Die folgenden Artikel wurden anlässlich des 200. Jahrestages der Grossen Französischen Revolution geschrieben. Die hier beschriebenen Ereignisse sind heute ebenso relevant und inspirierend wie damals. Die Französische Revolution ist eine unerschöpfliche Quelle von Lehren für heutige Sozialisten und Aktivisten der Arbeiterklasse. Die vorliegende Neuveröffentlichung bedarf daher keiner besonderen Rechtfertigung. Da die fraglichen Artikel jedoch vor zehn Jahren geschrieben wurden, enthalten sie einige Verweise auf die damalige Zeit, die heute vielleicht nicht mehr so relevant sind wie damals. Insbesondere die Verweise auf Gorbatschow und seine Reformen (bekannt als Perestroika und Glasnost) scheinen heute wie Relikte aus der Geschichte. Ich möchte hier lediglich darauf hinweisen, dass wir zu der Zeit, als alle Gorbatschows grossartige Reformen priesen, erklärten, dass die Perestroika unweigerlich scheitern würde. Diese Prognose erwies sich als richtig. Doch anstatt zu einer politischen Revolution, die die UdSSR zu wirklichem Sozialismus vorangebracht, hat die tiefe Fäulnis des stalinistischen Regimes zu einer kapitalistischen Konterrevolution geführt, mit katastrophalen Folgen für alle Völker der ehemaligen Sowjetunion. Das ist jedoch nicht das Thema des vorliegenden Artikels.
Zunächst hatte ich erwogen, die Artikel neu zu schreiben. Dies wäre jedoch zu zeitaufwendig gewesen. Daher beschloss ich, sie unverändert neu zu veröffentlichen, jedoch mit einem einleitenden Essay, in dem ich die Gelegenheit nutzen konnte, einige der zentralen behandelten Themen hervorzuheben und weiterzuentwickeln. Natürlich beschränkt sich das Interesse an der Französischen Revolution nicht auf Frankreich. Wie die Russische Revolution gehört sie zu jener Kategorie wirklich grosser historischer Ereignisse, die ihrem Inhalt nach universell sind. Ein moderner Sozialist, der verstehen möchte, was Revolution ist, tut gut daran, die Ereignisse von 1789–93 eingehend zu studieren. Ebenso liefert eine sorgfältige Untersuchung des Aufstiegs des Bonapartismus in Frankreich sehr wertvolle Hinweise und Einblicke, wenn man die Mechanismen der stalinistischen Degeneration der russischen Revolution verstehen möchte.
Heute, zehn Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, hat die Bourgeoisie eine beispiellose ideologische Gegenoffensive gegen die Idee der Revolution und des Sozialismus gestartet. Das Wesen dieser Gegenoffensive ist, dass das einzig mögliche System der Kapitalismus ist. Es ist die erste Pflicht der Marxisten, auf diese Lüge zu antworten und zu zeigen, dass der Kapitalismus ebenso dem Untergang geweiht ist wie das Regime Ludwigs XVI. und Marie-Antoinettes. Heute wie damals spielte revolutionäre Theorie eine entscheidende Rolle. Der Weg zur Revolution wurde von einer bemerkenswerten Generation von Denkern und Philosophen geebnet, die die bestehende Ordnung einer radikalen Kritik unterzogen. Die Rolle der revolutionären Theorie ist heute genauso wichtig – tatsächlich noch wichtiger. Die Institutionen, die Moral, die Religion, die Politik und die Vorurteile einer bestimmten Gesellschaft sind gewaltige Hindernisse, die den Weg zu Veränderungen versperren. Sie müssen herausgefordert und entlarvt werden, bevor eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft möglich ist.
Eine sorgfältige Untersuchung der Französischen Revolution (und der Russischen) liefert ein wirksames Gegenmittel gegen die Verleumdung, dass Revolutionen das Werk einer winzigen Handvoll Verschwörer und Demagogen seien. Die Rolle der Massen ist von grundlegender Bedeutung, um die Revolution in jeder Phase voranzutreiben. Und wenn diese aktive Beteiligung der Massen nachlässt, kommt die Revolution vollständig zum Stillstand und kehrt sich um. Das war sowohl in Frankreich als auch in Russland der Fall und führte unmittelbar zur Reaktion, zunächst in thermidorianischer und später in bonapartistischer Form. Es ist unmöglich, die inspirierende Geschichte der Französischen Revolution während der Zeit ihres Aufstiegs zu lesen, ohne ein tiefes Gefühl des Stolzes auf die Errungenschaften eines revolutionären Volkes zu verspüren. Hier liegt die Antwort an all die Feiglinge und Skeptiker, die am gewaltigen Potential zweifeln, das überall in den Massen vorhanden ist.
Trotzki definiert eine Revolution als den Moment, in dem die Massen; die Millionen gewöhnlicher Männer und Frauen, beginnen, sich an der Politik zu beteiligen und ihr Leben und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die Revolution erschüttert die Gesellschaft bis in ihre Grundfeste und mobilisiert Schichten, die zuvor passiv und «unpolitisch» waren. Die Rolle der Frauen in der Französischen Revolution ist ein anschauliches Beispiel für diese Tatsache. Einer der entscheidendsten Momente der Revolution war der 5. Oktober 1789, als sechs- oder siebentausend Frauen aus Paris im strömenden Regen nach Versailles marschierten, um Brot zu fordern und den König zu zwingen, nach Paris zu ziehen. Die Männer schämten sich, sich dieser seltsamen Prozession des «Bäckers, der Bäckerin und des Bäckerjungen» anzuschliessen, die den König von Frankreich faktisch zum Gefangenen des revolutionären Volkes machte.
Die Anführer der Französischen Revolution waren grosse Männer. Mirabeau war ein guter Redner und fähiger Staatsmann. Danton war eine gewaltige Persönlichkeit und der Sammelpunkt der Revolution in einem Moment grösster Gefahr. Und Robespierre war trotz all seiner Mängel ein mutiger Vertreter jenes Flügels der Jakobiner, der sich auf die Massen der Pariser Armen und Halbproletarier stützte, um die Revolution voranzutreiben. Wie zu erwarten war, haben die späteren bürgerlichen Kritiker der Revolution ihren giftigsten Spott für die konsequentesten revolutionären Persönlichkeiten reserviert. Robespierre wird nach Generationen der Verteufelung inzwischen widerwillig anerkannt. Aber Marat, dieser wunderbar mutige Mann, wird noch immer wie ein toter Hund behandelt, während Männer wie Hébert, der konsequenteste Führer der Massen, kaum erwähnt werden.
Doch der wichtigste Protagonist der Revolution hat keinen Namen. Es ist das revolutionäre Volk selbst, jene zahllosen unbekannten und namenlosen Helden und Heldinnen, die die Triebfeder des gesamten Prozesses waren. Wo den Massen überhaupt eine Rolle zugestanden wird, werden sie traditionell als eine Art Herde dummer Tiere dargestellt, die blind gegen ihr Leiden revoltiert. Auch diese Darstellung wird der Wahrheit nicht gerecht. Die spontane Bewegung der Massen spielte zwar wirklich eine äusserst wichtige Rolle. Aber selbst diese Bewegung war nicht vollständig spontan, sondern hatte ihre lokalen Anführer, auch wenn die meisten ihrer Namen nicht überliefert wurden. Sie waren im Äquivalent zu politischen Parteien organisiert.
Insbesondere in Paris, aber auch in den Provinzen, war die grundlegende Zelle der Revolution der Klub und die Geheimgesellschaft. Die Bedeutung von Organisationen wie den revolutionären Klubs, deren Vorbild der Jakobinerklub («Gesellschaft der Freunde der Verfassung») in Paris war, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Hier kamen die Massen zusammen, um über die brennenden Tagesfragen zu debattieren, den beliebtesten Anführern zuzuhören, zu jubeln und zu buhen, zu argumentieren – und zu entscheiden. Durch ihre Klubs hindurch übten die Massen Druck auf die gewählten Abgeordneten in der Nationalversammlung aus; sie mobilisierten die öffentliche Meinung; sie dienten als Sammelpunkt, um die Unzufriedenheit zu kanalisieren. In vielerlei Hinsicht spielten sie eine ähnliche Rolle wie die Sowjets in der russischen Revolution. Und ebenso wie in den Sowjets wurde der Fortschritt der Revolution am Aufstieg und Fall politischer Strömungen in den Klubs gemessen, wobei die radikalere Strömung stets auf die gemässigtere folgte – bis die Revolution schliesslich ihren Lauf genommen und sich erschöpft hatte. Ein ähnlicher Prozess lässt sich in der Englischen Revolution der Mitte des 17. Jahrhunderts beobachten, wo Cromwells Model Army eine analoge Rolle zu derjenigen der Klubs und Sowjets spielte.
Ende 1790 hatte der Jakobinerklub in Paris 1’100 Mitglieder – fast alle Angehörige des radikalen Kleinbürgertums. Bis zum Sturz der Monarchie hatte er mehr als tausend lokale Gesellschaften, die ihm angeschlossen waren, und die Mitgliedschaft umfasste eine wachsende Zahl von Handwerkern und anderen proletarischen und halbproletarischen Elementen, obschon die Führung fest in den Händen von kleinbürgerlichen Politikern wie Robespierre blieb. Noch wichtiger waren die Pariser Kommune und die zahlreichen lokalen Kommunen, nach ihrem Ebenbild in den Provinzen entstanden. Im Juni 1789 hatten sich die 407 gewählten Delegierten der «Generalstände» im Hôtel de Ville in Paris als eine Art inoffizielle Stadtregierung etabliert. Bis Dezember 1789 hatten lokale Aufstände ähnliche Körperschaften in Städten und Dörfern in ganz Frankreich hervorgebracht. Üblicherweise wurden diese Körperschaften zum Sammelpunkt und zum organisatorischen Zentrum der revolutionären Bewegung. Dies galt insbesondere für Paris, traf aber auch auf andere Gebiete zu.
Im August 1792 bildeten die Arbeiterviertel von Paris den Brennpunkt eines Aufstands gegen die Gesetzgebende Versammlung, stürmten die Tuilerien und verhafteten den König. Sie forderten das allgemeine Wahlrecht für Männer und die Wahl eines neuen Nationalkonvents. Ausserdem errichteten sie eine revolutionäre Regierung, die Kommune in Paris. Robespierre wurde in sie gewählt. Die Kommune wurde vom radikalen Flügel der Pariser Jakobiner dominiert. Tatsächlich führte dies zu einer Situation, die der Doppelmacht in der Russischen Revolution nach der Februarrevolution ähnelte. Die Kommune tagte neben der Nationalversammlung und übte ständig Druck auf diese aus. Sie bot Robespierre und den linken Jakobinern eine Machtbasis. Unter dem Druck der Kommune wurde Ende 1792 schliesslich eine Einkammer-Versammlung, der Nationalkonvent, auf Grundlage des allgemeinen Männerwahlrechts gewählt. Dies war die Kraft, die die Revolution wirklich vorantrieb.
Die Feinde der Revolution versuchen immer, ihr Ansehen durch den Vorwurf von Gewalt und Blutvergiessen zu beschmutzen. Tatsächlich ist die Gewalt der Massen zwangsläufig eine Reaktion auf die Gewalt der alten herrschenden Klasse. Der Ursprung des Terrors muss in der Antwort der Revolution auf die drohende gewaltsame Zerschlagung durch innere und äussere Feinde gesucht werden. Die revolutionäre Regierung bot allen Völkern, die bereit waren, dem französischen Beispiel zu folgen und für ihre Freiheit zu kämpfen, «Brüderlichkeit und Unterstützung» an. Der internationalistische Geist der Revolution kam in der Dezemberresolution der Nationalversammlung zum Ausdruck, die erklärte, dass in jedem von den revolutionären Armeen erobertem Gebiet die feudalen Verpflichtungen abgeschafft und das Eigentum der Kirche und der Aristokraten beschlagnahmt würden. Krieg in Europa bedeutete von jetzt an Revolution. Das war der Grund für die spektakulären Erfolge der französischen Revolutionsarmeen, die entlang der gesamten Front über die monarchistisch-feudale Reaktion triumphierten.
