Die Welt brennt, Kriege toben, Rechtspopulisten steigen auf – wieso Theorie studieren? Wieso eine Partei für die Revolution in der Zukunft aufbauen, wenn es heute schon so viele Probleme gibt?
«Sei praktisch», «sei pragmatisch», «mach kein Theater» – der Pragmatismus ist allgegenwärtig. Denk nicht gross nach, finde eine nützliche Lösung. Pragmatismus heisst umgangssprachlich: keine grossen Theorien, keine grossen Prinzipien, keine Extreme – nimm die Welt, wie sie ist, und finde heraus, was jetzt funktioniert.
Das ist das Denken des Alltagesverstands, des «gesunden Menschenverstands». Im Alltag funktioniert es. Man kann nicht bei jedem Waschgang über die Gesetze der Thermodynamik nachdenken, sonst wäre die Wäsche nie sauber.
Doch pragmatisches Denken und Handeln ist unfähig, die grossen Aufgaben der Gesellschaft zu lösen. Wer die Welt verändern will, muss sie verstehen. Wie Lenin erklärte: «Keine revolutionäre Bewegung ohne revolutionäre Theorie.»
Die heutige herrschende Klasse ist von Pragmatismus und seinem Seelenverwandten, dem Empirismus, geprägt. Ob Trump, Macron oder Merz: sie stolpern von Situation zu Situation – ohne grosse Strategie, ohne grossen Horizont, ohne grosse Ideen.
Denn der Kapitalismus hat seinen Zenit weit überschritten. Die Bourgeoisie ist unfähig, die Gesellschaft vorwärts zu bringen, klammert sich aber an ihre Macht. «Ein Mensch am Rande eines Abgrunds ist nicht zu rationalem Denken fähig.»
Die Schweizer herrschende Klasse bildet keine Ausnahme. Als kleine imperialistische Bourgeoisie wird sie heute im Kampf der Grossmächte zerrieben. Bundesrat Ignazio Cassis erklärte: «Wir müssen schauen, wie wir uns in dieser unruhigen Welt durchwursteln können.» Für grosse Ideale und weitblickende Strategie bleibt keine Zeit und kein Platz.
Die heutige Linke übernimmt völlig unkritisch diese Denkweise der herrschenden Klasse. Ob reformistische Logik des «kleineren Übels» oder anarchistische direkte Aktion – beide beruhen auf derselben Auffassung: «Die Welt brennt, Kriege toben, Unterdrückung grassiert – keine Zeit für Theorie, wir müssen jetzt sofort etwas tun!»
Die Pragmatiker in der herrschenden Klasse und der Linken fordern scheinbar undogmatisch und untheoretisch, einfach «praktisch» und «realistisch» zu sein. Doch diese Forderung beinhaltet selbst eine gewisse Auffassung der Welt, eine Philosophie.
John Dewey, Gründungsvater der philosophischen Schule des Pragmatismus, erklärte: «Das Hauptmerkmal des pragmatischen Begriffs der Realität besteht gerade darin, dass eine Theorie der Wirklichkeit im Allgemeinen, überhaupt, weder möglich noch notwendig ist.»
Die Realität lasse sich also nicht in Theorien abbilden. Das ist ironischerweise selbst eine theoretische Aussage. Pragmatismus ist somit eine Theorie der Anti-Theorie. Es ist die Theorie, dass es keine grosse Theorien geben kann.
Der Alltagsverstand ist theoriefeindlich, weil wir unseren Alltag zuverlässig und effizient gestalten müssen. Die philosophische Schule des Pragmatismus hat die Theoriefeindlichkeit des «gesunden Menschenverstands» in einer umfassenden Philosophie ausgedrückt. John Dewey und co. haben die Philosophie hinter dem pragmatischen Handeln, das Bourgeoisie, Linke und Alltag prägt, explizit zum Ausdruck gebracht. Auch wenn diese Philosophen nicht besonders bekannt sind, sind die daher durchaus von Bedeutung.
Die grosse Anziehungskraft des Pragmatismus liegt in seinem praktischen Anspruch. Er verspricht, nützlich für die Praxis zu sein und die «konkreten» Probleme der Realität zu lösen. Die pragmatische Philosophie stellt sich gegen das Elfenbeinturm-Philosophieren der Universitäten und sagt: «Spekulation ist sinnlos, Ideen müssen eine praktischen Nutzen haben».
