Long Covid ist kein Randphänomen und keine Einbildung. In der Schweiz sind 3 bis 5 Prozent der Bevölkerung betroffen. Sie leiden an einer realen, qualvollen Krankheit. Die Symptome (Abgeschlagenheit/Fatigue, Erschöpfung, Kopf- und Muskelschmerzen etc.) machen den Alltag unerträglich. Etwa die Hälfte der Betroffenen ist arbeitsunfähig, ein Viertel ans Haus gebunden.
Dazu kommt die psychische Belastung. 90 Prozent der Betroffenen fühlen sich mit ihrer Krankheit nicht ernst genommen, 40 Prozent hatten Selbstmordgedanken. Epidemiologin Tschopp sagt gegenüber SRF: «Verantwortlich hierfür war unter anderem die Behauptung, die Krankheit sei psychosomatisch» (also rein psychisch).
So verweisen dich die meisten Hausärzte heute mit Verdacht auf Depression an einen Psychologen, einige geben dir Schmerzmittel und wenige versuchen, Tipps für den Energiehaushalt zu geben. Heute schadet der Arztbesuch also oft mehr, als er nützt. Im besten Fall gibt es leichte Symptom-Milderung. Das zeugt davon, wie wenig erforscht Long Covid auch nach sechs Jahren ist.
Doch Long Covid kann heute verstanden und behandelt werden. Das haben Forschungsteams 2025 im Ansatz bewiesen. Die weltweit führende Long-Covid-Forscherin Iwasaki konnte Long-Covid-Symptome auf Vorgänge im Körper zurückführen (autoimmune Antikörper, überaktive Immunzellen, reaktivierte Viren, unterversorgte Muskelzellen).
Damit hat sie in ihrem Spezialgebiet nachgewiesen, was der Marxismus allgemein begreift: Zwischen Psyche und Körper gibt es keine Schranke, die beiden sind untrennbar verbunden. Psychosomatische Beschwerden wie Fatigue sind mit somatischen Vorgängen verknüpft. In Letztere kann man medizinisch eingreifen. Andere Bereiche tun dies bereits: Zur Bekämpfung von Krebszellen beispielsweise werden gezielt Antikörper eingesetzt.
Das gleiche Verfahren wurde in einer Pilotstudie aus Norwegen auf Long-Covid-Patienten angewandt. Mit Erfolg: 6 der 10 Patienten sind geheilt. Das Resultat ist mit Vorsicht zu geniessen: Es ist ein erster Test für Patienten, bei denen Antikörper die Krankheit treiben (ca. 20 Prozent der Long-Covid-Fälle). Die Krankheit kennt vielschichtige Muster, die weiter erforscht werden müssen.
Und doch sind die Testergebnisse bedeutend: Es rücken Medikamente in Reichweite, die nicht nur Symptome lindern, sondern tatsächlich heilen können.
Durch diese Neuigkeit schöpfen Millionen kranker Leute neue Hoffnung. Nur um dann wieder enttäuscht zu werden. Denn was es nun bräuchte, wären grosse klinische Studien und mehr Forschung. Doch diese werden nicht gemacht. Die nötigen Mittel fliessen nicht. «Es bewegt sich viel zu wenig», sagt Iwasaki. Und weiter: «Das ist unser Frust im Moment».
Das müsste nicht so sein. Denn die Mittel existieren. Bei den grossen Pharma- und Biotech-Monopolen. Sie verfügen über gigantisches Know-how, Technologien und Infrastruktur. Sie entscheiden heute, welche Krankheiten heilbar gemacht werden und welche nicht.
Ihr Kriterium im Kapitalismus ist dabei ein einziges: Profit. Das ist in der Long-Covid-Medikamenten-Forschung nicht erfüllt. In den letzten Jahren haben sich kleinere Biotech-Firmen in diesem Bereich versucht – in der Hoffnung, einem Monopol ein Patent verkaufen zu können. Doch viele haben ihre Projekte nach wenigen Wochen wieder abgebrochen, einige mussten ganz schliessen. Für diese kleineren Firmen ist die Krankheit schlicht zu kompliziert, aufwändig und teuer. Es gibt keine einfache Lösung für alle Long-Covid-Varianten, die dann massenhaft verkauft werden kann.
Darum fehlt die Aussicht auf Profit. Darum steigen die Monopole nicht ein. Sie weigern sich, auch nur einen Bruchteil ihrer Ressourcen einzusetzen. Ein Long-Covid-Forscher aus den USA fragte den Pharma-Riesen Merck für ein paar Medikamentendosen an, um eine Studie durchzuführen. Er kriegte eine Absage der klinischen Direktion: «Die Studie entspricht nicht den Firmenprioritäten».
Hier haben wir es schwarz auf weiss: Ihre Priorität ist Profit und nicht unsere Gesundheit. Darum investieren sie in gesellschaftlich höchst unnötige, aber höchst profitable Bereiche wie ästhetische Medizin oder Kosmetik, statt neue Krankheiten heilbar zu machen.
Es gibt nur eine Massnahme, um dem ein Ende zu setzen: Die Pharma- und Biotech-Monopole gehören weltweit enteignet und unter Arbeiterkontrolle verstaatlicht. Erst dann können wir die gesellschaftlichen Ressourcen rational und sinnvoll einsetzen.
In den Worten von SRF-Biologin Zöfel: «Wenn Mittel da sind und genug Leute sich um ein Thema kümmern, wird plötzlich vieles möglich – völlig rätselhafte Krankheiten werden erklärbar und therapierbar». Holen wir uns die Mittel! Long Covid bekämpfen heisst Sozialismus erkämpfen.
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Frauenunterdrückung & LGBT+ — von Olivia Eschmann, Bern — 11. 04. 2026
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