Im Januar 2026 entfalteten sich bedeutende Entwicklungen im amerikanischen Klassenkampf. Der Mord an Renee Good durch die ICE löste eine explosive Anti-ICE-Bewegung aus, die in einem faktischen politischen Generalstreik in Minnesota gipfelte. Der anschliessende Mord an Alex Pretti drohte, die Bewegung auf nationaler Ebene auszuweiten. Welche Schlussfolgerungen ziehen wir aus dieser Erfahrung?
Sie sind in den USA nicht nur möglich, sondern sogar unvermeidlich. Die Ereignisse in Minnesota zeigen beispielhaft, wie eine Massenbewegung praktisch über Nacht ausbrechen kann, wenn Ereignisse breite Gesellschaftsschichten politisieren. Quantität verwandelte sich in Qualität, als die angestaute Wut gegen die ICE einen Wendepunkt erreichte und im massiven politischen Ausbruch vom 23. Januar gipfelte.
Widerstand gegen Trumps Regierung gab es in Minnesota bereits zuvor, aber die dreiste Ermordung von Renée Good trieb Hunderttausende normale Menschen zu politischem Handeln. Die bewussteste Schicht der Arbeiterklasse kann aus Büchern und theoretischen Argumenten lernen, aber die breite Masse zieht ihre politischen Schlussfolgerungen auf der Grundlage von Ereignissen. Und welch tiefgreifende Schlussfolgerungen haben die Arbeiter in Minnesota gezogen! Die Notwendigkeit der Selbstorganisation, ein völliges Misstrauen gegenüber (zumindest gewissen Flügeln) des kapitalistischen Staates und ein wachsendes Verständnis für die Macht, die sie gemeinsam über die Wirtschaft ausüben können. Sie haben auch aus der Anti-ICE-Bewegung im vergangenen Jahr in Los Angeles und Chicago gelernt und auf der George-Floyd-Bewegung von 2020 aufgebaut.
Entgegen den Behauptungen der liberalen Medien hat es unter den US-Arbeitern keinen grundlegenden «Rechtsruck» gegeben. Während einige Schichten der Arbeiterklasse Trumps Programm noch prüfen, lehnt eine andere grosse Schicht Trump bereits vollständig ab und hat sich nach links bewegt. Symptomatische Entwicklungen wie die Wahl von Zohran Mamdani sind nur die Spitze des Eisbergs. In Minnesota mobilisierten sich ganz gewöhnliche Menschen massenhaft gegen die bewaffneten Organe des kapitalistischen Staates. In Form von Massenversammlungen in den Quartieren und Chatgruppen auf Signal entstanden embryonale Organe der Selbstorganisation der Arbeiterklasse. Manche Schichten diskutierten auch über die Notwendigkeit bewaffneter Selbstverteidigung. Und die Tatsache, dass die Idee eines Generalstreiks nicht nur Aktivisten, sondern weite Teile der Gesellschaft in ihren Bann zog, markiert einen Wendepunkt für den Klassenkampf in diesem Land.
Trump ist, egal ob er das persönlich will oder nicht, nicht in der Lage, eine mächtige bonapartistische oder faschistische Herrschaft aufzubauen. Die Bewegung in Minnesota hat gezeigt, wie schwach Trumps Regierung ist. Angesichts des Risikos, eine landesweite soziale Explosion auszulösen, war Trump gezwungen, zurückzurudern: Er musste Greg Bovino abberufen und Tausende ICE-Agenten abziehen. Dies beweist voll und ganz die Wirksamkeit des kollektiven Klassenkampfs und zeigt, dass das Kräfteverhältnis in den USA überwiegend zugunsten der Arbeiterklasse steht. Trump ist ein Experte darin, von Problemen abzulenken und die Aufmerksamkeit auf andere Themen zu lenken, und zieht es vor, wann immer möglich, noch einen draufzusetzen und in die Offensive zu gehen – aber es gibt klare Grenzen, wie weit er dabei gehen kann.
Die bürgerliche Demokratie war schon immer die Diktatur der Kapitalistenklasse über die ausgebeutete Mehrheit. Insbesondere in den USA stützte sie sich stets auf Unterdrückung und staatliche Gewalt, um die kapitalistische Herrschaft aufrechtzuerhalten. Ereignisse wie die Ermordung von Renee Good und Alex Pretti zerstören Illusionen und machen Millionen von Menschen die wahre Rolle des kapitalistischen Staates klar. Dies sind bemerkenswerte Veränderungen in einem Land, in dem der Kapitalismus und seine Institutionen einst so viel Legitimität genossen.
