Anlässlich des 90 Jahrestags der «Front Populaire» und des Generalstreiks im Mai-Juni 1936 ziehen wir heute die Lehren aus dieser historischen Episode, die für alle Revolutionäre von Bedeutung sind. 

Vor 90 Jahren legte die Arbeiterklasse in Frankreich mit einem mächtigen Generalstreik das ganze Land lahm. Die revolutionäre Welle erkämpfte rasch bedeutende Reformen. All dies geschah unter einer Volksfrontregierung – einer Regierung, in der die Arbeiterparteien (Sozialistische Partei SFIO, Kommunistische Partei PCF) gemeinsam mit der bürgerlichen Radikalen Partei regierten.

Heute werden diese Errungenschaften oft als Beleg dafür angeführt, dass die Politik der Klassenkollaboration funktioniert. Blickt man jedoch unter die Oberfläche der Ereignisse, wird deutlich, dass die Reformen nicht wegen, sondern trotz der Volksfront zustande kamen und, dass es gerade diese Regierung war, die der revolutionären Bewegung das Genick brach.

Wohin geht Frankreich?

In den 1930er-Jahren steckte der französische Kapitalismus in einer tiefen organischen Krise. Der Erste Weltkrieg hatte kein grundlegendes Problem gelöst. Mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 verschärften sich Armut und soziale Misere. Spätestens ab 1931 traf die Krise auch den französischen Kapitalismus mit voller Wucht: die Exporte brachen ein, die industrielle Produktion stürzte ab. Die französische Bourgeoisie reagierte mit massiven Angriffen auf die Arbeiterklasse, um ihre Profite zu verteidigen.

Die Krise führte zu einer tiefen Polarisierung. Die Arbeiterklasse sowie das Kleinbürgertum suchten nach Auswegen aus der Krise. Die Radikalen, die das System bis anhin verwaltet und während Jahrzehnten in verschiedenen Allianzen mit anderen bürgerlichen Parteien regiert hatten, wurden abgestraft und verloren ihre soziale Basis. Das politische Zentrum brach zusammen.

Dies zeigte sich spätestens bei den Wahlen von 1936, die die Volksfront an die Macht brachten. Die PCF steigerte ihre Sitzzahl von 10 auf 72, die SFIO von 97 auf 147, während die Radikalen 43 Sitze verloren und auf 116 zurückfielen.

Trotzki erklärte: «Die Arbeiterpartei soll sich nicht mit hoffnungslosen Versuchen abgeben, diese Partei von Bankrotteuren zu retten, sie muss im Gegenteil aus Leibeskräften den Prozess der Befreiung der Massen vom radikalen Einfluss fördern.» Die tiefe Krise des französischen Kapitalismus laufe auf zwei Optionen hinaus: revolutionärer Sozialismus oder faschistische Reaktion. Alles hing von der Führung der Arbeiterklasse ab.

Volksfrontpolitik

Durch die revolutionäre Gärung in Frankreich gewannen die Massenorganisationen erheblich an Unterstützung. Doch statt sich auf diese Dynamik zu stützen, orientierten sich die reformistischen und stalinistischen Führer auf die bürgerlichen Kräfte und gingen eine Volksfront mit der Radikalen Partei ein.

Die Voraussetzung dafür, dass die Radikalen bereit waren, gemeinsam mit der «Partei der russischen Revolution», der (mittlerweile stalinistisch degenerierten) Kommunistischen Partei, und der Arbeiterpartei SFIO eine Allianz einzugehen, bestand darin, dass diese auf der Grundlage eines Programms beruhte, das ursprünglich keine weitreichenden sozialen Verbesserungen vorsah. Die Politik der Klassenkollaboration läuft letztlich immer darauf hinaus, das eigene Programm dem der bürgerlichen Kräfte unterzuordnen.

Die Sozialistische Partei verfolgte eine reformistische Strategie. Anstatt auf den revolutionären Umsturz und die Machtübernahme durch die Arbeiterklasse zu setzen, suchte sie nach Lösungen innerhalb des bestehenden Systems. Dabei orientierte sie sich an einer Zusammenarbeit mit den «gemässigten» Teilen der Bourgeoisie, in der Hoffnung, auf diesem Weg schrittweise Verbesserungen zu erreichen.

