Der Roman Wuthering Heights (Sturmhöhe) von Emily Brontë löste bei seiner Veröffentlichung 1847 Empörung aus. Die Darstellung von psychischer und physischer Grausamkeit und zerstörerischen Beziehungen widersprach der viktorianischen Moral. Heute gilt der Roman zurecht als Klassiker und wird wieder vermehrt gelesen und diskutiert. Die neue Verfilmung von Emerald Fennell, die jetzt im Kino ist, misslingt jedoch völlig.
Entgegen der verbreiteten Vorstellung ist der Roman Sturmhöhe keine Liebesgeschichte oder zumindest nicht nur. Es ist eine düstere Geschichte über Rache, Obsession und Gewalt. Der Roman spielt in den Mooren Nordenglands und erzählt über drei Generationen hinweg die Geschichte der Familie Earnshaw sowie der reicheren Nachbarsfamilie Linton.
Im Zentrum stehen Cathy Earnshaw und das Findelkind Heathcliff, die zusammen aufwachsen. Heathcliff wird von allen ausser Cathy misshandelt. Er wird in den Stall verbannt, schikaniert und jeglicher Bildung beraubt. Durch diese widrigen Umstände wachsen Cathy und Heathcliff eng zusammen und entwickeln eine obsessive Liebe zueinander. Sie verschwinden stundenlang in den Mooren, dem einzigen Ort, der ihnen Freiheit lässt.
Als Cathy sechzehn ist, nimmt sie allerdings den Heiratsantrag des reichen Nachbarssohns Edgar Linton an. Sie fürchtet um ihre Zukunft, sollte sie den mittellosen und ungebildeten Heathcliff heiraten. Dieser verschwindet noch in derselben Nacht.
Drei Jahre später kehrt Heathcliff als vermögender Mann zurück, getrieben von Rachedurst. Er beginnt systematisch, alle Menschen um sich herum für seinen Verlust zu bestrafen und ins Unglück zu stürzen.
Heathcliff ist ein typischer Held der Spätromantik. Die Romantik entstand unter anderem als Reaktion auf die soziale Unsicherheit und die emotionale Entfremdung im entstehenden Kapitalismus. Nach der Enttäuschung über die nicht erfüllten Ideale der Französischen Revolution wurden die literarischen Helden düsterer, gewalttätiger und zerstörerischer.
Diese düstere Atmosphäre und die Enttäuschung über die Gesellschaft, sind es, die Leser heute wieder anziehen. Viele Leser erkennen in den Darstellungen Brontës ihre eigene Realität wieder, etwa in den vergifteten Beziehungen und der zwischenmenschlichen Grausamkeit. Der Roman zeigt die Abgründe der menschlichen Natur: Durch ihre Umstände geprägt, handeln sie grausam, oft grausamer, als es notwendig scheint. Heathcliff ist eine zutiefst widersprüchliche Figur: selbst Opfer von Misshandlung und Ausgrenzung, wird er später zum Täter.
Eine ebenso widersprüchliche Figur ist Cathy. Durch ihre Entscheidung, Edgar zu heiraten, ist sie mitschuldig an der Tragödie. Aber diese Wahl ist keine freie Wahl, sondern Ausdruck sozialer und ökonomischer Zwänge, die Frauen auch heute wiedererkennen. Und für Cathy bedeutet es, einen grossen Teil ihrer selbst aufzugeben, was sie zerreisst und letztendlich zu ihrem Tod führt.
In ihrer Filmadaption reduziert Regisseurin Emerald Fennell Wuthering Heights auf eine konventionelle und letztlich bedeutungslose Liebestragödie. Sie nimmt der Darstellung von Gewalt und Trauma ihre Schärfe und beraubt die Geschichte ihres Kerns. Heathcliff verliert seine rachsüchtige Rolle. Seine Beziehung zu Cathy wird weitgehend von Obsession und emotionaler Zerstörung befreit und die schrecklichen Folgen für ihre Mitmenschen fallen weg. Regisseurin Fennell ist wohlhabend aufgewachsen und offensichtlich unfähig, die grauenhaften gesellschaftlichen Zwänge zu verstehen, die das Original so bedeutsam machten.
Aber nicht nur geht die gesellschaftliche Dimension der Geschichte im Film weitgehend verloren, Fennell fügt reaktionäre Aussagen hinzu. In der neuen Filmversion wird die Haushälterin Nelly zur zentralen Antagonistin gemacht, die dem Glück ihrer Herrin boshaft im Weg steht. Damit reproduziert der Film ein Muster, das sich auch in anderen Werken von Fennell findet: die Figur des „verbitterten Dieners“, die ihre Arbeitgeber aus Neid sabotiert.
Die aus meiner Sicht fast schlimmste Änderung betrifft jedoch Isabella Linton, die im späteren Verlauf der Geschichte Heathcliff heiratet. Im Roman wird sie zum Opfer häuslicher Gewalt durch Heathcliff. In einem berührenden Brief beschreibt sie ihre Angst vor ihm, ihre Verzweiflung und das Ausgeliefertsein in ihrer Ehe. Im Film hingegen wird dies ins Lächerliche gezogen. Ihr Brief erscheint nicht mehr als Hilferuf, sondern als zynischer Versuch, Cathy eifersüchtig zu machen. Gleichzeitig wird suggeriert, dass sie Heathcliffs Gewalt nicht nur erträgt, sondern sogar geniesst. Eine erschreckende Darstellung, wenn man bedenkt, wie oft auch heute noch Frauen, die von Gewalt berichten, nicht geglaubt wird.
Meine Empfehlung ist klar: Schaut den Film nicht, lest stattdessen den Roman. Fast 180 Jahre nach seiner Veröffentlichung bleibt Sturmhöhe klar radikaler und ehrlicher als seine moderne Verfilmung. Und ebenso klar ist: Die Arbeiterklasse muss die Macht in der Gesellschaft erkämpfen, damit wir wieder gutes Kino haben können, anstatt dass Rich Kids wie Fennell ihre schlechte Fanfiction verfilmen.
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