In den frühen Morgenstunden des 3. März wurde die verschlafene Kleinstadt Winterthur von einem grossen Ereignis heimgesucht. Rote Fahnen wehten am Bahnhof, überall standen diskutierende Busfahrer und Gewerkschafter und auf der Abfahrtstafel stand in gelben Lettern: «Streik!» Der vierstündige Warnstreik der Busfahrer von Stadtbus Winterthur weist den Weg für die gesamte Arbeiterklasse der Deutschschweiz.

Mit dem Niedergang der alten Maschinenindustrie verlor die Stadt sein Industrieproletariat und damit seine klassenkämpferischen Traditionen. Doch die Arbeiterklasse verschwand nicht. Und ihre Kraft wurde jäh aus seinem jahrzehntelangen Winterschlaf geweckt und erinnert die Bourgeoisie daran, dass der Klassenkampf heute wieder auf der Tagesordnung steht. 

Prekäre Arbeitsbedingungen

Vor dem Depot zeigte sich eine kämpferische Stimmung. In Dutzenden kleinen Gruppen wurde diskutiert und beraten. Der Kampf bahnte sich schon seit längerer Zeit an. Seit Jahren versucht das Fahrpersonal mithilfe von Petitionen auf ihre Probleme hinzuweisen – doch ohne Erfolg. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung steht die Schichtplanung, die den Arbeitern die Freizeit raubt. 

Ein streikender Arbeiter erklärte mir, dass das grösste Übel für die Belegschaft die sogenannten Ersatzdienste seien. Bis zu vier solcher Dienste haben die Busfahrer jeden Monat. Dabei werden sie auf Abruf gehalten, um bei Ausfällen kurzfristig einspringen zu können. Doch wenn sie nicht aufgeboten werden, generieren sie automatisch sieben Minusstunden! Hinzu kommt, dass die Busfahrer in der Regel Präsenzzeiten von bis zu zwölf Stunden haben. Das aber mit so langen Zimmerstunden, dass sie bei Feierabend trotzdem wieder im Minus landen. Das führt dazu, dass sich bis Ende Monat um die 40 Minusstunden anhäufen. So kann die Geschäftsleitung die Arbeitenden zu Überstunden zwingen, ohne den Lohnzuschlag dafür zahlen zu müssen. 

Die zentralen Forderungen des Streiks waren deshalb die Abschaffung der Ersatzdienste und der extrem langen Präsenzzeiten. Da weder der Stadtrat noch die Geschäftsleitung offen waren für Verhandlungen, beschloss die Vollversammlung des Fahrpersonals den Warnstreik.

Militanter Klassenkampf

Die Stimmung war wirklich elektrifizierend. Der Slogan, der am besten und lautesten aufgenommen wurde, richtete sich direkt gegen den Stadtrat Stefan Fritschi (FDP): «Fritschi, Fritschi, Finger usem Arsch!» hallte es aus allen Kehlen. Der Warnstreik zeugte von einer grossen Militanz. Die Arbeiter stellten Streikposten auf, um diejenigen Busse zu blockieren, die es aus dem Depot geschafft haben. An gewissen Orten kappten sie die Stromzufuhr der Fahrleitungen. Dabei versuchten sie, die Streikbrecher in der Diskussion zu überzeugen, sich dem Streik anzuschliessen. Sie verteilten Flyer an Pendler, worin sie ihren Streik erklärten, was gemäss einem Gewerkschaftsmitglied sehr positiv aufgenommen wurde. Nur 20 von mehr als 60 Busse standen im Einsatz. Viele Linien verkehrten gar nicht und die andern nur sporadisch. Mehr als ⅔ des Fahrpersonals beteiligte sich am Streik. 

Eindrücklich war auch zu sehen, wie die Bosse den Klassenkampf von oben führten. Mitten in der Nacht versuchte die Geschäftsleitung, Busse aus dem zentralen Depot zu klauen. Die Arbeiter haben auf diese List schnell reagiert und das Depot, inklusive der gesamten Zufahrtsstrasse, abgeriegelt. Alles in allem legten sie enorme Kampfbereitschaft und Kreativität an den Tag, was zum Erfolg beitrug.

Wie weiter?

Der Warnstreik hatte zur Folge, dass sich der Stadtrat auf Verhandlungen im Busdepot einliess. Doch die Regierung blieb stur und ging auf keine der Forderungen ein, denn in Zeiten der organischen Krise braucht die Bourgeoisie einen schlanken Staat. Um ihnen auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu entlocken, braucht es darum harte Klassenkampfmethoden.

Die Gewerkschaft VPOD hegt dabei noch Hoffnungen in die Verhandlungen mit dem Stadtrat. Bereits zum dritten Mal haben sie die Deadline für den Stadtrat verlängert, während dieser klargemacht hat, dass sie keine Sofortmassnahmen umsetzen werden. Doch die Vollversammlung der Busfahrer macht Druck auf die Gewerkschaft. Denn die Arbeiter haben den VPOD überhaupt erst gezwungen, eine Deadline für die Verhandlungen zu setzen. Und die Vollversammlung war es, welche die Forderungen nach einem unangekündigten und unbefristeten Streik annahm, falls der Stadtrat nicht auf alle ihre Forderungen eingeht! Genau das ist der richtige Schritt.

Die Busfahrer zeigen hier den Weg vorwärts für die Arbeiterklasse der Deutschschweiz. Und der Streik hat eine Strahlkraft in Winterthur. Wenn man Schüler auf der Strasse, oder Pfleger im Kantonsspital auf diesen Arbeitskampf anspricht, ist wirklicher Enthusiasmus spürbar. Um den Kampf auszuweiten und zu verbinden, braucht man ein politisches Programm und einen grösseren Horizont, als ihn die Gewerkschaften heute haben. Die RKP Ortsgruppe Winterthur unterstützt den Streik der Busfahrer mit voller Energie und versucht, genau diesen Horizont in die Bewegung zu bringen und den Kampf mit einem breiteren Programm zu verknüpfen!