Die Stimmung und das Potenzial für einen totalen Generalstreik waren zu 100 % vorhanden. Dieser hätte nicht nur kleine Unternehmen, Schulen und kulturelle Einrichtungen lahmgelegt, sondern auch die wichtigsten Hebel der Wirtschaft: Verkehr, Energie, Kommunikation, Logistik, Produktion usw. Nach der Ermordung von Alex Pretti hätte sich eine solche Bewegung auf das ganze Land ausweiten können. Die Gewerkschaftsbürokraten taten alles in ihrer Macht Stehende, um die Energie der Massen in sichere Bahnen zu lenken. Der Druck von unten zwang sie zwar, einen «Aktionstag» anzukündigen, aber darüber hinaus wagten sie nichts. Es wäre notwendig gewesen, die Nachbarschaftskomitees auf die Arbeitsplätze auszuweiten und über gewählte Delegierte zu einem stadtweiten Gremium zu verbinden. Diese Gremien hätten den Versammlungen rechenschaftspflichtig sein müssen und die gesamte Bewegung koordinieren können. Auf der Grundlage dieses Programms hätte eine marxistische Kaderorganisation mit nur 500 oder 1’000 Mitgliedern, die in den Betrieben der Schlüsselindustrien von Minneapolis-St. Paul verwurzelt gewesen wäre, einen echten Unterschied für die Bewegung machen können.
Innerhalb der Führung der Demokratischen Sozialisten Amerikas (DSA), in der Redaktion des Jacobin-Magazins und in einigen Bereichen der Gewerkschaftsbürokratie bekennen sich einzelne liberal-reformistische Sozialisten zwar verbal zum Klassenkampf. In der Praxis unterstützen sie jedoch lediglich die Demokratische Partei und andere Institutionen der herrschenden Klasse. Diese Leute reden von der Geschichte des Klassenkampfs in den USA, haben jedoch nie wirklich daran geglaubt, dass Ähnliches jemals wieder geschehen könnte. Sie warfen den revolutionären Sozialisten vor, «auf Ereignisse zu warten», während sie selbst die Tiefe der Krise und die unvermeidlichen Umwälzungen, die sich am Horizont abzeichneten, nicht verstanden. Jetzt, wo eine Massenbewegung ausgebrochen ist, «unterstützen» sie diese, aber sie können immer noch nicht verstehen, was sie wirklich bedeutet und wie sie zum Sieg kommen kann.
Der 23. Januar war nur der Anfang – eine Generalprobe – und ein Vorzeichen für bevorstehende, viel grössere Ereignisse. Das zweite Viertel des 21. Jahrhunderts wird sich deutlich vom ersten unterscheiden. Massenbewegungen, militante Streiks, Generalstreiks und schliesslich eine voll entflammte revolutionäre Situation stehen bevor.
Die rund 160 Millionen Lohnarbeiter in Amerika stellen eine potenziell unaufhaltsame Kraft dar. Dieses Potenzial kann nur dann voll ausgeschöpft werden, wenn sie eine angemessene Führung hat. In Minnesota sahen wir die immense Kreativität der Arbeiterklasse, wenn sie zum Handeln gezwungen wird, aber auch die Grenzen der reinen Spontaneität. Um weiterzukommen und schliesslich die politische und wirtschaftliche Macht zu ergreifen, braucht die Arbeiterklasse eine marxistische Führung. Eine revolutionäre Massenpartei könnte die Kraft der Arbeiterklasse nutzen, um die Gesellschaft nach sozialistischen Grundsätzen zu verändern.
So wie die herrschende Klasse Zeit und Ressourcen aufwendet, um den Führungsstab ihres Staates auszubilden und zu schulen, muss auch die Führung der Arbeiterklasse über einen eigenen ernsthaften Ausbildungsort verfügen. Die Arbeiterklasse braucht eine Partei professioneller Revolutionäre – Menschen, die sich gründlich mit der marxistischen Theorie und den Lehren aus dem Klassenkampf auseinandergesetzt haben. Alle ernsthaften Klassenkämpfer in den USA sollten sich der RCA anschliessen und beim Aufbau der Partei der kommenden amerikanischen sozialistischen Revolution mithelfen.
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