Die revolutionäre Diktatur beruhte auf dem revolutionären Krieg. Die aktive Unterstützung der Massen wurde gesichert, indem der Krieg gegen die ausländischen Feinde mit dem Klassenkampf im Inneren verbunden wurde. Unter Robespierre ergriff die Nationalversammlung entschiedene Massnahmen gegen die Reichen, insbesondere gegen die neureichen Spekulanten. Es gab auch Massnahmen zugunsten der Armen. Steuern und Enteignungen zielten auf eine Umverteilung des Vermögens ab. Das Gesetz über das Maximum versuchte, die Inflation zu kontrollieren, indem es Preisobergrenzen festlegte. In der Zeit ihres Ansturms war der Terror eine Waffe in den Händen der Massen gegen die Feinde der Revolution – Aristokraten, Grossgrundbesitzer, verräterische Bürgerliche und widerspenstige Priester. Es stimmt, dass viele andere zum Opfer fielen, insbesondere in den Gebieten, in denen Bürgerkrieg herrschte, doch das Ziel bestand darin, die Reaktionäre auszurotten und einzuschüchtern. Dies wird von einem ernstzunehmenden Historiker eingeräumt, der Robespierre und dem Terror im Allgemeinen kritisch gegenübersteht. «So grausam er auch war», schreibt David Thomson, «gemessen an den Gräueltaten moderner Diktaturen war der Terror mild und vergleichsweise selektiv.»1
Doch in der Zeit des Niedergangs waren die Opfer des Terrors Revolutionäre. Der Unterschied ist grundlegend. Beim Weissen Terror, der auf den Sturz Robespierres folgte, wurde neben den 90 Jakobinerführern, die unmittelbar hingerichtet wurden, eine unzählige Zahl von Revolutionären heimlich ermordet. Die Reformen der Jakobiner wurden durch Gegenreformen ersetzt. Das Maximum wurde abgeschafft. Reaktionären Emigranten wurde die Rückkehr gestattet, während Revolutionäre getötet oder eingesperrt wurden. David Thomson vermittelt ein anschauliches Bild vom Klassencharakter des neuen Direktoriums und seiner Unterstützer:
«Die neue herrschende Klasse, die die Massnahmen des Direktoriums wie auch des späteren Konvents unterstützte, umfasste Geschäftsleute und Finanzspekulanten, Armeelieferanten und Bauern mit Landbesitz – all jene bürgerlichen Elemente, die am meisten von der Revolution und dem Krieg profitiert hatten. Diese Neureichen, vulgär in ihrem Geschmack und skrupellos in ihren Gewohnheiten, wollten vor allem ihre Gewinne sichern und vermehren.» 2
Mit Ausnahme eines einzigen Wortes würde die obige Beschreibung genau auf die aufstrebende Kaste von Bürokraten zutreffen, die nach Lenins Tod die Macht in Russland an sich riss und die wirklichen Bolschewiki mit demselben Eifer verfolgte, mit dem die Thermidorianer in Frankreich die Jakobiner jagten und unterdrückten. In beiden Fällen haben wir es zu tun mit einer kleinbürgerlichen Reaktion gegen die Revolution an dem Punkt, an dem die Massen, erschöpft von den Jahren der Anstrengung und Aufopferung, beginnen, in Passivität und Gleichgültigkeit zu verfallen. Das ist der Grund für die Niederlage der Jakobiner in Frankreich und der Anhänger Trotzkis in Russland und ihren Sturz durch Männer, die ihnen in jeder Hinsicht moralisch und intellektuell unterlegen waren.
Natürlich war der Klasseninhalt der Französischen Revolution ein anderer als der der Oktoberrevolution. Jede historische Analogie gilt nur innerhalb bestimmter Grenzen. Die Thermidorianer waren die Vertreter der aufstrebenden Bourgeoisie, die der eigentliche Profiteur der Französischen Revolution war. Die stalinistische Bürokratie war keine Klasse im marxistischen Sinne. Sie besass nicht die Produktionsmittel, sondern war lediglich ein parasitäres Geschwür am Körper des Arbeiterstaates. Ihre Macht und Privilegien hingen vom durch die Oktoberrevolution verstaatlichten Eigentum ab. Um diese neuen Eigentumsformen gegen die bürgerlichen Elemente in Russland zu verteidigen, waren die Stalinisten bereit, sich auf die Arbeiterklasse zu stützen, um Schläge gegen die Kulaken und NÖP-Männer zu führen. Doch dies geschah nicht, um zum demokratischen Sowjetregime zurückzukehren, das Lenin und Trotzki errichtet hatten, sondern um eine monströse totalitäre Karikatur eines Arbeiterstaates zu errichten. Während in Frankreich die Kristallisation einer bürgerlichen Revolution unter Napoleon zum bürgerlichen Bonapartismus führte, führte die Degeneration einer proletarischen Revolution unter Stalin in Russland zum proletarischen Bonapartismus.
Angesichts des bürgerlichen Charakters der Französischen Revolution war kein anderes Ergebnis möglich. Es ist richtig, dass die Revolution aufgrund der Beteiligung der plebejischen Massen so erfolgreich war. Deshalb ging sie viel weiter, als auf bürgerlicher Grundlage eigentlich möglich war. Die Massen mussten in die Schranken gewiesen werden und eine Lektion erteilt bekommen! Diese lag in der blutigen Niederschlagung einer Reihe von Aufständen im Laufe des Jahres 1795 und insbesondere im Oktoberaufstand in Paris, der von General Barras und seinem jungen Untergebenen Napoleon Bonaparte blutig niedergeschlagen wurde.
Der letzte Atemzug der Revolution war das Ereignis, das als «Verschwörung der Gleichen» unter der Führung von François-Noël («Gracchus») Babeuf im Jahr 1796 in die Geschichte einging. In einem letzten verzweifelten Versuch, den Abgleiten in die Reaktion aufzuhalten, und als Protest gegen die Macht und Privilegien der Reichen wurde in Paris ein neuer Klub ins Leben gerufen – die «Gesellschaft des Pantheon». Die alten Träume der Revolution wurden wiederbelebt. Alte Jakobiner wurden in dem Klub aktiv, der sich bei Fackelschein in einer Krypta traf und seine eigene Zeitung, «Le Tribun», herausgab. Da das Direktorium erkannte, dass dieser Klub zu einem möglichen Sammelpunkt für einen Aufstand werden konnte, schickte es im Februar 1796 General Bonaparte selbst, um ihn zu schliessen.
Der äusserste linke Flügel des Klubs unter der Führung Babeufs gründete ein sechsköpfiges Aufstandskomitee («Das Geheime Direktorium») und bereitete einen Aufstand vor. Doch dies waren nur die leeren Formen einer Bewegung, deren Substanz sich bereits aufgelöst hatte. Babeufs Bewegung kam sowohl zu früh als auch zu spät. Sie kam zu spät, um einer Bewegung neues Leben einzuhauchen, die bereits ihren Zenit überschritten und ihre historischen Grenzen erreicht hatte, und zu früh, um das Banner mit der Losung der sozialistischen Revolution zu versehen, deren Zeit noch nicht gekommen war. Babeufs Verschwörung war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Ihre Ziele waren utopisch: eine Rückkehr zur Verfassung von 1793 und eine Wiederbelebung des ursprünglichen Idealismus und der Aufrichtigkeit der Revolution. Die Uhr zurückzudrehen war unmöglich. Doch in einer Hinsicht wies Babeufs Bewegung den Weg, nicht zurück zu 1793, sondern nach vorn in die Zukunft, zum Kampf der Arbeiterklasse für den Sozialismus. Er schrieb die Idee einer «Republik der Gleichen» auf sein Banner, in der der Kommunismus die Unterschiede zwischen Reich und Arm abschaffen würde.
Man sagt aus gutem Grund, dass die Kirche auf dem Blut der Märtyrer errichtet wurde. Dasselbe gilt für die revolutionäre Bewegung und die Bewegung der Arbeiterklasse im Allgemeinen. Die «Verschwörung der Gleichen» war ein mutiger Akt des Widerstands und ein Aufruf an künftige Generationen, der durch die Zeitalter hindurch machtvoll widerhallte. Man kann es den Organisatoren nicht zum Vorwurf machen, dass sie nicht verstanden, dass sich die materiellen Bedingungen für eine klassenlose Gesellschaft unter dem Kapitalismus erst noch entwickeln mussten. Diese grosse Entdeckung wurde erst ein halbes Jahrhundert später von Marx und Engels gemacht. Entscheidend ist, dass sie ihrem Volk die Treue hielten und niemals aufgaben, sondern den Tod einer schmachvollen Kapitulation vorzogen. Sie wurden besiegt – und mussten besiegt werden –, doch sie hinterliessen den künftigen Generationen ein sauberes Banner und eine Tradition. In gleicher Weise schuf die trotzkistische Linke Opposition, die in Russland den Kampf gegen die politische Konterrevolution der Stalinisten führte, eine Tradition, auf die sich künftige Generationen stützen konnten. Sie opferten sich, damit das makellose Banner und die Traditionen der Revolution bewahrt werden konnten.
Babeuf war keineswegs ein hoffnungslos utopischer Träumer. Er war ein tatkräft Revolutionär und unternahm jeden praktischen Schritt, um den Erfolg des Aufstands sicherzustellen. Die Vorbereitungen waren gründlich. Waffen wurden eingelagert; Munition wurde gehortet; Pläne wurden ausgearbeitet, um auf ein vereinbartes Signal hin die wichtigsten öffentlichen Gebäude und Bäckereien zu besetzen. Doch die verhängnisvolle Schwäche des gesamten Unternehmens zeigte sich darin, welche Bedeutung die Verschwörer der Durchdringung von Armee, Polizei und Verwaltung beimassen. Dies war ein stillschweigendes Eingeständnis, dass sich der Charakter der Situation verändert hatte. Die Massen waren erschöpft und passiv. Ihre Unzufriedenheit äusserte sich in Gemurmel und stummen Flüchen gegen das Direktorium, doch der alte Kampfgeist war verschwunden. Deshalb setzte Babeuf übertriebene Hoffnungen darauf, die Armee und den Staat mit seinen revolutionären Agenten zu infiltrieren. Unter diesen Umständen musste die Bewegung notwendigerweise die Form einer Verschwörung annehmen – einer Bewegung, die sich gewissermassen hinter dem Rücken der Massen entfaltete.
