Im Sudan wütet die «weltweit grösste humanitäre Krise» (UNO). Und das nur wenige Jahre nach der heroischen Revolution 2019. Wir müssen dringend die Lehre ziehen: die Notwendigkeit einer revolutionären, kommunistischen Partei.
Seit April 2023 tobt im Sudan, dem drittgrössten Land Afrikas, ein blutiger Bürgerkrieg. Die Brutalität ist nur schwer in Worte zu fassen. Mehr als 14 Millionen Menschen wurden vertrieben, bis zu 150’000 wurden umgebracht. 26 Millionen Menschen – die Hälfte der Bevölkerung – leiden an Hunger. Das ist Schrecken ohne Ende.
Dieser Bürgerkrieg beweist, wie verrottet das kapitalistische System heute ist. Beide Kriegsparteien – das sudanesische Militär (SAF) unter General Al-Burhan und die Rapid Support Forces (RSF-Miliz) unter Hemedti – sind durch und durch reaktionär. Unterstützt werden sie von verschiedensten Imperialisten, die nicht davor zurückschrecken, das Blutvergiessen für ihre jeweiligen Interessen in die Länge zu ziehen.
Die Marxisten der Revolutionären Kommunistischen Internationale kämpfen mit voller Kraft gegen diese Barbarei und den gesamten Imperialismus. Wir stehen an der Seite der unterdrückten und ausgebeuteten sudanesischen Massen. Sie sind es, die diesem Schrecken ein Ende setzen, sowie wirklichen Frieden und ein gutes Leben garantieren können.
Der Bürgerkrieg ist das unmittelbare Produkt des Scheiterns der Revolution 2019. Doch die Hauptschuld für die tragische Geschichte des Sudans liegt bei den Imperialisten.
Trotz der formellen Unabhängigkeit von 1956 war der Sudan nie ein freies und unabhängiges Land. Er wurde seither von verschiedensten Imperialisten kontrolliert, dominiert und ausgehöhlt (siehe Box). Sie hatten keine Skrupel, Millionen von Menschen ins Elend zu stürzen, wenn sie sich dadurch eine goldene Nase verdienen konnten. Das taten sie auch mit Hilfe imperialistischer Massnahmen durch den IWF. Die Logik der Imperialisten? Entweder ihr tanzt nach unserer Pfeife, oder ihr bekommt keine weiteren Kredite. So strichen sie Subventionen für Grundnahrungsmittel. Das traf die Massen hart, schliesslich gehörte der Sudan zu den Ländern mit einer der damals höchsten Inflationen. Die Situation wurde unhaltbar: Ende 2018 erhoben sie sich in einer echten Revolution.
Bereits nach wenigen Monaten hatten sie den verhassten Diktator Al-Bashir gestürzt. Dieser hatte sich 1989 an die Macht geputscht. Doch aus Angst vor dem Erfolg der Revolution setzte sich das Militär sofort an die Spitze des Staates. Unter General Al-Burhan schufen sie einen Militärrat, der sich als «Übergangsregierung» auf dem Weg zur Demokratie tarnte. In Wahrheit war es nur ein Manöver der herrschenden Klasse, um ihre mörderische Herrschaft zu retten.
Die wahre Macht lag jedoch auf der Strasse: Überall im Land sprossen Widerstandskomitees aus dem Boden. Die Menschen begannen, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. In der Hauptstadt Khartum regierten die Massen. Die Strassen – zuvor meist schmutzig – wurden von Frauen und Männern geputzt und sauber gehalten, Lebensmittelspenden wurden organisiert, junge Apotheker verteilten Medikamente an Verwundete, Bargeld wurde gesammelt und verteilt, damit die Menschen nach Hause kamen. Christliche Sudanesen sorgten für Schatten, damit muslimische Sudanesen beten konnten. An den Strassenecken feierten die Massen und sangen gemeinsam traditionelle Lieder. Wie Lenin einst sagte: «Die Revolution ist das Fest der Armen.»
Im Kampf wurden jegliche Spaltungen überwunden, weil die Klassenlinien an die Oberfläche traten. Das war der Keim einer neuen Gesellschaft: eines Arbeiterstaates. Es wäre ein Leichtes gewesen für die Arbeiterklasse, die Macht endgültig in die eigenen Hände zu nehmen.
Um die revolutionäre Dynamik zu brechen, rief der Militärrat unter Al-Burhan ab 2019 die RSF-Miliz unter dem Kommando von Hemedti auf den Plan. Diese paramilitärischen Banden starteten Überfälle auf revolutionäre Quartiere, wo sie wie wild mordeten und vergewaltigten. Mit Terror versuchten sie, die Revolution im Blut zu ertränken.