Für die Politik der Kommunistischen Partei war der entscheidende Faktor der sowjetisch-französische Beistandsvertrag im Mai 1935. Zu diesem Zeitpunkt war die Kommunistische Internationale nicht mehr das Instrument der Weltrevolution, das sie einmal war, sondern ein Mittel für die sowjetische Bürokratie in Moskau, um ihre nationalen Interessen zu verteidigen. Die sowjetische Führung sah sich durch den deutschen Faschismus bedroht und strebte danach, den französischen Imperialismus auf ihre Seite zu ziehen.

Für die PCF bedeutete dies de facto, den Klassenkampf zurückzufahren, um so der französischen Bourgeoisie zu demonstrieren, dass die Sowjetunion ein verlässlicher Partner sei. Der Slogan der PCF zu dieser Zeit war «Die Volksfront ist nicht die Revolution». 

Aber Trotzki ging noch weiter in seinem Urteil: «Die ‘Volksfronten’ auf der einen, der Faschismus auf der anderen Seite, dies sind die letzten politischen Reserven des Imperialismus im Kampf gegen die proletarische Revolution.»

Wie wahr das ist, wurde in Frankreich in der Praxis bewiesen. 

Generalstreik 1936

Als die Volksfront gewählt wurde, verkündete Léon Blum der SFIO als Vorsitzender der Parlamentsfraktion, dass man erst in einem Monat, nach «verfassungsmässiger Frist», die Macht wirklich übernehmen wird.

Aber die Arbeiterklasse brauchte jetzt Verbesserungen ihres Lebens und wollte nicht noch einen Monat warten. Sie beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Sie antwortete mit einer massiven revolutionären Bewegung. Schon in vorherigen Jahren gab es bedeutende Streikbewegungen, wie in Brest und Toulon. Aber der Mai und Juni 1936 übertraf das bei Weitem. 

Überall besetzten Arbeiter die Fabriken. Die Fabrikbesetzungen stellten im Betrieb direkt die Frage: Wer kontrolliert eigentlich die Wirtschaft, die Arbeiter oder die Kapitalisten?

Und die Bewegung ging weit über einzelne Fabrikbesetzungen und eine Bewegung der vordersten Schichten der Arbeiterklasse hinaus. Innerhalb von zwei Wochen waren über 2.5 Millionen Arbeiter im Kampf. Die ansonsten unpolitischen Arbeiter, die «schweren Reserven» der Arbeiterklasse, betraten die Bühne der Geschichte.

Trotzki kommentierte: «Das sind überhaupt nicht Streiks. Das ist ein Streik. Das ist der offene Zusammenschluss der Unterdrückten gegen die Unterdrücker. Das ist der klassische Anfang der Revolution.»

Die Bewegung stellte die Machtfrage nicht nur in den einzelnen Betrieben, sondern in der ganzen Gesellschaft. Wer sollte die ganze Gesellschaft leiten – wir, die Arbeiter, oder die Bourgeoisie?

Die Arbeiterklasse hätte beginnen müssen und können, die Machtfrage durch den Aufbau eines Arbeiterstaates zu beantworten. Das hätte bedeutet, Räte zu bilden, sie auf nationaler Ebene zusammenzufassen und auf dieser Grundlage die Macht zu übernehmen und die Grosskapitalisten zu enteignen und die zentralen Hebel der Wirtschaft unter die eigene Kontrolle zu bringen.

Die Kapitalisten spürten die Gefahr. Aus Angst, alles zu verlieren, haben sie sehr schnell Konzessionen gemacht: 40-Stunden-Woche, 2 Wochen bezahlter Urlaub, 15 % Lohnerhöhung, Gesamtarbeitsverträge und mehr Rechte für die Gewerkschaften. Diese Reformen waren nicht das Resultat der Volksfrontregierung. Diese Errungenschaften waren Produkt der revolutionären Bewegung.

Die wahre Rolle der Volksfront

Während die Bewegung der Arbeiterklasse mit Volldampf auf die Revolution zusteuerte nutzte der «linke» Flügel der Volksfrontregierung die Reste seiner Autorität in der Arbeiterklasse und sagte dieser: Geht nach Hause! Wir lösen die Probleme für euch – zusammen mit den liberalen Fraktionen der Bourgeoisie innerhalb des Kapitalismus!