Eine solche Bewegung konnte leicht von Agenten des Regimes infiltriert werden. Ebenso wie der ehemalige Bolschewik Stalin sich der Gefahr einer kleinen revolutionären Organisation sehr wohl bewusst war, waren auch die ehemaligen Jakobiner des Direktoriums mit revolutionären Taktiken vertraut und in der Lage, von Anfang an ihre Spione in den Reihen der Verschwörer zu platzieren. Am Vorabend des Aufstands schlugen sie zu. Die Rädelsführer wurden verhaftet und vor Gericht gestellt. Dieser frühe Vorläufer von Stalins Schauprozessen sollte den Massen und allen, die die neue Aristokratie herausfordern würden, Angst und Schrecken einflössen. Der Prozess fand vor einem Sondergericht statt (also einem Gericht, das mit Sicherheit das gewünschte Urteil fällen würde) und dauerte drei Monate. Doch hier endet die Analogie zu den Moskauer Prozessen. Während Stalins Opfer jeglicher Möglichkeit beraubt wurden, sich zu verteidigen oder ihre Ansichten darzulegen, war es Babeuf zumindest gestattet, das Gericht zu nutzen, um das Regime anzugreifen und seine kommunistischen und revolutionären Ideen zu verbreiten. Nachdem er seine Sache ehrenhaft verteidigt hatte, versuchte Babeuf vergeblich, der Guillotine ihr Opfer durch Suizid zu entziehen. Die Hinrichtung Babeufs war der letzte Akt des berüchtigten Weissen Terrors, mit dem die Geschichte der Französischen Revolution endet. Danach verlief die Entwicklung stets auf einem absteigenden Kurs.
Auf das verfaulte und korrupte Direktorium folgt die ebenso verfaulte und korrupte persönliche Diktatur Bonapartes, die all den äusseren Prunk der alten aristokratischen Ordnung wiederherstellte, während sie den wichtigsten sozioökonomischen Gewinn der Revolution bewahrte: die Übergabe des Landes an die Bauern. Daher die fanatische Loyalität der französischen Bauernschaft gegenüber Bonaparte und seinen Nachfolgern. Bonapartismus ist im Wesentlichen Herrschaft durch das Schwert – die persönliche Diktatur eines militärischen starken Mannes. Doch er weist auch eine weitere Besonderheit auf. Der bonapartistische Diktator tendiert dazu, zwischen den Klassen zu balancieren und sich selbst als Verkörperung der Nation darzustellen, die über allen Klassen, über Gut und Böse steht. Indem das Direktorium die Linke angriff, verlagerte es das Gleichgewicht weit nach rechts. Die Royalisten im Konvent witterten Blut und wurden immer mutiger. Im September 1797 sah sich das Direktorium gezwungen, Bonaparte um Hilfe zu bitten, um die neu gewählten Royalisten aus dem Konvent zu vertreiben. Mit diesem verhängnisvollen Schritt wurde Bonaparte zum obersten Schiedsrichter der Macht in Frankreich. Eine Reihe politischer Krisen schuf die Bedingungen für den unvermeidlichen Ausgang. Am 9. November (18. Brumaire nach dem Revolutionskalender) ergriff Bonaparte mit der Unterstützung von Barras und Sieyès durch einen Staatsstreich die Macht. Die Formel für die neue Verfassung bringt das Wesen des bonapartistischen Regimes treffend zum Ausdruck: «Die Autorität kommt von oben, das Vertrauen von unten.»
Ebenso wie Stalin ehemalige zaristische Beamte in sein Regime aufnahm, gehörten auch zahlreiche ehemalige Royalisten zu Napoleons Umfeld. Viele der alten äusseren Formen des früheren Regimes wurden wiederbelebt. Das Gesetz wurde in konterrevolutionärem Geist reformiert. Die Stellung der Frauen wurde verschlechtert, indem die Entscheidungsgewalt des Vaters gegenüber seiner Frau, seinen Kindern sowie des Eigentums der Familie gegenüber gestärkt wurde. Ehefrauen wurden ihren Ehemännern untergeordnet, die Scheidung wurde erschwert. Vor allem betonte der neue «Code» die Unverletzlichkeit des Privateigentums. Zugleich bestätigte er nachdrücklich die Eigentumsrechte derjenigen, die die ehemaligen Ländereien der Aristokratie und der Kirche erworben hatten. Dies sicherte dem neuen Regime die blinde Gefolgschaft der Bauern, die in ihm die Garantie für die sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften sahen, die sie durch die Revolution erlangt hatten. Das und nur das erklärt die fanatische Hingabe des französischen Bauern (und damit der französischen Armee) an Napoleon Bonaparte.
Diese wenigen Betrachtungen zur Französischen Revolution werden dem Thema kaum gerecht. Doch wenn diese Artikel den Appetit des Lesers anzuregen, sich eingehender mit der Geschichte der Revolution zu befassen und die notwendigen Schlussfolgerungen zu ziehen, wird die Mühe nicht vergeblich gewesen sein.
London, 22. Dezember 1999
Der 200. Jahrestag des Sturms auf die Bastille ist Anlass für nationale Feierlichkeiten in Frankreich, wobei für jeden Geschmack eine Flut von Büchern, Artikeln und Fernsehprogrammen präsentiert werden.
Doch unter all dem Trubel werden die Geister von 1789–93 unruhig. Die modernen Nachfahren jener Bourgeoisie, die die grösste Profiteurin der Revolution war, erleben eine Identitätskrise in ihrer Haltung gegenüber ihrer eigenen Vergangenheit. Oder wie es ein Journalist ausdrückte: «Obwohl alle ernstzunehmenden Politiker in Frankreich Republikaner sind, sind nur die Linken mit dem Gründungsereignis uneingeschränkt zufrieden.»
Der Vorschlag des kommunistischen Bürgermeisters von Thionville, eine Büste Robespierres auf dem Stadtplatz aufzustellen, führte zu einer gehässigen Auseinandersetzung, in der ein rechter Stadtrat den Jakobinerführer als «Ayatollah Khomeini seiner Zeit» bezeichnete.
Während die herrschende Klasse und ihre Sprecher die Revolution mit aufwendigen Festen und Reden oberflächlich «feiern», sorgen sie dafür, dass die wirkliche Bedeutung dieses grossen Ereignisses sorgfältig totgeschwiegen wird. Die ignorantesten Kommentatoren erklären, die Französische Revolution «beweise», dass Revolutionen immer in Tränen enden. Die raffiniertesten Geschichtsfälscher erstürmen die Bastille erneut im Komfort ihrer Studien und beweisen unwiderlegbar, dass die Revolution niemals wirklich stattgefunden habe und dass, selbst wenn sie stattgefunden hätte, danach alles genauso gewesen sei wie zuvor.
Doch die Französische Revolution war eines der grössten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit. Sie ist noch heute eine unerschöpfliche Quelle von Lehren für die Arbeiterbewegung. Dennoch muss an dieser Stelle zunächst zu Vorsicht gemahnt werden. Die Französische Revolution war eine bürgerliche Revolution, und es wäre völlig falsch, exakte Parallelen zwischen den damals ablaufenden Prozessen und der Bewegung des modernen Proletariats zu ziehen. Ein solcher Versuch würde zu allen möglichen anachronistischen und unwissenschaftlichen Schlussfolgerungen führen.
In der Epoche, mit der wir uns beschäftigen, existierte das Proletariat im modernen Sinne des Wortes in Frankreich kaum. Es gab zwar bereits einige wenige grosse Unternehmen, wie die Textilfabriken von Van Robais in Abbeville, die 12’000 Arbeiter beschäftigten, oder die Minen von Anzin nahe der belgischen Grenze mit 4’000 Arbeitern. Doch die Industrie war im Allgemeinen im Vergleich etwa zu Grossbritannien von extremer Unterentwicklung geprägt.
1789 gab es beispielsweise in Frankreich 900 «Spinning Jennies», verglichen mit 20’000 in Grossbritannien. In ganz Paris gab es nur 50 Fabriken, die zwischen 100 und 800 Arbeiter beschäftigten. In der Regel war die Industrie in Frankreich noch nicht über das Stadium des Handwerks und der Heimindustrie hinausgekommen, die häufig auf halbfeudaler Grundlage unter der fernen Aufsicht von Handelsunternehmern betrieben wurde.
Die Grossindustrie, soweit sie überhaupt existierte, war weitgehend auf die Initiative des Staates zurückzuführen. Doch die natürliche Entwicklung des Kapitalismus wurde durch staatliche Eingriffe und die feudalen Beschränkungen behindert.
1789 lebten nur 15 % der Bevölkerung in Städten3. Paris war mit etwa einer halben Million Einwohnern mit Abstand die grösste Stadt, wodurch es eine entscheidende Rolle bei den Ereignissen spielen konnte, die sich entfalten sollten.
Der Grossteil der Bevölkerung bestand aus Bauern, und die Agrarfrage stand, wie immer, im Zentrum der bürgerlichen Revolution. Historiker wie Alfred Cobban in The Myth of the French Revolution haben versucht zu zeigen, dass die Französische Revolution keine bürgerliche Revolution gewesen sei, unter anderem mit der Begründung, dass der Feudalismus bereits vor 1789 abgeschafft worden sei.
Es stimmt, dass die Leibeigenschaft für die meisten Bauern bereits vor 1789 abgeschafft worden war, obwohl in Teilen Frankreichs – Comté und Nivernais – noch Gebiete mit Leibeigenschaft existierten. Cobban behauptet, dass «die feudale Aristokratie nicht nur aufgehört hatte, das Land zu regieren, sondern sogar aufgehört hatte, einen grossen Teil des Landes zu besitzen». Dies vermittelt jedoch ein sehr einseitiges Bild des tatsächlichen Zustands des französischen Landes vor 1789.
Trotz der Abschaffung der Leibeigenschaft besassen nur etwa ein Viertel der Bauern Land 4. Mehr als die Hälfte waren arme Teilpächter («metayers»), die kein Kapital besassen und ihre Erzeugnisse zur Hälfte mit dem Grundherrn teilen mussten, während etwa ein Viertel landlose Tagelöhner waren oder winzige Parzellen pachteten.
Wie im zaristischen Russland, wo die Leibeigenschaft 1861 abgeschafft wurde, linderte diese Massnahme die Not der Bauernschaft keineswegs, sondern vergrösserte im Gegenteil das Elend und die Armut der grossen Mehrheit und schuf zugleich günstige Bedingungen für die Minderheit der «Kulaken».
Auch in Frankreich brachte die Abschaffung der Leibeigenschaft eine Klasse wohlhabender Bauern hervor («laboureux»), ohne das Elend selbst der Bauern mit Grundbesitz, geschweige denn der besitzlosen Landarbeiter, zu verringern. Die Aufteilung des Landes schuf eine grosse Zahl unfruchtbarer Parzellen, mit denen sich kaum mehr als das nackte Überleben erwirtschaften liess. Die daraus resultierende «ländliche Überbevölkerung» bedeutete, dass 1777 über eine Million Menschen offiziell als Bettler eingestuft wurden.
Dieses ländliche Halbproletariat strömte in die Städte, wo die noch in ihrer primitivsten Entwicklungsstufe befindliche Industrie es nicht aufnehmen konnte. Wer im Dorf blieb, lebte vom Betteln oder von saisonaler Arbeit für die Grundherren oder «Laboureux». In schlechten Jahren lieferten sie reichlich brennbares Material für Aufstände und Banditentum.
Die Abschaffung der Leibeigenschaft bedeutete zudem nicht die Abschaffung anderer feudaler «Rechte», die weiterhin bestanden: die «Corvée» (Frondienste), Wege- und Brückenzölle usw., weitere Abgaben auf Jahrmärkten, Märkten und dergleichen, «lods et ventes» (Gebühren beim Besitzwechsel von Boden innerhalb eines Guts), Ablösegelder, Grundrenten und Abgaben in Geld oder Naturalien, Jagdrechte, Rechte zur Haltung von Kaninchen und Tauben sowie eine verwirrende Vielzahl direkter und indirekter Steuern.