Damit ähnelt der Pragmatismus auf den ersten Blick dem Marxismus. Karl Marx sagte in der 11. Feuerbach-These: «Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.» Doch Pragmatismus und Marxismus sind komplett unversöhnlich. Während die Pragmatisten der Theorie feindlich gegenüberstehen, stützen die Kommunisten ihre Praxis auf die tiefstmögliche Erkenntnis der Welt.
Marx erklärte: «Alles gesellschaftliche Leben ist wesentlich praktisch» (Thesen über Feuerbach). Dies bedeutet, dass der Mensch ein arbeitendes Wesen ist. Die Produktion ist der Antrieb der menschlichen Geschichte, nicht in erster Linie die Ideen. Seit jeher müssen die Menschen arbeitend in die Natur eingreifen, um sich die grundlegenden Dinge zum Leben zu beschaffen: Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf.
Doch durch die Praxis lernt der Mensch. Menschen beobachten das Wirken des Feuers, sammeln Erfahrungen und lernen, das Feuer für ihre Zwecke einzusetzen. Aus unzähligen kollektiven Erfahrungen entstehen immer tiefere und umfassendere Erkenntnisse. Der Mensch entwickelt Wissen und Theorien, weil er die Welt praktisch verstehen und verändern muss. Und die theoretischen Erkenntnisse dienen wiederum dazu, die Natur immer mehr zu kontrollieren und unsere Bedürfnisse zu befriedigen.
Warum hat die Theorie – ob Biologie, Physik oder Medizin – die Macht, die menschliche Praxis anzuleiten? Genau weil sie nicht Produkt nur der unmittelbaren Praxis ist, sondern die Erfahrung der ganzen Praxis der Menschheit beinhaltet. Wissen und Theorien entstehen nicht direkt aus den praktischen Aufgaben des Tages, sondern sind Verallgemeinerungen der gesamten praktischen Erfahrung des Menschen mit Natur und Gesellschaft.
Dies gilt genauso für die marxistische Theorie. Sie entsprang nicht einer genialen Eingebung von Karl Marx, sondern war das Resultat von Tausenden von Jahren ökonomischen, politischen und philosophischen Klassenkampfs. Wie Lenin es formulierte: «Die ganze Genialität Marx’ besteht gerade darin, dass er auf die Fragen Antworten gegeben hat, die das fortgeschrittene Denken der Menschheit bereits gestellt hatte. Seine Lehre entstand als direkte und unmittelbare Fortsetzung der Lehren der grössten Vertreter der Philosophie, der politischen Ökonomie und des Sozialismus.» (Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus)
Genau darum, weil der Marxismus nicht nur Produkt der Erfahrungen von Marx selbst und seiner Generation ist, ermöglicht der Marxismus einen tiefen Einblick in die inneren Tendenzen der Menschheitsgeschichte und des Kapitalismus. Er erlaubt zu erkennen, dass im Kapitalismus mit dem Reichtum und der Arbeiterklasse das Potenzial für den nächsten Sprung der Menschheit existiert (siehe S. 2-3).
Doch für den engstirnigen Blick des Pragmatismus gilt die Hoheit der heutigen Praxis – was heute unmittelbar ansteht. Damit trennen sie die Praxis von der Theorie; ihre Praxis wird theoriefeindlich. Sie stellen Ausprobieren, Trial-and-Error-Methode und Handwerklerei über Theorie und Wissen. Eine solche Philosophie ist komplett unfähig, die Veränderung der Welt anzuleiten.
Als Kommunisten setzen wir uns die Aufgabe, die Welt grundlegend zu revolutionieren. Alles, was wir tun, ist schlussendlich auf die Praxis ausgerichtet. Doch eine solch grosse Aufgabe kann man nicht blind angehen: Wir rüsten uns mit den ganzen Lehren der Vergangenheit aus – mit der Theorie.
Die Pragmatisten geben ihrer Theoriefeindlichkeit eine philosophische Grundlage, indem sie den Begriff der Wahrheit fundamental angreifen.
