Im Westen nichts Neues ist ein Roman von Erich Maria Remarque aus dem Jahr 1928. Darin berichtet der 19-jährige deutsche Soldat Paul Bäumer von der Westfront im Ersten Weltkrieg. Dieses Werk gilt als einer der einflussreichsten Antikriegsromane und wird auch häufig im Unterricht gelesen. Gerade heute, angesichts von Militarisierung und Aufrüstung, ist dieser Roman wieder relevant. Doch die an Schulen verbreitete bürgerliche Interpretation verwässert seine Anti-Kriegs-Botschaft.

Die Trichter-Szene

Bäumer sucht Schutz vor dem Beschuss in einem Granattrichter, als ein französischer Soldat in denselben Trichter springt, auch auf der Suche nach Deckung. Instinktiv greift Bäumer ihn an und verwundet ihn tödlich. Stundenlang stirbt der Franzose vor sich hin, was für Bäumer schier unerträglich ist. Er beginnt, im feindlichen Soldaten einen Kameraden zu erkennen, gibt ihm zu trinken und spricht mit ihm. Es kommt zu einer Verbrüderung: «Jetzt sehe ich erst, dass du ein Mensch bist wie ich. Ich habe gedacht an deine Handgranaten, an dein Bajonett und deine Waffen – jetzt sehe ich deine Frau und dein Gesicht und das Gemeinsame. Vergib mir, Kamerad! Wir sehen es immer zu spät. Warum sagt man uns nicht immer wieder, dass ihr ebenso arme Hunde seid wie wir, dass eure Mütter sich ebenso ängstigen wie unsere und dass wir die gleiche Furcht vor dem Tode haben und das gleiche Sterben und den gleichen Schmerz. Vergib mir, Kamerad. Wie konntest du mein Feind sein. Wenn wir diese Waffen und diese Uniform fortwerfen, könntest du ebenso mein Bruder sein wie Kat und Albert.»

Diese Schlüsselstelle wird von einem Lehrmittel so interpretiert, dass Bäumer in diesem Moment das erste Mal den Krieg als Dilemma begreife und die eigene Mitschuld am Krieg verstehe – doch das sei nicht auf ein weiterentwickeltes moralisches Bewusstsein zurückzuführen. Insbesondere die Frage «Warum sagt man uns nicht immer wieder…» wird als Suche nach Entschuldigungen und Ausflüchten gelesen, was auch Autoritätsgläubigkeit und unbedingten Gehorsam zum Ausdruck bringe. Das zeige eine fehlende Reife Bäumers, das eigene Handeln kritisch zu reflektieren.

Was für eine Fehlinterpretation! Diese Frage ist nicht Ausdruck eines Rückschritts im Bewusstsein, sondern eines Fortschritts! Bäumer erkennt – noch unklar und verworren – die tatsächlichen Verantwortlichen für diesen Krieg und weigert sich zu Recht, diese Verantwortung auf sich zu nehmen. Er erkennt, dass er ebenso wie der Franzose in diesen Krieg gedrängt wurde, an dem sie beide keinerlei Interesse haben. Die bürgerliche Interpretation in den Lehrmitteln kritisiert die Autoritätsgläubigkeit Bäumers, statt die Autoritäten, die diesen Gehorsam mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln einfordern. Damit verschiebt die bürgerliche Interpretation die Schuld von den eigentlichen Kriegstreibern auf die einzelnen Soldaten.

Die Wahrheit des Ersten Weltkrieges

Der tatsächliche Antikriegs-Gehalt des Romans liegt im sich entwickelnden Bewusstsein der Soldaten: Die jungen Männer ziehen anfänglich begeistert für die Verteidigung des «Vaterlandes» in den Krieg. Doch jede Erfahrung an der Front lässt die Klassenlinien deutlicher hervortreten. Sie erkennen die Sinnlosigkeit des Krieges für die Soldaten auf allen Seiten. Sie diskutieren, warum es eigentlich Krieg gebe. Jemand würde sicher davon profitieren – genannt werden Kaiser und Waffenfabrikanten. Seinen Höhepunkt erreicht das Bewusstsein der Soldaten kurz vor Ende des Romans, als es Gerüchte über Waffenstillstandsverhandlungen gibt, in der Aussage: «Gibt es keinen Frieden, dann gibt es Revolution.»

Der Roman zeigt also die lebendige Erfahrung der Soldaten im Ersten Weltkrieg und wie sie durch diese Erfahrung mit dem Verständnis ringen, was der wahre Charakter dieses Krieges ist und wie man ihn beenden kann. Der Marxismus kann diese Wahrheit vollends aufdecken: Der Erste Weltkrieg war ein imperialistischer Krieg, in dem die herrschenden Klassen um die Neuaufteilung der Welt, Ressourcen und Einflusssphären kämpften und dafür die eigenen und fremden Arbeiterklassen auf dem Schlachtfeld opferten. Um dem ein Ende zu machen, muss der imperialistische Krieg in einen Klassenkrieg umgewandelt werden und die Arbeiterklasse sich die Macht erkämpfen. Gibt es keine sozialistische Revolution, gibt es keinen Frieden. 

Die bürgerliche Interpretation verschleiert diese Wahrheit: Sie verwischt die Klassenlinien, schiebt die Schuld auf die individuellen Soldaten und entlässt die Kriegstreiber aus ihrer Verantwortung. Das ist nicht einfach eine harmlose Fehlinterpretation des Romans, sondern dient der Verteidigung der Interessen der bürgerlichen Klasse.

Heute sehen wir, wie diese bürgerliche Klasse mit Kriegshetze, Militarisierung und Aufrüstung genauso skrupellos ihre Interessen verteidigt wie damals. Indem sie sich ein pazifistisches Mäntelchen überziehen, versuchen sie genau davon abzulenken. So verkehrt sich der Antikriegsroman in ihren Händen in sein Gegenteil und wird zum Deckmantel für ihre Kriege. Der Marxismus befreit das Werk aus dieser Instrumentalisierung und macht es tatsächlich zu einer mächtigen Waffe gegen imperialistische Kriege.