Neben den Grundbesitzern hatten auch die Kirchen und Klöster das Recht, ähnliche Abgaben zu erheben. In einigen Gebieten hielten auch sie Leibeigene. Wie Alexis de Tocqueville erklärte, unterstrich die Tatsache, dass einige dieser Rechte nicht mehr eingefordert wurden und sie in verschiedenen Regionen unterschiedlich erhoben wurden, lediglich den anachronistischen Charakter der feudalen Rechte und machte ihre Existenz noch unerträglicher.
Der Staat erhob weitere hohe Steuern, darunter eine Kopfsteuer («taille»), den Zwanzigsten («vingtième»), von der Adligen, Geistliche und Beamte gewöhnlich befreit waren, sowie eine ganze Reihe indirekter Steuern, was die Lage noch schlimmer machte. Nicht weniger als 10 % der königlichen Einnahmen stammten aus der Salzsteuer («gabelle»). Es gab sowohl innere als auch äussere Zölle («traites») sowie eine Verbrauchssteuer („aides“) und andere indirekte Steuern, die schwer auf den Armen lasteten.
Die Notwendigkeit, Steuern zu erheben, spiegelte wiederum die Krise des absolutistischen Staates wider. Eine Reihe verheerender Kriege, die in der französischen Intervention im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1778–83) gipfelten, leerte die Staatskasse. Die königlichen Schulden stiegen von 93 Millionen Pfund im Jahr 1774 auf 300 Millionen Pfund im Jahr 1789. Die Königin wurde als «Madame Deficit» bekannt. Das Regime stand buchstäblich vor dem Bankrott.
Die Inflation führte zum Einbruch der Reallöhne und gemeinsam mit dem zunehmenden Steuerdruck zu einer Reihe Bauernaufständen («Jacqueries»), die sich von 1782 bis unmittelbar vor der Revolution zu einem nahezu permanenten Phänomen entwickelten. Eine Provinz nach der anderen war betroffen – Poitiers, Vizille, die Cevennen, Vivarais, Gévaudan. 1786 kündigte der Streik der Seidenweber in Lyon der Gesellschaft an, dass die Arbeiterklasse bereits begann, ihre Muskeln spielen zu lassen.
Es ist ein dialektischer Widerspruch, dass die Revolution immer von oben beginnt. Die herrschende Klasse, die nicht mehr in der Lage ist, die Gesellschaft voranzubringen, beginnt zu spüren, dass sie zu einem Hindernis auf dem Weg des Fortschritts geworden ist. In den oberen Schichten brechen Risse und Spaltungen auf, während diese versuchen, einen Ausweg aus der Sackgasse zu finden.
Bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten hatte der Wind der Veränderung in den Reihen der Intellektuellen zu wehen begonnen, jenem empfindlichsten Barometer der Stimmung der Gesellschaft. In den Schriften von Montesquieu, Diderot, Voltaire, D’Alembert und Rousseau wurde das ideologische Fundament des Ancien Régime einer umfassenden Kritik unterzogen. Religion, absolutistische Monarchie, Ungleichheit – sie alle mussten sich vor dem Richterstuhl der «Vernunft» verantworten, lange bevor sie vor den revolutionären Tribunalen verurteilt wurden.
Die Revolution der Ideen nahm die wirkliche politische und soziale Revolution vorweg, die im Schoss der alten Gesellschaft still heranreifte. Sie lieferte der aufstrebenden Bourgeoisie die philosophischen Grundlagen für den Angriff auf die alte Ordnung.
Im Gegensatz dazu spiegelte sich die Sackgasse des Ancien Régime im spektakulären moralischen und intellektuellen Verfall der herrschenden Clique wider. Der Hof Ludwigs XV. hatte die grösste Ähnlichkeit mit einem Bordell der gehobenen Klasse, das von den bevorzugten Mätressen des Königs, den Pompadours und Du Barrys, beherrscht wurde. Der allgegenwärtige Geruch der Korruption haftete auch dem Hof seines Nachfolgers Ludwig XVI. und seiner Frau Marie Antoinette an, der verhassten «Österreicherin», die selbst kurz vor dem Ausbruch der Revolution in einen Skandal, die «Halsbandaffäre», verwickelt war.
Ludwig spürte, wie sich die Erde unter seinen Füssen bewegte und versuchte verzweifelt, das Finanzsystem zu reformieren, das kurz vor dem Zusammenbruchs stand. Wie Gorbatschow heute wollte er eine teilweise Reform von oben durchführen, um eine Revolution von unten zu verhindern. Eine ganze Reihe finanzieller «Reformer» wurde eingesetzt: Maupeou unter Ludwig XV.; Turgot, Necker und Calonne unter seinem Nachfolger. Doch sie alle scheiterte am Haupthindernis: der schlichten Weigerung der Aristokratie, Steuern zu zahlen.
Auch hier ähnelt Ludwigs Dilemma dem Gorbatschows und dem einer ganzen Reihe «reformierender» Zaren und chinesischer Kaiser: Wie bringt man die herrschende Aristokratie oder Bürokratie dazu, einen Teil ihrer Privilegien aufzugeben, um das System als Ganzes zu retten? Mit anderen Worten: Wie lässt sich die Quadratur des Kreises bewerkstelligen?
Eine Zeit lang vollbrachte Necker finanzielle «Wunder», die einzig und allein darin bestanden, neue Kredite aufzunehmen, was die Lage noch verschlimmerte. Als er 1786 durch Calonne ersetzt wurde, waren die Kredite schliesslich ausgeschöpft. Ludwig blieb nichts anderes übrig, als die Zähne zusammenzubeissen und die Aristokratie mit der unbequemen Realität (aus Sicht der Schatzkammer) zu konfrontieren.
Die Adligen antworteten jedoch, indem sie auf die – für sie – unbequemen Konsequenzen hinwiesen. Ihr Widerstand wurde über die «Parlements» organisiert, keine Parlamente im modernen Sinne, sondern Gerichte, Überbleibsel des Mittelalters, die von der Aristokratie dominiert wurden und die sie dazu benutzte, ihre Eigeninteressen sowohl gegenüber dem König als auch gegenüber der Kirche zu verteidigen.
Mit dem Konflikt zwischen dem König und den Parlements über die Besteuerung wurde die Spaltung innerhalb der herrschenden Klasse offen sichtbar. Ironischerweise wurde ausgerechnet das reaktionäre Pariser Parlement für eine gewisse Zeit zu einem Sammelpunkt des Volkszorns gegen die Monarchie.
Das Steuereintreibungssystem begann zusammenzubrechen, und die Loyalität der Armee, selbst die der Offiziere, stand in Frage. Die Verhaftung wichtiger «Parlementaires» und die Suspendierung des Parlements am 8. Mai 1788 hoben die Unruhen lediglich auf eine neue Ebene.
Die Massen wurden aufmerksam, aufgerüttelt durch den offenen Krieg zwischen der Monarchie und den Parlements. Es kam zu Unruhen in Bordeaux, Dijon, Paris und Toulouse und zu ernsteren Aufständen in der Bretagne und in der Dauphiné.
Angesichts der Aussicht auf eine landesweite Revolute gab der König nach. Das Pariser Parlement wurde zunächst einberufen, dann aufgelöst, dann erneut einberufen. Eine «Notabelnversammlung» wurde einberufen und versucht zuerst erfolglos, die Adligen von ihrer Besteuerung zu überzeugen, was die Versammlung dann ermutigte, weitere Zugeständnisse zu fordern, nämlich die Einberufung der «Generalstände», einer Körperschaft, die den Adel, den Klerus und den «Dritten Stand» (die «Gemeinen») repräsentierte und die seit 1614 nicht mehr zusammengetreten war.
Diese Schwankungen und Spaltungen offenbarten die Schwäche der Monarchie, die schliesslich zustimmte, die Generalstände für den 1. Mai 1789 einzuberufen. Der Zusammenbruch der Autorität schwächte die Zensur. Paris wurde von einer Flut von Flugschriften überschwemmt. Plötzlich wurde die gesamte Gesellschaft von einem Fieber politischer Aufregung erfasst.
Dies wiederum spiegelte eine wachsende Stimmung der Unzufriedenheit in den tiefsten Schichten der Gesellschaft wider. Die ersten Monate des Jahres 1789 waren durch eine Welle von Bauernunruhen gekennzeichnet, die sich gegen Steuern und feudale Abgaben richteten. Zwei schlechte Ernten hatten den Brotpreis in die Höhe getrieben und Aufstände und Überfälle auf Getreidetransporte ausgelöst. Die Unruhen breiteten sich auf die Städte aus. Im April griff eine Menge die Fabrik eines Herstellers an, dem vorgeworfen wurde, die Armen auszuhungern. Dies war nicht der einzige Fall dieser Art. Ab März kam es in Paris zu Lebensmittelunruhen.
Das waren die Umstände, unter denen die Generalstände einberufen wurden – und sie entpuppten sich sofort als gewaltigen Betrug. Unter den Delegierten befand sich nicht ein einziger Bauer. Schlimmer noch: Der nichtaristokratische Teil, die «gebildeten Klassen» – bürgerliche Anwälte, Fabrikanten und Lehrer, die «das Volk» repräsentieren sollten – wurde vom Adel und Klerus mit zwei zu eins überstimmt.
Das Verhalten dieser Vertreter wurde entscheidend von der Stimmung der Massen beeinflusst. Es ist unmöglich, die Geschichte der Französischen Revolution auf parlamentarischer Ebene zu verstehen, ohne Blick auf die Bewegung der Massen, insbesondere in Paris, welche die Entwicklung der Ereignisse in jeder entscheidenden Phase vollständig bestimmte.
Zweihundert Jahre vor dem, was als «Glasnost» bezeichnet wurde, wurden alle Teile der Gesellschaft dazu ermutigt, ihre Beschwerden schriftlich vorzubringen, und zwar durch die berühmten «cahiers de plaintes et doleances» (Beschwerde- und Forderungshefte). Die «cahiers» des «Dritten Standes» stellten insgesamt ein vollständiges Programm zur Umgestaltung der Gesellschaft dar. De Tocqueville schrieb:
«Als ich meine Arbeit beendet und eine Liste dieser verschiedenen Vorschläge angefertigt hatte, wurde mir mit einer Art Bestürzung bewusst, dass nichts Geringeres gefordert wurde als die systematische, gleichzeitige Abschaffung aller bestehenden französischen Gesetzen und Bräuchen.
Es war nicht zu leugnen, dass die Verfasser dieser cahiers alle eine der gewaltigsten, katastrophalsten Revolutionen vorantrieben, die die Welt je erlebt hatte. Doch die Männer, die ihre Opfer werden sollten, hatten nicht die geringste Ahnung davon: Sie hegten die törichte Hoffnung, dass eine plötzliche, radikale Umgestaltung eines sehr alten, hochkomplexen Gesellschaftssystems nahezu schmerzlos, unter der Schirmherrschaft der Vernunft und allein durch deren Wirksamkeit bewirkt werden könne. Ihr Erwachen war unsanft!» 5
Die Wahlversammlungen, die zusammentraten, um über die «cahiers» zu beraten, waren überfüllte und aufgewühlte Versammlungen. Besonders in Paris kochte die Stimmung der Massen auf den Siedepunkt zu, mit Angriffen auf einzelne «Aristos» sowie Streiks, Aufständen und Zusammenstössen mit Truppen. Kropotkin beschreibt in seinem Buch über die Revolution eine typische Szene, in der der Siegelbewahrer und der Erzbischof von Paris «empfangen, beschimpft und verspottet wurden. Sie waren so von Scham und Wut überwältigt, dass der königliche Sekretär Passeret, der sich bei ihnen befand, offenbar am nächsten Tag vor Schock starb.» 6
Die skandalöse Situation, in der eine winzige Minderheit wohlhabender Adliger und Bischöfe mehr Stimmen besass als der Rest der französischen Nation zusammen, verursachte gewaltige Empörung. Unter dem Druck der Massen nahmen die die bürgerlichen Vertreter des Dritten Standes allen Mut zusammen und forderten eine zusätzliche Vertretung, um die Bevorteilung von Adel und Klerus auszugleichen, sowie das Recht auf getrennte Abstimmung.