Trotz der riesigen Brutalität seitens der Konterrevolution bewiesen die Massen den grössten Heroismus. Mehrere Generalstreiks und eindrückliche Millionenmärsche drückten ihre Entschlossenheit aus. Sie wären bereit gewesen, die Revolution zu vollenden. Dazu wäre es nötig gewesen, die Massen zu bewaffnen, um sich gegen die RSF zu verteidigen.
Das wirft unmittelbar die Frage der Führung der revolutionären Bewegung auf. Sie lag bei der SPA (einer Art Gewerkschaftsbund). In dieser Situation hätte die SPA an die untersten Schichten der sudanesischen Armee (SAF) appellieren müssen, zur Revolution überzugehen. Das wäre möglich gewesen, es gab viel Sympathie für die Revolution. Die so bewaffneten revolutionären Massen hätten den alten Staatsapparat und die RSF entwaffnen und zerschlagen müssen. Die unterdrückten Massen hätten die Macht in die eigenen Hände nehmen müssen, um die Kapitalisten zu enteignen, die Produktionsmittel zu verstaatlichen und die Imperialisten zu vertreiben. Das wäre der einzige Weg vorwärts gewesen.
Stattdessen schürte die SPA Illusionen in Verhandlungen mit dem Militärrat, der versprach, nach einer mehrjährigen Übergangsphase eine «zivile» Regierung einzuführen. Das war ein fauler Deal, der der Revolution das Genick brach.
Der Militärrat, in dem sowohl Armeechef Al-Burhan als auch RSF-Führer Hemedti sassen, hatte natürlich niemals die Absicht, die Macht abzugeben. Sie verkörperten die Konterrevolution! Als die «Übergangsphase» 2021 hätte fertig sein sollen, führten Al-Burhan und Hemedti einen Putsch durch.
Nachdem sie gemeinsam die Revolution niedergeschlagen hatten, begannen sich Al-Burhan und Hemedti 2023 gegenseitig zu bekriegen und stürzten das Land ins Elend. Der Bürgerkrieg im Sudan ist also ein Kampf innerhalb des konterrevolutionären Lagers. Zwei Räuber streiten sich darüber, wer das Land plündern darf.
Dieses Abgleiten in die Barbarei ist die tragische Konsequenz davon, dass die Massen in der entscheidenden Situation nicht selbst die Macht übernommen haben. Das muss für alle Revolutionäre eine Warnung sein! In einer Revolution gibt es keine Kompromisse oder Mittelwege. Entweder ergreift die Arbeiterklasse selbst die Macht, stürzt die Imperialisten und geht zum Sozialismus über, oder die Konterrevolution wird die Revolution im Blut ertränken.
Die Führung der Massen, die SPA, schwankte, weil sie sich nicht auf die Kraft der Arbeiterklasse stützte und Angst vor einer Gewalteskalation hatte. Sie hoffte auf eine liberale Bourgeoisie (zivile Regierung) und appellierte an den guten Willen des Militärs. Es scheint paradox, doch gerade solche pazifistischen Illusionen und das Kompromisslertum führen letztlich zur übelsten Gewalteskalation. Die harte Wahrheit ist: Wer nicht ein unnötiges Blutvergiessen will, muss die Arbeiterklasse bewaffnen und die Revolution zur Machtergreifung der Massen führen.
Heute vergiessen die westlichen Imperialisten Krokodilstränen über die humanitäre Lage im Sudan, während sie im selben Atemzug den Genozid gegen die Palästinenser finanzieren. Das ist pure Heuchelei. Ihnen dürfen wir kein Wort glauben!
Die EU selbst hat mitgeholfen, die RSF auszurüsten. Im Rahmen des «Khartum-Prozess» arbeitete die EU seit 2014 mit Al-Bashir zusammen, um die Flüchtlingsströme nach Libyen einzudämmen. Über 40 Millionen Euro wurden bezahlt, damit die RSF im Interesse der EU gewaltsam gegen Flüchtlinge vorgehen konnte. Heute spielen sich diese dreisten Damen und Herren als die grossen «Friedensvermittler» auf. Wir müssen fragen: was für ein Frieden?