John Dewey behauptet: «Wahrheit oder Falschheit ist keine Eigenschaft von Aussagen.» Und William James: «Man kann davon [von Ideen] also entweder sagen, es sei nützlich, weil es wahr ist, oder, es sei wahr, weil es nützlich ist. Beide Sätze bedeuten genau dasselbe.» Kurz: Ideen und Aussagen seien wahr, weil sie nützlich für die Praxis sind.
Aber gewisse Ideen sind nützlich, genau weil sie nicht wahr sind, weil sie die Wahrheit über das System verschleiern. Rassismus ist eine sehr nützliche Idee. Ebenso das Denken, dass der Kapitalismus der menschlichen Natur entspricht oder eine Revolution in der Schweiz unmöglich ist. Alle diese Ideen haben keinerlei wissenschaftliche Grundlage, sie sind nicht wahr. Doch sie sind sehr nützlich – für die herrschende Klasse.
Hinter der Formel der Pragmatisten («wahr ist, was nützt») steckt ein tiefer Subjektivismus, eine Abkehr von der Suche nach objektiven Wahrheiten. Auch hier steht der Pragmatismus dem Marxismus 180 Grad gegenüber.
Was ist das wissenschaftliche, marxistische Verständnis von Wahrheit und «Nützlichkeit»? Ideen sind durchaus Werkzeuge, die die Praxis der Menschen anleiten. Menschen entdecken in ihrer Praxis gewisse Eigenschaften der Welt, die sie in Ideen abbilden. Im Verlauf der Geschichte entwickeln Menschen immer bessere Abbilder der Realität, die in der modernen Wissenschaft gipfeln. Der Mensch dringt immer tiefer zur objektiven Wahrheit durch. Ideen sind mächtig, weil sie mit der Realität in Einklang stehen – weil sie objektiv wahr sind.
Eine Landkarte oder googlemaps ist nützlich, wenn und weil sie Strassen, Distanzen und die Welt ungefähr so darstellen, wie sie objektiv sind. Eine politische Idee – wie die Notwendigkeit der Enteignung der Kapitalisten – ist nur nützlich, wenn sie den Kapitalismus und den Klassenkampf so ausdrückt, wie diese sich tatsächlich entwickeln.
Die Suche nach Wahrheit ist daher entscheidend, denn richtige Erkenntnis der Wirklichkeit ermöglicht richtige Praxis. Die Wahrheit ist eine unabdingbare praktische Waffe der Arbeiterklasse: Sie allein hilft ihr, den Kapitalismus und ihre eigene Rolle in seiner Überwindung zu erkennen.
Es ist reaktionär, die Frage der Wahrheit als sinnlos abzutun, wie die Pragmatisten es tun. Dies dient nur der herrschenden Klasse, die ein grosses Interesse an der Unwissenheit der Arbeiterklasse hat.
In ihrem Fundamentalangriff auf Theorie und Wahrheit gehen die Pragmatisten noch einen Schritt weiter: Theorie und objektive Wahrheit seien sinnlos – wegen der Beschaffenheit der Welt selbst! In den Worten von John Dewey: «Die grundlegendste Tatsache über die Natur ist ihre Zufälligkeit, ihr Fehlen einer festen und notwendigen Ordnung.» Die Welt ist also völlig zufällig – jede Situation ist grundlegend neu, es gibt keine Gesetzmässigkeiten.
Oberflächlich betrachtet erscheint die Welt tatsächlich als Ansammlung von Zufälligkeiten. Die Gesellschaft und ihre Geschichte erscheinen auf den ersten Blick wie ein Chaos. Doch wie Friedrich Engels erklärte: «Wo aber auf der Oberfläche der Zufall sein Spiel treibt, da wird er stets durch innere verborgene Gesetze beherrscht, und es kommt nur darauf an, diese Gesetze zu entdecken.» (Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie)
Die Pragmatisten verstehen den dialektischen Zusammenhang von Zufall und Notwendigkeit nicht. Für sie gilt: Entweder ist die Welt ein mechanisches Uhrwerk, in der alles vorbestimmt ist – oder es gibt keine Gesetzmässigkeiten. In Wahrheit haben einzelne Ereignisse zwar immer etwas Zufälliges an sich. Doch durch eine Reihe von Zufällen drückt sich die Notwendigkeit aus.