Während die Generalstände debattierten, bereitete Ludwig, der die Gefahren der Situation zu spät erkannt hatte, einen bewaffneten Staatsstreich vor, um sie wieder auseinanderzutreiben. Die Entlassung Neckers, der weithin als reformistischer Minister angesehen wurde, brachte die Pariser Massen am 12. Juli auf die Strasse. Am folgenden Tag beschlagnahmten die Arbeiter von Paris Gewehre und Pulver, um sich zu bewaffnen. Die Werkstätten von Paris produzierten innerhalb von 36 Stunden 50’000 Piken. Wie Marx erklärte, war die Konterrevolution die Peitsche für die Revolution.
Die Armee fand sich nun mitten in der allgemeinen gesellschaftlichen Gärung wieder. Truppen missachteten Befehle und weigerten sich, auf das Volk zu schiessen. Die Generäle mussten zusehen, wie ihre Armeen dahinschmolzen. Das Volk entschloss sich, Waffen zu finden und plünderte das Hôtel des Invalides, das sich kampflos ergab und 28’000 Musketen herausgab.
Diese Situation war charakteristisch für die Französische Revolution in all ihren entscheidenden Phasen: Die parlamentarischen «Vertreter» des Volkes reden, debattieren und bringen Resolutionen ein, während die wirklichen Fragen durch die revolutionäre direkte Aktion der Massen entschieden werden.
Historiker haben eine ganze Mythologie entwickelt, in der die angeblichen Errungenschaften der parlamentarischen «Anführer» des Dritten Standes gepriesen werden, die am 17. Juni den Namen «Nationalversammlung» annahmen und drei Tage später im berühmten «Ballhausschwur» schworen, nicht auseinanderzugehen, bis eine Verfassung gewährt worden sei. Doch selbst dabei war die Rolle der Massen entscheidend. Die Galerien des Versammlungssaals waren ständig mit Tausenden von jubelnden und buhenden Menschen gefüllt, die die Politiker anfeuerten und antrieben. Dies war ein entscheidender Faktor dafür, den entschlossensten radikalen Elementen Rückgrat zu geben und die Kräfte der Reaktion einzuschüchtern.
Noch entscheidender war der spontane Massenaufstand in Paris, der Ludwigs Putschversuch zerschlug. Die Arbeiter, Handwerker und Gesellen des Faubourg Saint-Antoine schlossen sich mit der bürgerlichen Miliz zusammen, um am 14. Juli die von Schweizer Söldnern gehaltene Bastille zu stürmen. Diese Aktion versetzte Ludwigs Plänen den Todesstoss und war das Signal für einen landesweiten Aufstand. Dennoch ist die «offizielle Version», die versucht, die Französische Revolution auf dieses einzelne Ereignis zu reduzieren, weit von der Wahrheit entfernt.
Der 14. Juli 1789 war nicht das Ende, sondern erst der Anfang der Revolution. Diese Verzerrung ist keineswegs zufällig. Die erste Phase der Revolution brachte die Macht in die Hände des konservativsten Flügels der Grossbourgeoisie im Bündnis mit dem sogenannten «reformistischen» Flügel des Adels, ähnlich wie die Februarrevolution von 1917 in Russland zunächst die Macht in die Hände der Kadetten und Miljukows legte.
Aus marxistischer Sicht ist es durchaus amüsant, die Versuche «revisionistischer» Historiker wie Cobban zu lesen, die «beweisen» wollen, dass die Französische Revolution keine wirkliche bürgerliche Revolution gewesen sei, weil die aus dem Umsturz vom Juli hervorgegangene Verfassungsgebende Versammlung äusserst zögerlich war, auch nur der Abschaffung der feudalen Abgaben und Dienstleistungen zuzustimmen, die so schwer auf der Bauernschaft lasteten.
Wie Cobban sagt, war die Bourgeoisie angesichts des bäuerlichen Aufstands, der sich nach Juli wie ein Lauffeuer ausbreitete, genauso verängstigt wie der Adel. Im Sommer 1789 standen die Schlösser von einem Ende Frankreichs bis zum anderen in Flammen. Dennoch bekam die Versammlung kalte Füsse und verlor sich in Haarspaltereien darüber, welche Abgaben wirklich «feudal» seien und welche nicht – eine Unterscheidung, die die Bauern kaum verstanden und die sich wenig um rechtliche Spitzfindigkeiten kümmerten, wenn es um Fragen von Leben und Tod ging.
Die Bürgerlichen in der Versammlung klammerten sich mit aller Macht an die Grundbesitzer, die sie mit Leichtigkeit davon überzeugen konnten, dass die Bauernbewegung eine Bedrohung für Eigentum und Ordnung darstellte. Armand duc d’Aiguillon, ein Grossgrundbesitzer, argumentierte, dass «die fraglichen Rechte eine Form des Eigentums sind, und alles Eigentum ist heilig».
Die schiere Grösse des Aufstands machte es jedoch unmöglich, ihn gewaltsam niederzuschlagen, insbesondere angesichts des unzuverlässigen Zustands der Truppen. Mit den Worten Lefebvres: «Sie befreiten sich selbst, und die aufeinanderfolgenden Versammlungen sanktionierten lediglich, was sie erreicht hatten.» 7
Die feudalen Rechte wurden somit von unten durch die Massenaktion und entgegen dem Willen der «revolutionären Bourgeoisie» abgeschafft. Tatsächlich führte die Versammlung sie wieder ein, sobald sie dazu in der Lage war, und zwar in verhüllter Form. Ein Gesetz vom 3. Mai 1790 bestimmte, dass der Bauer für das Privileg der Ablösung8 bezahlen müsse, indem es die Ablösesätze auf einen sehr hohen Betrag festsetzte (das Zwanzigfache der jährlichen Geldabgabe und das Fünfundzwanzigfache der Naturalabgaben), wodurch der Mehrheit der Bauern eine erdrückende Last auferlegt wurde. Dieser Verrat zugunsten der Aristokratie stellte, in den Worten Lefebvres, «eine bittere Täuschung» dar und führte zur Fortsetzung des Bürgerkriegs auf dem Land.
Am 27. August [1789] verabschiedete die Versammlung die «Erklärung der Menschenrechte», die heute als grosse Errungenschaft gepriesen wird. Doch für die Masse des Volkes, der Brot und Land vorenthalten wurden, waren solche Erklärungen abstrakter «Freiheit» schlimmer als nutzlos.
Die neue Verfassung führte ein auf Eigentum basierendes, eingeschränktes Wahlrecht ein und unterschied zwischen den sogenannten «aktiven» und «passiven» Bürgern. Letzteren – den ärmsten Klassen – wurde das Wahlrecht verweigert.
In Wirklichkeit bestand die «Freiheit» der Bourgeoisie im Wesentlichen in der Freiheit, ihre Geschäfte ungehindert von feudalen Beschränkungen oder den Aktionen der Arbeiter zu betreiben. Dazu wurden die Zünfte abgeschafft und gleichzeitig sowohl Streiks als auch Gewerkschaften verboten. Auch die Beschlagnahmung des Kircheneigentums, das angeblich «der Nation zur Verfügung gestellt» wurde, war eine Massnahme im Interesse der Bourgeoisie, die den Löwenanteil des Kirchenlandes aufkaufte. Die Bauern gewannen durch diese Massnahme nichts. Es gab nicht einmal einen Versuch, eine Republik zu errichten. Die Monarchie, die sich vordergründig mit der neuen Ordnung abgefunden hatte, wurde in Ruhe gelassen.
Doch trotz aller heuchlerischer Schmeicheleien blieb der König unerbittlich feindselig. Der Hof wurde zur Brutstätte von Reaktion und Verschwörung. Ein Teil des Adels war bereits ins Ausland emigriert, um von Koblenz aus die Konterrevolution zu organisieren. Der Rest harrte aus und wartete auf eine günstige Gelegenheit.
Wären die Sache in den Händen der Bourgeoisie geblieben, hätten die Pläne der Reaktionäre Erfolg haben können. Doch erneut griffen die Massen ein. Der Brotmangel verursachte wachsende Unzufriedenheit, die in den zahlreichen «Klubs» Widerhall fand, die wie Pilze nach einem Gewitter aus dem Boden schossen und die das Äquivalent moderner politischer Parteien im 18. Jahrhundert darstellten. Es gab Streiks, Petitionen und Proteste sowie eine Flut von Flugblättern.
Im Fokus der Empörung stand das königliche Vetorecht und die berechtigte Befürchtung, dass König und Königin das Land verlassen und sich den Konterrevolutionären anschliessen könnten, die sich an den Grenzen Frankreichs sammelten.
Am 5. Oktober kam es zu einem zweiten Aufstand. Die Frauen von Paris, die die Hauptlast der steigenden Inflation und der Lebensmittelknappheit zu tragen hatten und zu politischem Leben erwacht waren, führten einen Marsch auf Versailles an und zwangen ihre Männer, ihnen zu folgen. Das versetzte der Konterrevolution einen entscheidenden Schlag. König und Königin wurden nach Paris «eingeladen», wo das Volk sie im Auge behalten konnte. Zum zweiten Mal hatten die Massen die Revolution gerettet.
In Wirklichkeit gab es nach dem Sieg von 1789 zwei Jahre der Reaktion innerhalb der Revolution selbst. Diese bereiteten jedoch bloss die nächste Phase des revolutionären Aufschwungs vor, die wiederum eine Folge der drohenden Konterrevolution war.
Im Juni 1791 versuchten König und Königin, ins Ausland zu fliehen, wurden jedoch durch wachsame Revolutionäre aufgehalten und nach Paris zurückgeführt. Selbst dann versuchte die feige und verräterische Versammlung, die Spuren zu verwischen, und behauptete allen Ernstes, Ludwig sei «entführt» worden.
Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft fand ihren Ausdruck innerhalb der Nationalversammlung, die sich in «links» und «rechts» spaltete – Begriffe, die ursprünglich die Sitzordnung der revolutionären und reaktionären Parteien bezeichneten. Auf der Rechten befanden sich die Mitglieder des Feuillants-Klubs, eine Ansammlung reaktionärer Adliger, Geistlicher und Monarchisten. Auf der Linken befanden sich die Mitglieder des Jakobinerklubs und insbesondere des radikalen Pariser Cordeliers-Klubs, der von der überlebensgrossen Persönlichkeit Dantons dominiert wurde.
Doch die wichtigste Partei in der Versammlung war zu diesem Zeitpunkt die «Zentrumspartei» von Brissot und Vergniaud, die im Volksmund als «Girondisten» bekannt war, weil viele von ihnen aus der Gironde im Westen Frankreichs stammten. Die Abgeordneten der Girondisten kamen aus den wohlhabenden Schichten und den freien Berufen: Lehrer, Ärzte, vor allem aber Anwälte. Sie waren brillante Redner, aber repräsentierten vor allem die Rückständigkeit der Provinzen, die stets dazu neigten, hinter dem revolutionären Paris zurückzubleiben. Sie standen in erster Linie für die Interessen der grossen Handelsbourgeoisie von Städten wie Bordeaux.