Ein Artikel von National Interest, kurz vor Ausbruch des Bürgerkrieges, fasst es gut zusammen. Dort heisst es: «Für die Interessen der USA steht in der Tat viel auf dem Spiel. Daher müssen die Vereinigten Staaten mit den sudanesischen Führern, die das Rahmenabkommen unterstützt haben, zusammenarbeiten, um eine Anreizstruktur für die sudanesischen Eliten zu schaffen, das Abkommen umzusetzen und einen pro-amerikanischen Kurs für das Land zu verfolgen.» Weiter heisst es, dass die USA sicherstellen sollen, dass es «Unterstützung für diejenigen im Sudan gibt, die eine pro-westliche Politik vorantreiben und die Ausweitung des russischen, chinesischen und extremistischen Einflusses im Land verhindern können».
Wenn die Imperialisten von «Frieden» und «Demokratie» reden, dann meinen sie damit nur eines: bestmögliche Bedingungen zum Ausbeuten. Die USA hatten kein fundamentales Problem damit, die Mörder an der Macht zu lassen. Sie waren es auch, die die Militärregierung als Übergangslösung entscheidend unterstützt haben. Das kann nicht erstaunen: Im Kampf zwischen Revolution der Massen und Konterrevolution der Elite ist klar, auf welcher Seite die Imperialisten stehen!
Keines der Probleme, die 2019 zur Revolution geführt haben, ist gelöst. Der Sudan versinkt in der Barbarei. Er steht sinnbildlich für den heutigen Zustand des Kapitalismus, der nichts als Krieg, Krise und Zerstörung zu bieten hat. Weltweit und auch im Sudan wird dies die Massen zwingen, sich zu erheben gegen die Misere des Imperialismus, bis er besiegt ist.
Revolutionen sind eine tiefe Gesetzmässigkeit, solange die Klassengesellschaft bestehen bleibt. Aber entscheidend für ihren Sieg ist die Anwesenheit einer revolutionären Partei – mit ausgebildeten, marxistischen Kader und einer ausreichenden Grösse, um in den Lauf der Geschichte eingreifen zu können. Der Bürgerkrieg im Sudan ist der tragische Beweis dafür und der schreckliche Preis, den die armen Massen heute zahlen für das Fehlen einer marxistischen Führung während der Revolution 2019.
Die beste Hilfe für die sudanesischen Massen ist es, diese Lehre zu ziehen. Unsere wichtigste Aufgabe ist es deshalb, eine solche Partei weltweit aufzubauen. Hilf mit, die Revolutionäre Kommunistische Internationale aufzubauen, damit die nächste Revolution triumphieren und der weltweite Sozialismus siegen wird!
Im Jahr 1980 riss sich Frankreich die Ölförderrechte im sogenannten «Block 5» unter den Nagel. Dies ist ein 120’000 Quadratkilometer grosser Sektor im heutigen Südsudan. Da sich die USA zuvor aus der Region zurückgezogen hatten, waren sie nun aussen vor, als Ölvorkommen entdeckt wurden und sich gigantische Profitmöglichkeiten eröffneten. Für den US-Imperialismus war das ein Dorn im Auge. Also taten sie alles, um das Land zu destabilisieren, damit Frankreich nicht das Öl abbauen konnte. Dafür nutzten sie die Spaltungen zwischen dem arabisch und muslimisch geprägten Norden und dem afrikanisch geprägten Süden und stützten sich auf südliche Milizen, die eine Abspaltung vom Norden befürworteten.
Sie erhofften sich, so den US-Einfluss im Süden – wo das meiste Öl lag – zu sichern. Zudem haben sie mit imperialistischen Mitteln, wie z. B. Wirtschaftssanktionen, das Land weiter destabilisiert und das Leben tausender unschuldiger Menschen zu einem Albtraum gemacht. Die Folge war ein 20-jähriger, blutiger Bürgerkrieg, der 2011 in der reaktionären Teilung des Landes (der Südsudan spaltete sich ab) gipfelte. Natürlich alles im Namen des Friedens und mit Unterstützung der UNO! Die Wahrheit ist: Keiner der Imperialisten hat sich je für die Menschen im Sudan interessiert. Weder damals noch heute. Im Kampf gegen den französischen Imperialismus war den USA jedes Mittel recht, das versprach, ihre Taschen zu füllen. Den Preis für diese Räubereien zahlten die sudanesischen Massen.
Erfahre hier mehr über die schädliche Rolle der westlichen Imperialisten!
Afrika — von Noël Jaquet, Bern, 12.02.2025 — 26. 02. 2025
Perspektive — von Jorge Martin, marxist.com — 24. 02. 2025
Frauenunterdrückung — von der Redaktion — 22. 02. 2025
International — von der Redaktion — 20. 02. 2025
Arbeiterbewegung — von Philipp Trummer und Elia Keel, VPOD Fribourg — 14. 02. 2025