Darwins Evolutionstheorie liefert ein Beispiel: Es ist zufällig, wann eine gewisse Mutation auftritt. Aber welche zufälligen Mutationen setzen sich durch, verallgemeinern sich? Diejenigen, die eine Notwendigkeit zum Ausdruck bringen: die Anpassung der Lebewesen an ihre Umwelt.
Kapitalistische Krisen werden durch Zufälle ausgelöst: der US-Börsencrash von 1929 löste die Grosse Depression aus, das Platzen der Immobilienblase die Weltwirtschaftskrise nach 2007 und die AI-Bubble könnte die nächste Rezession auslösen.
Die Kapitalisten und bürgerlichen «Experten» haben jegliches Interesse, alle diese Krisen als unglückliche Unfälle abzutun, um vom Versagen des Systems abzulenken. Doch in Wahrheit sind alle diese Zufälle nur Katalysatoren, die eine tiefe Notwendigkeit zum Ausdruck brachten: die Krise der Überproduktion – der Widerspruch, dass sich die Arbeiterklasse die von ihr hergestellten Produkte nicht mehr leisten und zurückkaufen kann.
Doch die Pragmatisten sehen nur Zufälligkeiten. Dies macht sie machtlos. Für sie ist jede Situation grundlegend neu. Somit sind sie zu ständigem Experiementieren verdammt.
Politik hat eine philosophische Grundlage. Wer sich dessen nicht bewusst ist, hat nicht keine Philosophie – sondern übernimmt die schlechte Philosophie des «gesunden Menschenverstands».
Im Alltag gehen wir davon aus, dass die Dinge etwa so bleiben wie sie sind. Die Strasse, auf der wir laufen, ist immer etwa gleich und die Wand, in die ich einen Nagel einschlage, ist immer etwa gleich. Die Logik, die dieser Weltanschauung entspricht, nennt sich formale Logik.
Dies ist die Auffassung des Pragmatismus. John Dewey sagte: «Natur und Leben zeigen nicht einen Fluss, sondern Kontinuität.» Aber die Realität verändert sich nicht nur graduell, sondern kennt auch entscheidende qualitative Sprünge. Die Logik, die dies erkennt, nennt sich Dialektik: die Methode des Marxismus.
Auch wenn Vieles an der Oberfläche ruhig und stabil erscheint, findet in allem eine ständige Veränderung statt. Ein Teil dieser Veränderungen ist tatsächlich graduell – quantitativ, ohne Veränderung der Qualität. Tektonische Platten verschieben sich ohne Zerwürfnis. Zwischen 0 und 97 Grad Celsius bleibt Wasser flüssig. Nach Sparmassnahmen kann sich in der Arbeiterklasse Wut anstauen, ohne dass eine Massenbewegung ausbricht. Genau das – und nur das – sieht man im Alltag, wo jeder Tag etwa gleich abläuft. Genau das – und nur das – sieht der engstirnige Blick des Pragmatismus.
Doch was stabil und ewig erscheint, kann sich ins Gegenteil verkehren. An einem gewissen Punkt führt die Ansammlung von quantitativen, graduellen Veränderungen zu einem qualitativen Sprung. Dies ist eine zentrale Gesetzmässigkeit der Veränderung. Ab 0 Grad Celsius wird Wasser sprunghaft zu gefrorenem Eis. Plattenverschiebungen führen an einem gewissen Punkt plötzlich zu gewaltvollen Erdbeben. Wenn das Fass voll ist, kann es eine einzelne Massnahme der Regierung zum Überlaufen bringen und eine Revolution auslösen.
Doch der Pragmatismus sieht nur die graduelle Veränderung. Der Pragmatismus ist die Philosophie des Reformierens, der Anti-Revolution.
Pragmatismus oder Marxismus? ist keine rein philosophische Frage, sondern hat tiefste politische Konsequenzen. Pragmatismus bedeutet einen kleinen Horizont und engstirnigen Fokus auf die unmittelbarsten Konsequenzen – egal, was die grundlegenden Ursachen und Tendenzen der Situation sind. Dies führt zu einer Politik, die nicht über den bestehenden Rahmen des Kapitalismus hinausgehen kann. Pragmatismus bedeutet die totale Absenz revolutionärer Strategie. Jetzt etwas «Konkretes» tun und dafür die revolutionäre Veränderung opfern.