Sie traten für die Verteidigung der Revolution ein, hatten jedoch Angst vor der unabhängigen Bewegung der Massen. Sie waren die Partei der Ordnung, des Eigentums, der Stabilisierung der Währung und der Rechte der Provinzen gegenüber Paris. Sie waren auch die Partei des Krieges.
Denn der Krieg entwickelte sich zu diesem Zeitpunkt rasch zur zentralen Frage. Von royalistischen Emigranten angestachelt und im Einvernehmen mit Ludwig und Marie Antoinette suchten Österreich und Preussen offensichtlich nach einem Vorwand für eine Invasion.
Am 20. April 1792 erklärte die Versammlung Österreich den Krieg. Es folgte eine Reihe verheerender Niederlagen. Die französische Armee war bald geschlagen, da sie praktisch unverändert vom alten Regime übernommen und wurde ohne Vorbereitung in den Kampf geworfen worden war, angeführt von korrupten und verräterischen Offizieren, von denen viele eine günstige Gelegenheit suchten, überzulaufen.
Im Sommer 1792 schien der Fall von Paris unausweichlich. Die dunkelste Stunde für die Revolution war die Kapitulation der Stadt Verdun, die General Dumouriez dem Feind verräterisch übergab. Verzweifelt über diese Niederlage nahmen die Girondinischen Führer geheime Verhandlungen mit Ludwig auf.
Hätte es von der Versammlung und den Girondisten abgehangen, wäre alles verloren gewesen. Glücklicherweise nahmen wiederum die Pariser Massen die Sache selbst in die Hand. Am 10. August, etwa eine Woche vor dem Fall von Verdun, führten die Massen von Paris gemeinsam mit den revolutionären Freiwilligen («Fédérés») aus Marseille und der Bretagne einen Aufstand durch, der die Monarchie tatsächlich stürzte.
Das ist die Art und Weise, in der sich die französische bürgerliche Revolution entfaltete: In jeder Phase versuchte die Grossbourgeoisie, mit der Monarchie zu taktieren und Kompromisse zu schliessen, zögerte und versuchte, so viel wie möglich vom alten Regime zu bewahren. Nur das revolutionäre Eingreifen der plebejischen und halbproletarischen Massen, vor allem in Paris, konnte sämtliche Hindernisse aus dem Weg räumen und die Revolution vorantreiben. Dazu waren sie gezwungen, gegen eben jene Bourgeoisie zu kämpfen, die unweigerlich die Profiteurin der revolutionären Errungenschaften sein würde, die mit dem Blut und den Opfern der Massen erkauft worden waren. Das war die Dialektik der Französischen Revolution.
Die Dialektik der Revolution ist ein Buch mit sieben Siegeln für die heutigen bürgerlichen Historiker, die versuchen, die wirklichen Prozesse zu verschleiern, durch die ihre Klasse an die Macht gelangte.
Die konterrevolutionäre Rolle der Bourgeoisie in der bürgerlich-demokratischen Revolution wurde bereits von Marx und Engels nach den Revolutionen von 1848–49 analysiert. In keinem der kolonialen und ehemals kolonialen Länder hat die Bourgeoisie im 20. Jahrhundert etwas anderes getan als eine reaktionäre Rolle gespielt. In Russland wurde der Zarismus nicht von den sogenannten bürgerlichen Liberalen gestürzt, sondern von der Arbeiterklasse in der Februarrevolution und dann endgültig im Oktober.
Aber selbst in der klassischen Periode der bürgerlichen Revolution wurde der Sturz der feudal-absolutistischen Regime nicht von der Bourgeoisie selber vollbracht, sondern von den revolutionärsten Teilen des Kleinbürgertums, denen es vorübergehend gelang, die unterdrücktesten Schichten der Gesellschaft, die halbproletarischen Massen von Stadt und Land, hinter sich zu versammeln. Das war im England des 17. Jahrhunderts ebenso der Fall wie auch über 100 Jahre später in Frankreich.
Von Anfang an strebten die französische Bourgeoisie und ihre politischen Vertreter nach einer Einigung mit der Reaktion. Sie fürchteten, dass die Massen sich nicht mit der Abschaffung der feudalen Privilegien der Aristokratie zufriedengeben, sondern das Eigentum selbst angreifen würden.
Brissot, der Anführer der Girondisten, wetterte gegen «Desorganisatoren», die «alles gleichmachen wollen – Eigentum, Vermögen, Lebensmittelkosten, die verschiedenen der Gesellschaft geschuldeten Dienste». Er brachte die Panik seiner wohlhabenden Gönner zum Ausdruck. Doch im Augenblick höchster Gefahr hing die Rettung der Revolution von der Mobilisierung der am stärksten unterdrückten Massen der Gesellschaft ab.
Die Jakobiner und Girondisten gehörten ursprünglich derselben Partei an. Doch während die Letzteren davor zurückschreckten, die «untersten Tiefen» der Gesellschaft aufzuwühlen, erkannten die Jakobiner, dass dies die einzige Alternative war, wenn die Revolution gesichert werden sollte.
Als Antwort auf Brissot griff Robespierre, der Führer der Jakobiner, die «falschen Patrioten» an, «die die Republik nur für sich selbst errichten wollen, die nur zum Vorteil der Reichen regieren müssen».
Während die Versammlung Zeit verschwendete, wurden die Massen durch die drohende Konterrevolution erneut zum Handeln gezwungen. Der Herzog von Braunschweig, der an der Spitze der einmarschierenden Armeen stand, erliess ein Manifest, in dem er «beispielhafte Rache» androhte, falls dem König und der Königin irgendein Leid zugefügt würde.
Dies war keine leere Drohung. Grosszügig mit Geld und Waffen ausgestattet warteten überall in Frankreich royalistische Gruppen nur auf das Signal, um im Hinterland Verwüstung anzurichten. Bereits 1791 und 1792 hatte es royalistische Aufstände in Perpignan, Arles, Lozère, den Vivarais, Yssingeaux und der Vendée gegeben.
Siegessicher inszenierte der König schliesslich einen parlamentarischen Staatsstreich, indem er am 13. Juni 1792 das girondistische Ministerium entliess. Alle Voraussetzungen für einen monarchistischen Putsch waren von langer Hand vorbereitet worden. Während Österreicher und Preussen vor der Tür standen, war Lafayette nur um den «Feind im Inneren» besorgt und bot dem König seine Truppen an, «um die Jakobiner niederzuschlagen».
Zweifellos hätte der Einzug der österreichischen und preussischen Armeen in Paris, begleitet von royalistischen Emigranten, ein Blutbad in einem Ausmass angekündigt, das den späteren revolutionären «Terror» wie ein Teekränzchen im Pfarrhaus hätte aussehen lassen.
Doch erneut retteten die Sansculotten die Situation. Danton, Marat, Chaumette und Hébert gründeten eine neue revolutionäre Kommune und gaben den Massen, die Delegierte aus ihren «Sektionen» schickten, einen organisierten Ausdruck. Sie führten am 10. August 1792 einen weiteren Aufstand durch. Der Tuilerienpalast wurde gestürmt und Ludwig war gezwungen, sich zu seinem eigenen Schutz in ebenjene Nationalversammlung zu flüchten, gegen die er konspirierte!
Unter dem Druck der Massen suspendierte die Versammlung den König und verabschiedete eine Reihe fortschrittlicher Gesetze. Das allgemeine Wahlrecht für Männer war endlich erkämpft. Die Ländereien der Emigranten wurden beschlagnahmt und sollten in kleinen Parzellen verkauft werden, auch wenn in der Praxis die meisten als grosse Güter an die Wohlhabenden verkauft wurden.
Dennoch war der Aufstand im August ein bedeutender Wendepunkt. Durch ihr Handeln zeigten die Massen, dass sie nichts Geringeres als eine grundlegende und vollständige Umgestaltung der Gesellschaft akzeptieren würden. Die alte Grundlage für Kompromisse war zerstört. Die gemässigten Girondisten waren gezwungen, die geheimen Verhandlungen mit dem König abzubrechen. Alle Regierungsformen, Parteien und Institutionen wurden in den Schmelztiegel geworfen.
Der politische Schwerpunkt innerhalb der Versammlung verschob sich mit dem Anwachsen der jakobinischen Linken auf Kosten des girondistischen Zentrums. Noch wichtiger war, dass die Macht sich vom Debattiersaal auf die Strasse verlagerte, von der Nationalversammlung zu den revolutionären Organen der lokalen Macht und zu den Klubs, die sie inspirierten und mit Ideen und Parolen ausstatteten.
Die revolutionären Kommunen rückten ins Zentrum des Geschehens, angeführt von der Pariser Kommune, die von den «Männern des 10. August» dominiert wurde – Danton, Marat, Hébert und Chaumette.
Die Jakobiner, der radikale Flügel der kleinbürgerlichen Demokratie, hatten Erfolg, weil sie im Gegensatz zu den Girondisten bereit waren, sich auf die Massen zu stützen, um die Reaktion zu bekämpfen. Sie schlugen nicht entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen angesichts des «Septembermassaker», als die Pariser Sansculotten in die Gefängnisse eindrangen, um eine plebejische Abrechnung mit der aristokratischen Konterrevolution durchzuführen.
So düster dieses Ereigniss auch war, es kann nur im Lichte der schrecklichen Gefahr verstanden werden, die über dem revolutionären Paris hing. Die spätere Erfahrung des konterrevolutionären Thermidors von 1794 und des Weissen Terrors, der auf die niedergeschlagene Revolution von 1848 und die Pariser Kommune von 1871 folgte, zeigt, welches Blutbad zu erwarten gewesen wäre, hätte die Reaktion gesiegt.
Im Gegensatz zu den zahllosen Opfern des thermidorianischen Terrors, die ohne den geringsten Anschein eines Prozesses ermordet wurden, errichteten die Sansculotten zumindest improvisierte Tribunale, vor denen die inhaftierten Aristokraten die Möglichkeit erhielten, sich zu verteidigen. Auch war dies keine reine Formsache, wie behauptet wurde. Während 1’465 Gefangene hingerichtet wurden, wurden 1’335 freigesprochen – eine Tatsache, die von Autoren kaum erwähnt werden, die darauf bedacht sind, den Pariser «Mob» als blutrünstige Monster darzustellen.
Das Septembermassaker war ein verzweifelter Akt der Selbstverteidigung des revolutionären Paris, eine spontane Aktion, die darauf abzielte, den Feinden Furcht und Schrecken einzujagen.
Am 20. September 1792 trat der neu gewählte Konvent, der die Nationalversammlung ersetzte, in den Tuilerien zusammen. Die Girondisten repräsentierten nun den rechten Flügel. Die Linke, die auf den höchsten Bänken sass, wurde als Bergpartei («montagnards») bekannt.
Unter dem Eindruck des Aufstands vom August und dem Septembermassaker stimmten die Girondisten, die ohnehin formell Republikaner waren, gemeinsam mit den Jakobinern für die Abschaffung der Monarchie. Von diesem Zeitpunkt an war die Revolution gekennzeichnet durch den Kampf zwischen dem Berg und der Gironde innerhalb des Konvents und durch die zunehmende Feindseligkeit der Pariser Kommune gegenüber dem Konvent als Ganzem.
Der Prozess gegen den König, oder Louis Capet (sein Familienname), wie er damals genannt wurde, brachte die Spannungen zwischen jenen zum Vorschein, die einen Halt der Revolution wünschten, und denen, die unter dem Druck der Massen bereit waren, bis zum Ende zu gehen. Es war unmöglich, ernsthaft gegen die Reaktion zu anzukommen, ohne sich mit dem «ersten Glied in der Kette der Konterrevolution» zu befassen. Doch die Girondisten scheuten davor zurück, Ludwig hinrichten zu lassen, weil sie – zu Recht – verstanden, dass es von diesem Punkt an kein Zurück für die Revolution mehr geben würde.
