«Ich hasse Männer. Ich habe einfach zu viel erlebt», sagt eine junge Frau im Tagi-Interview. Sie erzählt von alltäglichen Situationen: Sexistische Sprüche von Arbeitskollegen und Übergriffe vom Chef, Dickpics in den DMs, Drohungen im Ausgang.
Viele Frauen erleben Gewalt und Übergriffe, und zwar oft dort, wo man angeblich sicher ist: in der Familie und der Paarbeziehung. Hinzu kommen Millionäre wie Andrew Tate, die Frauenhass in der «Manosphere» schüren: zurück an den Herd, sich dem Mann unterordnen, schön sein, verfügbar sein.
Die Reaktion bei jungen Frauen ist riesiger Frust: Männerhass-Songs, Racheliteratur und feministische Rage-Influencer haben ein gewisses Momentum, ebenso das Phänomen, dass junge Frauen entscheiden, sich ganz aus romantischen Beziehungen zurückzuziehen.
Kein Bock mehr! In diesem Gefühl steckt eine radikale Weigerung, sich weiter mit dem Sexismus abzufinden.
Teil davon ist die Entlarvung der liberalen Girlboss-Logik, die seit den 90ern vorherrscht: Der Kapitalismus der Nachkriegszeit sei ein stetiger Prozess des Fortschritts und der Gleichberechtigung. Doch wir erleben das Gegenteil: Abbau bei Renten und Sozialem, Inflation, die den Lohn auffrisst. Und begleitet wird dieser Angriff von einem Kulturkampf von oben, der Frauen, Queers und Migrantinnen zu Sündenböcken macht.
Dabei wird jede Säule dieses Systems als frauenfeindlich entblösst. Der bürgerliche Staat bietet keinen Schutz, der Fisch stinkt vom Kopf. Der Vergewaltigungsskandal um Patrick Frei beweist es wieder: Politiker, Journalisten, Richter und Polizisten sind oft selber involviert oder sie schauen weg – und Opfer, die sich wehren, setzen sich meist noch mehr Demütigung und Diskriminierung durch Staat und Medien aus.
Das Resultat: 69 Prozent der jungen Frauen in der Schweiz glauben nicht mehr daran, dass harte Arbeit sie aus der Armut befreit. Eine britische Umfrage zeigt, dass der Kapitalismus bei Frauen U25 so verhasst ist wie der Faschismus. Was die NZZ als «gefährliche Radikalisierung junger Frauen» bezeichnet, ist die zunehmende Erkenntnis: Der Kapitalismus hat uns Frauen nichts mehr zu bieten!
Dieser Ablösungsprozess vom System ist extrem fortschrittlich. Aber er steht am Scheideweg und kann in zwei Richtungen gehen. Vorwärts mit dem Verständnis, dass die Frauenbefreiung den Sturz des Kapitalismus und den Klassenkampf braucht. Sieht man diesen Ausweg nicht, führt das Verlieren von Illusionen in das System schlussendlich zum Rückzug auf das Individuum.
Die Wahrheit ist: Alleine bist du der Gesellschaft und ihrem Sexismus ausgeliefert. Alleine kannst du dich nicht befreien. Aber mangels Alternativen versuchen es viele trotzdem. Hauptsache, man macht etwas. Viele nehmen an Demos teil, doch spüren gleichzeitig, dass «ein Zeichen setzen» nicht ausreicht. Oder sie versuchen, die individuelle Psychologie der Männer zu ändern – was dem Versuch gleicht, das Meer des Chauvinismus mit dem Löffel auszuschöpfen. Das endet schlussendlich in Resignation und Männerhass.
Das ist zwar verständlich. Aber es ist nichts anderes als die Ohnmacht des Individuums statt die Macht des Klassenkampfs. Und damit lässt es die Grundlage der Frauenunterdrückung intakt.
Der Marxismus zeigt den Ausweg. Die Unterdrückung der Frau gab es nicht schon immer. Sie entstand mit der Klassengesellschaft – und der Kapitalismus hält sie am Leben. Die Kapitalisten profitieren direkt davon: tiefere Löhne, tiefere Renten, tiefere Sozialversicherungen bedeuten höhere Profite. Und die Epsteins, Freis und Tates beweisen, dass sie ihre Machtposition auch nutzen, um Mädchen und Frauen sexuell auszubeuten. Sie spritzen ihr misogynes Gift in die ganze Gesellschaft – das nützt ihnen auch politisch, weil es die Arbeiterklasse spaltet und vom Klassenkampf ablenkt.
«Aber es gibt überall Arschlöcher – auch in der Arbeiterklasse». Doch was ist der Nährboden für Chauvinismus in der Arbeiterklasse? Es ist der künstliche Mangel, dem uns die Kapitalisten aussetzen, sowie ihre spaltenden Ideen. Der entscheidende Punkt dabei ist: Arbeiterinnen und Arbeiter haben ein gemeinsames Interesse, sich zu befreien – die Kapitalisten zu enteignen und den Mangel aufzuheben. Damit könnten wir Sofortmassnahmen organisieren: Zugang für alle zu guter Bildung, Gesundheit und Kinderbetreuung, öffentliche Kantinen und Wäschereien, die Aufteilung der Arbeit auf alle Schultern, die 30-Stunden-Woche mit Löhnen und Renten, die zum Leben reichen. Frauen wären nicht mehr vom Mann abhängig, und beide wären befreit von der Ausbeutung durch das Kapital. Erst die demokratische Planung und Organisation der Gesellschaft schafft Überfluss und legt damit den Boden für wirklich freie Beziehungen.
Der Kampf gegen Sexismus beginnt heute – auf der Basis dieses gemeinsamen Programms der ganzen Klasse. Alle grossen Streiks und Revolutionen beweisen: Im gemeinsamen Klassenkampf können sexistische Vorurteile in der Arbeiterklasse überwunden werden.
Als Kommunistinnen sind wir optimistisch. Wir treten heute in eine Periode von Klassenkämpfen und Revolutionen ein, in der wir unsere Geschichte neu schreiben können, indem wir die Klassengesellschaft stürzen und damit die jahrtausendealte Unterdrückung auf die Müllhalde der Geschichte werfen. Wir haben nichts zu verlieren als unsere Ketten. Wir haben eine Welt zu gewinnen!
Schweiz — von Martin Kohler, Redaktion — 02. 10. 2026