Heute zeigt sich dies insbesondere am Aufstieg von Trump, AfD, Le Pen oder der SVP. Die pragmatische Linke hat die kleine Perspektive eines Froschs und sieht nur eine Möglichkeit: «Jetzt brennts, jetzt steht die extreme Rechte vor der Türe, jetzt müssen wir mit dem kleineren Übel der Liberalen stimmen.» Damit stärken sie das vermeintlich «grössere Übel» der Rechtspopulisten und lassen die Arbeiterklasse ohne linke Alternative (siehe S. 8).
Marxisten hingegen verfügen über die Perspektive eines Vogels: Wir verstehen, dass die verschiedenen Ereignisse Momentaufnahmen einer grösseren Entwicklung sind. Wir studieren die Gesetzmässigkeiten des Kapitalismus und des Klassenkampfs sowie ihre konkrete Entwicklung über die letzten Jahrzehnte.
In der Arbeiterklasse staut sich unter der Oberfläche eine gewaltige Wut gegen das Establishment an, die sich wegen der fehlenden linken Alternative in den Rechtspopulisten ausdrückt. Doch die Rechtspopulisten sind kapitalistische Parteien und können unmöglich ihre Versprechen einhalten. Ihre Wählerschaft wird sich daher zwingendermassen enttäuscht von ihnen abwenden und weiter einen politischen Ausdruck für ihre Wut suchen. Schlussendlich wird die Arbeiterklasse aus ihrer Erfahrung mit Krise und Politik erkennen, dass der Klassenkampf der einzige Weg ist, das ganze Establishment zu bekämpfen.
Aus diesem Weitblick leiten die Kommunisten ihre Strategie ab: Wenn die Arbeiterklasse in den Kampf und die Revolution tritt, braucht sie eine Partei, die die Kampfkraft gegen die Kapitalisten und ihr System kanalisieren kann. Eine solche kommunistische Massenpartei muss weit im Voraus aufgebaut werden, indem heute die bewusstesten Arbeiter und Jugendlichen organisiert und im Marxismus ausgebildet werden. Dies ist die Strategie, die die russische Revolution mit den Bolschewiki zum Sieg geführt hat (siehe S. 19).
Die revolutionäre Partei kann nicht einfach experimentieren. Sie muss gerade in turbulenten und revolutionären Situationen wissen, was zu tun ist. Die revolutionäre Partei kann nicht der pragmatischen Illusion erliegen, sie könne handeln, als gäbe es keine objektiven Gesetzmässigkeiten. Revolutionäre beginnen keine Revolution nach ihrem eigenen Willen. Sie helfen der revolutionären Bewegung, die durchaus nach Gesetzen funktioniert, mit Klarheit.
Wieso also marxistische Theorie studieren, wenn die Welt brennt? Damit die Revolution gewinnen kann.
Der Druck des Pragmatismus lastet schwer – von der herrschenden Klasse, von der Linken und vom Alltagsverstand. Doch heute erschüttert ein Jahrhundertereignis nach dem anderen diesen Alltag. Schon heute wenden sich weltweit Millionen junger Menschen dem Kommunismus zu, weil sie den kapitalistischen Alltag, die Engstirnigkeit der Linken und ihre bornierte Strategielosigkeit nicht mehr aushalten.
Wir müssen uns bewusst sein: Wir, die ersten paar hundert organisierten Kommunisten, sind letztlich die Ersten einer grossen Welle der proletarischen Armee. Wir steuern auf titanische Klassenkämpfe zu. Die gesamte Geschichte, die gesamten objektiven Gesetzmässigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung drängen auf eine offene revolutionäre Auseinandersetzung zwischen Arbeiterklasse und Bourgeoisie.
Wenn wir diesem historischen Klassenkrieg gewachsen sein wollen, dann brauchen wir Theorie, Theorie, Theorie. Nur so können wir eine Partei aufbauen, die die Massen gewinnt und mit ihnen den nächsten Sprung in der Menschheitsgeschichte bestreitet.
Philosophie — von Dersu Heri, Redaktion — 12. 10. 2026