Reels machen auf TikTok die Runde, seine Zitate sind in aller Munde und 2025 erschien eine neue Verfilmung seines berühmten Romans L’étranger (der Fremde): Albert Camus und seine Ideen faszinieren viele, insbesondere junge Menschen. Warum?
Nehmen wir den Protagonisten von Der Fremde, Meursault. Dieser wandelt wie ein Fremdkörper durch die Gesellschaft Algeriens der 1930er Jahre. Auf Fragen nach der Liebe antwortet er in der Regel mit «Das ist nicht wichtig». Er verhält sich nicht so, wie es die herrschenden moralischen Prinzipien von ihm verlangen. Er weigert sich, Gefühle, die er nicht hat, vorzutäuschen, und wirkt damit auf andere Leute befremdend. Und genau wegen dieser Missachtung sozialer Normen wird er bestraft. Meursault bringt zwar «einen Araber» um. Doch verurteilt wird er nicht deshalb, sondern vielmehr, weil er bei der Beerdigung seiner Mutter nicht geweint hat. Auch wenn Meursault immer wieder verwerflich handelt, drückt er ein Gefühl der Isolation in und der Gleichgültigkeit gegenüber dieser Gesellschaft und der Rebellion gegen heuchlerische Normen aus.
Camus beschreibt damit das weitverbreitete Gefühl, dass wir fremd in dieser Welt sind. Dass diese Welt ausserhalb unserer Kontrolle zu stehen scheint und dass sie uns trotz unserer Versuche, sie zu verstehen und zu verändern, «ständig entgleitet». In Der Mythos des Sisyphos erklärt Camus, weshalb: Er sagt, wir Menschen seien stets auf der Suche nach einem Sinn und Erklärungen, weshalb die Welt so ist, wie sie ist. Doch es gebe keinen Sinn und wir könnten nicht zu einer Wahrheit gelangen. Und aus diesem Widerspruch, unserer Suche einerseits und dem ohrenbetäubenden Schweigen der Welt andererseits, entsteht das Absurde: das Gefühl (laut Camus: die Erkenntnis) des Fremdseins in der Welt. Wir sollten deshalb aufhören, einen solchen Sinn zu suchen. Überhaupt gebe es nichts Objektives und Wissen sei darum unmöglich. Ausgehend von einer realen Beobachtung endet Camus im subjektiven Idealismus – er ist ein Postmodernist avant l’heure.
Doch wenn das Leben komplett sinnfrei ist, sollten wir uns dann nicht einfach umbringen? Laut Camus ist das die einzige relevante philosophische Frage. Überraschenderweise verneint er sie. Denn die Akzeptanz der Absurdität befreit uns angeblich. Sein Paradebeispiel: Sisyphos, der von den griechischen Göttern dazu verdammt wurde, bis in alle Ewigkeit einen Fels den Berg hochzurollen, der, oben angekommen, jedes Mal wieder runterrollt. Sisyphos soll man sich aber glücklich vorstellen! Denn er ist sich der Absurdität bewusst, gibt sich keiner Hoffnung hin und indem er seine Arbeit (trotzig) erledigt, wird er zum Herrn seines Schicksals. So erklärt Camus, warum man sich trotz Sinnlosigkeit nicht töten muss – sondern weiter in seiner trostlosen Arbeit dahinvegetieren kann.
Camus liegt in mehrerer Hinsicht falsch. Der zentrale Fehler besteht darin, dass er aus der konkreten Erfahrung der Entfremdung und der mangelnden Kontrolle im Kapitalismus eine allgemeine, ewig währende Wahrheit macht. Für ihn ist der Mensch immer fremd (und unwissend) in der Welt, unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen. Doch die Wahrheit ist konkret: Ja, die Welt fühlt sich fremd an – weil wir als Arbeiterklasse und Jugend im Kapitalismus nichts zu sagen haben. Und während wir sie ändern wollen, bestimmt eine kleine Minderheit an Kapitalisten, die die Welt so beibehalten will, mit ihren Gesetzen über unser Leben. Aber in einer Welt, in der es keine Klassen mehr gibt und in der wir kollektiv die Kontrolle über die Produktionsmittel haben – im Kommunismus – werden wir in einem anderen, engeren Verhältnis zur Welt und unseren Mitmenschen stehen.
Der Fremde und Sisyphos erschienen beide 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg. Zudem war Camus in den 30er Jahren kurzzeitig Mitglied der Kommunistischen Partei. Er wurde allerdings aus der Partei ausgeschlossen, als er sich weiterhin für die Unabhängigkeit Algeriens von der damaligen Kolonialmacht Frankreich einsetzte. Die stalinistische Bürokratie wollte derartige Propaganda unterbinden, da eine antikoloniale Bewegung in Algerien angeblich den Bündnispartner Frankreich geschwächt hätte. Camus war angeekelt vom Opportunismus der stalinistischen Karikatur des Kommunismus und wurde zum offenen Antikommunisten. Seine Ideen entstanden also in einer Zeit der tiefen Krise des Systems und der Enttäuschung mit den Massenparteien – ein Gefühl, das viele junge Menschen heute teilen.
Camus ist ein herausragender Autor und seine Kunst trifft einen Nerv. Aber indem er die Entfremdung von ihren Ursprüngen in der Klassengesellschaft loslöst, wird er philosophisch reaktionär. Er nennt Sisyphos einen Proletarier und sagt damit der Arbeiterklasse: Es gibt keine Lösung. Akzeptiert euer geknechtetes Dasein. Aber tut es mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht. Und so erlangt ihr Freiheit. Doch das führt zu kompletter Passivität und Ohnmacht und hilft nur der Bourgeoisie. Wir Marxisten sagen das genaue Gegenteil: Wahre Freiheit liegt darin, die Funktionsweise der Welt zu verstehen (denn das ist möglich!) und sie revolutionär zu verändern.
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