sich die Indienne-Weberei anfänglich auf die finanziellen Ressourcen und die Fertigkeiten der Hugenotten. Nach der Aufhebung des Edikt von Nantes 1685 wanderten diese in die Schweiz und brachten ihre technischen Mittel wie auch ihre Handelsbeziehungen mit.
So konnte sich die Indienne-Fabrikation in der Schweiz etablieren und später florieren. Ein Teil dieser Produktion diente direkt dem Sklaventausch, was die Schweiz in Tat und Wahrheit in den Dreieckshandel integrierte. Die Schweizer Handelskontore hatten einen direkten Draht zu Frankreich. Oftmals besassen sie Filialen in Nantes, dem Zentrum des französischen Dreieckshandels, aus dessen Hafen 80 % der Güter für Afrika bestimmt waren.
Auf diese Weise bereicherten sich die herrschenden Klassen der Schweizer Kantone immens durch die Produktion von kostspieligen Textilien in Heimarbeit zu tiefen Kosten. Diese wurden dann nach Afrika transportiert, wo sie gegen Menschenleben getauscht wurden.
Die so eingefahrenen Profite transformierten die Schweizer Gesellschaft tiefgreifend. Auf dem Land wurden zahlreiche Bauern zu hauptberuflichen Webern und bildeten so die Grundlage des entstehenden modernen Proletariats. In Städten wie Basel entstand zunehmen eine Färbereiindustrie, die gleich doppelt in den Dreieckshandel eingebunden war, da sie das Indigo aus den Kolonien benötigte, mit dem wiederum Textilien bedruckt wurden.
Das zweite Standbein des Schweizer Kapitalismus – die Finanz – erlebte in dieser Zeit ebenfalls tiefgreifenden Wandel. Die Privatbanken Genfs und Zürichs, etwa Pictet oder Necker, die zuvor schon die Monarchen Europas finanziert und beraten hatten, machten sich nun an die Finanzierung und Versicherung von Fracht. Sie investierten und spekulierten ebenfalls in koloniale Unternehmungen. Durch ihre Neutralität und die Stabilität des Landes sowie des Finanzplatzes wurde die Schweiz zu einem bevorzugten Mittelsmann in den Finanztransaktionen der Zeit.
Dies nennt Marx die ursprüngliche Akkumulation des Kapitals: Das historische Heranwachsen eines ursprünglichen Kapitals und von lohnabhängiger Arbeitskraft – die Voraussetzungen also für die Entstehung des industriellen Kapitalismus. Die koloniale Ausbeutung, von der die Schweiz reichlich profitierte, die Stärkung ihres Finanzplatzes und die fortschreitende Proletarisierung ihrer Bauernschaft schufen diese Voraussetzungen.
Das Ende der Sklaverei war genauso wenig göttliche Eingebung, wie ihre Schaffung das Werk eines Dämonen war. Vielmehr wurde der Sklavenhandel, bis anhin von Grossbritannien dominiert, im Verlaufe des 18. Jahrhunderts zunehmend unrentabel. Die Sklaverei ist eine statische Produktionsweise, die durch die industrielle Revolution abgelöst wird.
Mehrere technische Neuerungen verwandeln die Ausgangslage: Die Erfindung des mechanischen Webstuhls (1785) erlaubt die schnelle und günstige Produktion hochwertiger Textilien. Die Dampfmaschine ermöglicht die Mechanisierung auch in anderen Sektoren und konzentriert den Mehrwert in Fabriken und Infrastrukturen. Diese neue Realität verlangt nach immer mehr Baumwolle, doch ist es ihre Verarbeitung, die den echten Reichtum schafft. Das System der Sklaverei verliert seine zentrale Bedeutung und wird durch die industrielle Lohnarbeit abgelöst. Im Vereinigten Königreich wird der Sklavenhandel 1807 offiziell verboten; die Sklaverei selbst 1833.
Im Falle der Schweiz richten sich gewisse Handelshäuser einfach auf andere Kolonialmärkte oder Weltregionen aus. Letztlich zementiert das legale Ende der Sklaverei aber nur eine schon bestehende Tatsache: Profite waren fortan vor allem mittels der Industrialisierung zu generieren, was gewisse Schweizer Branchen schon begriffen hatten.
1834 beschloss der Zürcher Caspar Honegger, dessen Familie durch Weberei und Textildruck reich geworden war, seine Spinnereien zu mechanisieren. Dies mündete in der Entwicklung seines eigenen Webstuhls, der ab 1841 in Siebnen produziert wurde. ̈Auf eine ähnliche Weise wird auch die 1805 in Zürich gegründete Escher Wyss Webstühle fertigen. Sie richtet sich jedoch schnell auf weniger bedrängte Märkte aus: Turbinen, Dampfmaschinen und schwerindustrielle Ausrüstung, auch unter Einbezug erfahrener englischer Ingenieure. Die Escher Wyss wird das erste, ganz in der Schweiz gefertigte Dampfschiff produzieren.
Um die neue, mechanisierte Textilindustrie und den schwerindustriellen Maschinenbau entstehen wiederum neue Sektoren, so etwa die Basler Petrochemie. Während sie ursprünglich Textilfärbereien belieferte, entwickelte sie sich im Laufe des 19. Jhdts. zu einem ganz eigenständigen Zweig der Schweizer Wirtschaft. Noch heute kann eine direkte Linie zwischen den Herstellerinnen synthetischer Pigmente wie Ciba-Geigy und Sandoz des 19. Jhdts. hin zu ihrer Fusion und der Gründung der Novartis im Jahre 1996 gezogen werden.
Wie auch anderswo in Europa entsteht die Schweizer Industriebourgeoisie also auf dem Fundament der Sklaverei.
Marx schrieb, dass der Kapitalismus «aus allen Poren blut- und schmutztriefend» zur Welt kommt.
Unsere Bürgerlichen wollen uns weismachen, dass ihr Reichtum durch ihr Genie und ihre harte Arbeit entstanden ist. Wir wissen, dass ihre Profite gestern wie heute auf Eroberung und Aneignung und schliesslich auf Gewalt und härtester Ausbeutung beruhen.
Das gilt für die Schweiz genauso. Natürlich hat die Schweizer Eidgenossenschaft selbst niemals direkt Kolonien in Besitz genommen oder sich direkt am Sklavenhandel beteiligt. Daraus folgt aber nicht, dass der Schweizer Kapitalismus unschuldiger wäre, hat er doch im Allgemeinen dieselben historischen Prozesse durchlaufen wie anderswo in Europa. Das Schweizer Handelskapital beteiligte sich bereitwillig am Sklavenhandel.
Und wie die Schweiz von der Sklaverei profitiert hat! Es sind genau diese Indienne-Händler, Pigmentfabrikanten und Finanzspekulanten, welche die Schweiz später industrialisiert, mechanisiert und vereinigt haben. Ohne Sklaverei keine moderne Schweiz.
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