Der Konvent vereitelte die Verzögerungstaktik der Girondisten und stimmte mit knapper Mehrheit für die Hinrichtung. Die Revolution hatte alle Brücken hinter sich abgebrochen. Mit den Worten Dantons: «Die koalierten Könige bedrohen uns, da werfen wir ihnen als Fehdehandschuh das Haupt eines Königs vor die Füsse.»
Die Niederlage der Aristokratie und der Sturz der Monarchie durch die zweite Französische Revolution, den Aufstand vom August 1792, liessen die Klassenwidersprüche innerhalb des revolutionären Lagers deutlich hervortreten. Mit dem Fortschreiten der Revolution bewegte sich die zögerlichen Elemente im Konvent scharf nach rechts, während sich die Jakobiner unter dem Druck der Massen nach links bewegten. Ein offener Bruch wurde unvermeidlich.
Dies widerspiegelte die Verschärfung des Klassenkampfes. Die Grossbourgeoisie hatte durch militärische Aufträge, Finanzspekulationen und den Kauf von Kirchenland ein Vermögen gemacht. Die Masse des Volkes litt unter Knappheit, steigenden Preisen und der raschen Entwertung der Währung. Die Wäscherinnen von Paris demonstrierten mit der Parole: «Du pain et du savon» (Brot und Seife). Lebensmittelgeschäfte wurden bei Lebensmittelunruhen geplündert.
Die entsetzten Girondisten verleumdeten die Aufständischen als «Agenten Pitts» – des britischen Premierministers. Im Namen des «Föderalismus» drückten die Girondisten die Panik der wohlhabenden Händler von Bordeaux, Nantes, Lyon und Toulon angesichts der Ereignisse in Paris aus. Die die halbproletarischen Massen forderten wiederum mehr Zentralismus, grössere Befugnisse für den Konvent, revolutionären Terror zur Zerschlagung der Reaktion und die Säuberung des Konvents der Rechten.
Die Bewegung erreichte mit den «journées» vom 31. Mai bis zum 2. Juni 1793 ihren Höhepunkt. Der Sitzungssaal des Konvents wurde von den Sansculotten gestürmt, die den Ausschluss der girondistischen Abgeordneten verlangten. Dieser Aufstand markierte den entscheidenden Sieg der Revolution: den Triumph des revolutionärsten Flügels, der sich auf die plebejischen Massen in Paris stützte, über die reaktionäre Bourgeoisie und ihre girondistischen Agenten.
Die Erstürmung der politischen Bühne durch die Massen wurde durch die verzweifelte Lage der Revolution erzwungen, die nur mit den dunkelsten Jahren des Bürgerkriegs in Russland nach 1917 verglichen werden kann, als die Sowjetregierung von 21 ausländischen Armeen angegriffen wurde und die Bolschewiki zeitweise nur noch ein Gebiet um Petrograd und Moskau kontrollierten.
Eine spanische Armee hatte die Pyrenäen überschritten. Die Preussen waren vom Osten her einmarschiert. Toulon wurde den Engländern kampflos übergeben. In der Region Vendée brach ein blutiger Aufstand aus, der Nantes bedrohte. Die Girondisten organisierten überall in den Provinzen Aufstände zugunsten der Konterrevolution. Paris wurde erschüttert, als die Nachricht vom Verrat von Marseille und Lyon eintraf.
Die Französische Revolution war, insbesondere auf ihrem Höhepunkt von 1793–94, ein grosser Krieg der sozialen Befreiung, den das französische Volk trotz unglaublicher Widrigkeiten führte. Es stand mächtigen und zahlreichen Feinden im In- wie im Ausland gegenüber und hatte die Grossmächte Europas zum Feind. Dennoch gelang ihm trotz alledem der Sieg.
Ein solcher Sieg wäre undenkbar gewesen ohne die Konzentration der Macht in den Händen der entschlossensten und kühnsten Elemente der revolutionären Demokratie. Der vom Konvent eingesetzte Wohlfahrtsausschuss fungierte als Speerspitze des Krieges gegen die innere Reaktion, während die «levée en masse» (allgemeine Wehrpflicht) die für die Zerschlagung der äusseren Intervention erforderlichen Streitkräfte bereitstellte.
Solange der Terror sich gegen die Agenten des alten Regimes und die Feinde der Revolution richtete, spielte er im Kontext der äusserst gefährlichen Lage im Innern eine notwendige und fortschrittliche Rolle. In jedem Fall wurde das Ausmass des Terrors übertrieben, insbesondere in Paris. Nur 15 % der Todesurteile wurden in Paris ausgesprochen, 19 % im Südosten und 52 % im Westen, wo der Bürgerkrieg tobte.
Zweifellos wurden Exzesse begangen, zum Beispiel in Nantes und Lyon unter dem berüchtigten Joseph Fouché, der später ein Agent der thermidorianischen, bonapartistischen und sogar royalistischen Reaktion wurde und als Millionär mit dem Titel «Herzog von Otranto» endete. Doch Exzesse kommen in jedem Krieg vor, insbesondere in einem Bürgerkrieg. Auch die schärfsten Kritiker des Terrors konnten bisher erklären, wie die Revolution in diesem Moment tödlicher Gefahr ohne ihn hätte überleben können.
In jedem Fall war der Terror nur ein Merkmal des unerbittlichen Krieges, den die Revolution führte. Weitaus wichtiger war die unglaubliche und beispiellose Mobilisierung der gesamten Nation, die das Geheimnis hinter dem unmöglich erscheinenden Erfolges war.
Um das Volk zum Kämpfen zu bewegen, machten die Jakobiner Zugeständnisse an die Forderungen der Massen. Die Verfassung von 1793 war die erste wirklich demokratische Verfassung, eine unmittelbare Errungenschaft der kämpfenden Massen, auch wenn diese Verfassung unter den herrschenden Bedingungen nie wirklich in Kraft gesetzt werden konnte. Die Massen hatten ihre eigene revolutionäre Demokratie bereits durch ihre «Sektionen» durchgesetzt, in denen Massenversammlungen der ärmsten Bürger fast ständig mit ihren vertrauenswürdigen Vertretern in Kontakt standen.
Die Pariser Sansculotten behielten mit ununterbrochener Wachsamkeit die Kontrolle über den Konvent. Die überfüllten Galerien feuerten den radikalsten Flügel des Berges an und hielten die schwankenden Elemente in Schach.
Die verbreitete Tendenz, die Jakobiner als eine Art «sozialistische» Partei zu charakterisieren, ist jedoch völlig unpassend. Trotz des unaufhörlichen Aufstiegs und Falls von Parteien und Programmen, in dem sich die radikalste Strömung immer wieder, blieb der Klassencharakter der Französischen Revolution durchgehend bürgerlich. Robespierres Fraktion war lediglich die konsequenteste revolutionäre Stimme der kleinbürgerlichen Strömungen, die den Konvent dominierten.
Unter dem Druck der Massen trieben die Jakobiner die bürgerliche Revolution bis an ihre Grenzen und an gewissen Grade darüber hinweg, indem sie das Privateigentum antasteten. Dies drückte keineswegs eine sozialistische Strömung im Jakobinismus aus, der fest auf dem Boden des bürgerlichen Eigentums stand, sondern lediglich den Versuch, die halbproletarischen Sansculotten zu besänftigen, von denen ein Teil zweifellos weiter gehen wollte.
Im September 1793 zwangen neue Massendemonstrationen einen widerwilligen, von den Jakobinern dominierten Konvent, das Gesetz des «allgemeinen Maximums» (Preisobergrenzen) zu erlassen. Die neuen Kriegsanstrengungen erforderten eine strenge Kontrolle der Wirtschaft, die Einschränkungen des Kapitalismus erforderte. Der Wohlfahrtsausschuss führte einen erbarmungslosen Krieg gegen Spekulation und Wucher. Das Eigentum von Emigranten und Rebellen wurde beschlagnahmt. Es gab sogar Elemente von Verstaatlichung, beispielsweise in der Rüstungsindustrie und bei den Armeezulieferern. Vermögen und Vererbung wurden begrenzt. Die beschlagnahmten Vermögen der Aristokraten und Konterrevolutionäre finanzierte Hilfswerke für Alte, Kranke, Witwen und Waisen.
Diese Massnahmen fanden tosende Zustimmung der Massen und lieferten den Schlüssel zum militärischen Sieg. Und was für ein Sieg! Nie zuvor wurde die Welt Zeuge eines Volkes, das sich selbst bewaffnet und erhebt. Lehrlinge, Pflugjungen, Schmiede und Arbeiter kamen herbeigeeilt, um dem Aufruf zu folgen, und ganz Europa sah erstaunt zu, wie diese zerlumpte Armee unausgebildeter Freiwilliger den gut gedrillten Regimentern Englands, Preussens, Österreichs und Spaniens Niederlage um Niederlage zufügte.
Ausschlaggebend war vor allem die Moral der revolutionären Soldaten und die Fähigkeit, durch Aushebungen und Requisitionen eine Masse von Menschen und Material heranzuschaffen, ganz abgesehen von geschickter militärischer Führung.
Bis Ende 1793 waren die Feinde vom französischen Boden vertrieben worden. Die Revolution war an allen Fronten siegreich. Endlich wurden die Feudallasten ohne Entschädigung abgeschafft. Im Juni 1793 verabschiedete der Konvent ein entscheidendes Gesetz, das eine wirkliche Agrarrevolution bewirkte, indem es den Bauern sämtliches Land zurückgab, das den Dorfgemeinden genommen worden war. Der Triumph des Bauern war vollständig. Die Macht der Aristokratie war gebrochen.
Doch genau als die Revolution ihren Höhepunkt erreichte, begann sie wieder abzuflauen. Mit der revolutionären Diktatur der Jakobiner hatte die bürgerliche Revolution ihre Grenzen erreicht und überschritten. Ein weiteres Voranschreiten hätte das bürgerliche Eigentum bedroht. Dies stand nicht im Programm Robespierres und der anderen jakobinischen Führer.
Die bürgerliche Revolution unterscheidet sich von der sozialistischen Revolution ebenso, wie sich das kapitalistische System vom Sozialismus unterscheidet. Die Bewegungsgesetze, die den Kapitalismus bestimmen, hängen nicht vom bewussten Willen der herrschenden Klasse ab. Der Kapitalismus «reguliert sich selbst» durch das blinde Spiel der Märkte. Darum benötigt er kein bewusstes und wissenschaftliches Programm, um ins Leben gerufen zu werden.
Andererseits hätten die heftige Leidenschaft und die revolutionäre Energie, die erforderlich waren, um das alte Regime zu stürzen, niemals durch einen Appell an die Werte des Marktes, die Moral des Geldschefflers und die schmutzige Realität der Lohnsklaverei für die Vielen hervorgerufen werden können.
Die sozialistische Revolution kann nur das bewusste Werk der Massen sein, die für ihre Selbstbefreiung kämpfen. Im Gegensatz dazu muss die bürgerliche Revolution, die im Wesentlichen bloss die Macht von einer privilegierten Minderheit auf eine andere überträgt, immer auf Illusionen beruhen. Die englischen Bürger des 17. Jahrhunderts sahen sich als die Auserwählten Gottes, die darum kämpften, die «Herrschaft der Heiligen» auf Erden zu errichten. Ihre französischen Nachfolger beriefen sich fast 150 Jahre später auf die «Vernunft» und sprachen von «Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit». Doch angesichts der konkreten Entwicklung der Produktivkräfte konnten diese idealen Formen letztlich nur mit einem kapitalistischen Inhalt gefüllt werden.
Der Sieg der Jakobiner, des konsequentesten und revolutionärsten Flügels des Kleinbürgertums, stellte die Anführer der Revolution vor den Widerspruch zwischen den Bestrebungen der aufgewühlten städtischen Massen und den objektiven Grenzen der bürgerlichen Revolution. Der Jakobinismus selbst wurde durch diesen Widerspruch zerstört.
Ein Teil der Jakobiner um Danton und Desmoulins wollte Halt machen und konzentrierte ihr Feuer auf den andauernden Terror.
Eine andere Fraktion, die sich um Hébert und Roux gruppierte, repräsentierte den extrem plebejischen linken Flügel der Jakobiner, der sich auf die Kommune und die Sansculotten von stützte. Diese sogenannte «faction d’enragés» hatte in den «Sektionen» die Oberhand und unterstützte den Terror und die Requisitionen, die sie als Waffe gegen die Reichen betrachteten. Die seit dem Sturz der Girondisten weiter wachsende Macht der Enragés begann die jakobinischen Führer zu erschrecken und drängte Robespierre und Danton in ein temporäres und instabiles Bündnis.
Nachdem die Gefahr der Konterrevolution beseitigt war, reagierten andererseits die besitzenden Klassen, darunter nun ein grosser Teil der Bauernschaft, gegen die Jahre des «Sturm und Drang». Die Wohlhabenden verlangten «Ordnung» und Schutz vor den Pariser Sansculotten. Die Mittelklassen sehnten sich nach Frieden und Ruhe, um sich in Ruhe weiter bereichern zu können. Innerhalb des Konvents wurden die «crapauds du Marais» (Frösche des Sumpfes) unruhig, ehemalige Sympathisanten der Girondisten, das schwankende Zentrum, das in der vorherigen Periode eingeschüchtert und still gewesen war.
Robespierre versuchte, zwischen den Fraktionen und Klassen zu balancieren. Doch er schlug sich zwangsläufig auf die Seite der besitzenden Klassen gegen die «Exzesse» der Sansculotten.
Zu Beginn des Jahres 1794 waren die Massen erschöpft von vier langen Jahren des Kampfes. Der anhaltende Zusammenbruch der Papierwährung, lange Schlangen, Brotknappheit und allgemeine Armut standen in scharfem Gegensatz zur Korruption der obersten Schichten. Zwar lebte Robespierre noch immer im Haus eines Schreiners in der Rue St. Honoré und Saint-Just ass noch immer an seinem Schreibtisch ein Stück Brot und ein paar Scheiben Wurst. Doch der Konvent war von Spekulanten und Betrügern durchsetzt, die ihr Vermögen auf Kosten der Staatskasse gemacht hatten.
Die Unzufriedenheit gärte weiter unter den Pariser Armen und den einfachen Jakobinern. Die Hébertisten kontrollierten nun den Cordeliersklub, Dantons alte Bastion, und sprachen offen vom «heiligen Recht auf Aufstand». Doch das Kräfteverhältnis der Klassen hatte sich bereits entscheidend gegen sie verschoben.
Die Jakobiner hatten sich auf die Volksmassen gestützt, um Schläge gegen die Girondisten zu führen. Nachdem diese ausgeschaltet waren, bestand Robespierres erste Priorität darin, sein Feuer gegen die Linke zu richten. Der Jakobiner Jeanbon Saint-André liess die Katze aus dem Sack: «Unsere grössten Feinde sind nicht ausserhalb; wir sehen sie; sie sind unter uns; sie wollen die revolutionären Massnahmen weiterführen, als wir es wollen.»
Da die Macht in den Händen des Wohlfahrtsausschusses konzentriert war, stellten die unabhängig funktionierenden Sektionen eine potenzielle Bedrohung der Jakobiner-Macht dar. Daher ergriffen sie Schritte, um die 40’000 revolutionären Komitees dem Wohlfahrtsausschuss unterzuordnen, der eine Säuberung gegen die Linke begann und damit die Unterstützungsbasis der Hébertisten untergrub.
Im März 1794 wurden Hébert und 19 Anhänger plötzlich verhaftet und hingerichtet. Die Massen, erschöpft und desorientiert, reagierten für einmal nicht. Dieses Ereignis wurde allgemein als das Ende der Revolution angesehen. Obwohl Robespierre dies durch einen Schlag gegen die rechten Jakobiner auszugleichen versuchte, und Danton und seine Unterstützer hinrichten liess, begann das Pendel unwiderruflich nach rechts zu schwingen.
Nachdem die Angst vor den Sansculotten beruhigt worden war, veränderte sich das Kräfteverhältnis innerhalb des Konvents rasch. Ein Teil der Jakobiner ging zum Sumpf über und liess Robespierre und seine Gruppe isoliert zurück. Die Spaltung spiegelte sich auch im Wohlfahrtsausschuss selbst wider.
Der Staatsstreich des 9. Thermidor (27. Juli 1794) war das unvermeidliche Ergebnis. Eine Fraktion unzufriedener Jakobiner spürte die nun alle Klassen erfassende Welle der Unzufriedenheit und erhob sich gegen Robespierre.
Ihnen schlossen sich sofort die «Frösche des Sumpfes» an, die Robespierre zuvor umschmeichelt hatten. Nun wandten sie sich wie eine Meute kläffender Hunde gegen ihn. Ein Jahr zuvor hätte ein solcher parlamentarischer Staatsstreich keine Aussicht auf Erfolg gehabt. Die Massen wären zu den Waffen geeilt und die Reaktion wäre sofort niedergeschlagen worden.
Tatsächlich stand in der Nacht des 10. Thermidor die Sache auf Messers Schneide. Robespierre wurde zunächst befreit und zur Pariser Kommune gebracht. Doch diesmal erhoben die Massen nicht mehr, und die relativ kleinen, vom Konvent befehligten Kräfte konnten Robespierre und die anderen zurückholen, die sofort hingerichtet wurden, ohne auch nur den Anschein eines Prozesses.
Der Sieg der thermidorianischen Reaktion hat angeblich den «Terror» beendet. Doch jene Historiker, die beim revolutionären Terror verweilen und ihn übertreiben, breiten einen diskreten Schleier des Schweigens über den blutigen Weissen Terror, der darauf folgte.
Die genaue Zahl der Opfer werden wir wohl niemals erfahren, denn die meisten wurden nachts ermordet, ohne Prozess, ohne Verteidigung und ohne Aufzeichnungen. Allein in den folgenden drei Tagen wurden 103 bekannte Jakobiner hingerichtet. Revolutionäre wurden verfolgt und abgeschlachtet, insbesondere im Süden. In den Gefängnissen von Lyon, Aix und Marseille töteten reaktionäre Banden wie die «compagnies du Jésus» alle, die an der vorherigen Regierung beteiligt gewesen waren.
In der Zwischenzeit wurden die meisten sozialen Errungenschaften der städtischen Armen rückgängig gemacht. Das Gesetz des Maximums war das erste, das fiel. Die Lebenshaltungskosten schossen in die Höhe. Der Winter des Jahres III (1794–95) war eine Zeit extremer Armut und des Elends. Wird 1790 als Basis genommen, erreichte die Preissteigerung im Januar 1795 580 %, im März 720 % und im April 900 %. Im Mai kam es in den Arbeitervorstädten von Paris, St. Antoine und St. Marcel, zu einem Aufstand, bei dem «Brot und die Verfassung von 1793» gefordert wurden. Doch ohne ein klares Programm, eine Perspektive oder eine Führung brach der Aufstand zusammen, ein trauriges Nachspiel zu den grossen «journées» von 1789–93.
Die neue Verfassung des Thermidor war das Banner der Ungleichheit. Das Recht auf Eigentum, das in der Verfassung von 1789 nicht enthalten und erst 1793 von den Jakobinern als Schutzmassnahme aufgenommen worden war, wurde nun klar ausgesprochen: «Eigentum ist das Recht, über seine Besitztümer, seine Einkünfte und die Früchte seiner Arbeit und seines Gewerbes zu verfügen und sie zu geniessen … die Erhaltung des Eigentums ist das Fundament, auf dem die Bewirtschaftung des Bodens, jede Produktion und jedes Arbeitsmittel sowie die gesamte soziale Ordnung ruhen.» Einmal mehr wurde das Wahlrecht eingeschränkt, um sowohl die Aristokraten als auch die ärmeren Bürger auszuschliessen.
In wenigen Jahren war Frankreich von der absolutistischen Monarchie über eine konstitutionelle Monarchie zu einer bürgerlichen Republik übergegangen. Nach Juli 1794 schwenkte es zurück zu einem Direktorium, zum Bonapartismus und schliesslich, nach der Niederlage Napoleons bei Waterloo 1815, zu einer absoluten Monarchie. Auf dieser Grundlage fragen sich die revisionistischen Geschichtsschreiber: Hat sich das alles gelohnt? «Plus ça change, plus c’est la même chose» (je mehr sich die Dinge ändern, desto mehr bleiben sie gleich), wie das französische Sprichwort sagt.
Doch die Französische Revolution markierte eine entscheidende soziale und politische Umgestaltung: die Zerschlagung der Macht der Aristokratie; die radikale Beseitigung der Augiasställe des Feudalismus; und die Verteilung des Landes an Millionen kleiner besitzender Bauern. Trotz aller Veränderungen des politischen Überbaus blieben die grundlegenden sozialen Errungenschaften der Revolution bestehen.
Das bildete selbst in der Periode der bonapartistischen Reaktion die grundlegende Macht der Revolution und ermöglichte es dem Regime, es mit den vereinten Kräften des reaktionären Europas aufzunehmen und Napoleons siegreiche Armee bis vor die Tore Moskaus zu führen. Selbst die Restauration der Bourbonen nach 1815 konnte das Land der Bauern nicht antasten. Das «Ancien Régime» konnte nicht wiederhergestellt werden, auch nicht mit den Bajonetten Wellingtons und Blüchers.
Die Auswirkungen der Revolution können nicht gross genug eingeschätzt werden. Sie gab den revolutionär-demokratischen Bewegungen in Spanien, Deutschland und Italien, den nationalen Befreiungsbewegungen in Polen und Irland und sogar dem Zündfunken der kolonialen Revolution in der Karibik einen mächtigen Anstoss.
Die frühesten Vorboten der Russischen Revolution, der Dekabristenaufstand von 1825, wurde unmittelbar vom Beispiel der Französischen Revolution inspiriert. Noch 1905 sangen die Arbeiter von Moskau und St. Petersburg auf ihren Demonstrationen die «Marseillaise» der Arbeiter. Nicht zuletzt in Frankreich selbst nahm jede revolutionäre Bewegung bis hin zur Pariser Kommune von 1871 die Revolution von 1793 zum Ausgangspunkt.
1 D. Thomson, Europe Since Napoleon, S. 41, Hervorhebung vom Autor, eigene Übersetzung
2 ebd., S. 44, eigene Übersetzung
3 Anmerkung der Übersetzer: Frankreich hatte 1789 rund 28 Millionen Einwohner, wovon 98 % dem Dritten Stand angehörten.
4 Siehe George Rude, Revolutionary Europe, S. 23.
5 Alexis De Tocqueville, The Ancien Régime and the French Revolution, S. 165, eigene Übersetzung
6 Peter Kropotkin, The Great Revolution, S. 56, eigene Übersetzung
7 The Coming of the French Revolution, S. 213, eigene Übersetzung
8 Anmerkung der Übersetzer: Mit der Ablösung ist der Freikauf von den Feudallasten gemeint.
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