In den Worten von Maurice Thorez, Führer der PCF: «Während es wichtig ist, eine Bewegung für wirtschaftliche Forderungen gut zu führen, muss man auch wissen, wie man sie beendet. Derzeit steht keine Frage der Machtübernahme zur Debatte.»

Trotzki schrieb dazu: «zwischen den Hauptklassen, dem Finanzkapital und dem Proletariat, stehend, schlagen die Herren ‘Reformatoren’ den beiden Gegnern vor, sich auf der mittleren Linie zu einigen, die sie mit grosser Mühe im Generalstab der Volksfront ausarbeiteten und die sie selbst verschieden auslegen. Sie müssen sich jedoch nur allzu bald davon überzeugen, dass es viel leichter ist, die Klassengegensätze in Leitartikeln auszusöhnen, als im Regierungshandwerk, vor allem mitten in der heftigsten sozialen Krise.»

Die Funktion der Volksfront bestand darin, die revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse auszubremsen und diese davon zu überzeugen, die Bourgeoisie nicht zu entmachten. Als die revolutionäre Flutwelle vorüber war, nutzte die Bourgeoisie ihre erhaltene Macht, um die Regierung zu sabotieren. Sie drohte mit Kapitalflucht und zwang Blum, die Reformen rückgängig zu machen.

Kurz darauf brach die Volksfront auseinander und eine rechte Militärdiktatur übernahm die Macht in Frankreich. 1939 wurde die Kommunistische Partei aus der Volksfront verbannt, verboten und die französische Arbeiterklasse wurde in den reaktionären Zweiten Weltkrieg geführt.

Lektionen ziehen!

Das Frankreich von 1936 liefert einen praktischen historischen Beweis für die reaktionäre Rolle der Volksfront und der dahinter liegenden Politik der Klassenkollaboration. Die Volksfrontregierung führte nicht zu einer geregelteren Umsetzung eines sozialen Programms, sondern bereitete vielmehr den Boden für die Konterrevolution.

Der Generalstreik von 1936 zeigt auch, dass die Arbeiterklasse weit über die Grenzen ihrer Führung hinausgehen kann, selbst gegen deren Willen. Doch im entscheidenden Moment kann sie keine neue, wirklich revolutionäre Führung aus dem Hut zaubern.

Leo Trotzki schrieb 1940: «Ein grosser historischer Schock ist notwendig, um in aller Schärfe die Widersprüche zwischen der Führung und der Klasse zu enthüllen. (…) Aber sogar dann, wenn die alte Führung ihre innere Korruption offenbart hat, kann die Klasse sich nicht aus dem Stegreif eine neue Führung schaffen, zumal wenn sie nicht aus der vorangegangenen Periode starke revolutionäre Kader ererbt hat, die fähig sind, sich den Zusammenbruch der alten führenden Partei zunutze zu machen.» (Klasse, Partei und Führung)

Heute befinden wir uns am Beginn einer ähnlichen Periode, in der die Frage nach Sozialismus oder Barbarei gestellt wird. Es liegt an uns, so schnell wie möglich den Kern einer revolutionären Führung aufzubauen – gebildet aus revolutionären Kadern, die die Lektionen aus der Geschichte des Klassenkampfs verinnerlicht haben.

Kleiner Kasten

Wie kannst du dich vertiefen?

In Wohin geht Frankreich? begleitet Trotzki die zugespitzten Jahre des französischen Klassenkampfs von 1934 bis 1936. Die Textsammlung beinhaltet unzählige Lektionen für Revolutionäre heute zu Fragen der Logik des Klassenkampfs, zum Unterschied von Reformismus, Stalinismus und Marxismus und zu Fragen von Strategie und Taktik.

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1936/06/inhalt.htm

Auch die spanische Revolution (1931-1938) wurde durch eine Volksfront sabotiert. Sie diente Franco als Feigenblatt, hinter dem er sich darauf vorbereiten konnte, die Revolution niederzuschlagen. Klasse, Partei und Führung ist ein berühmter Text von Trotzki, in dem er die Hauptlektion der Periode von Revolution und Konterrevolution in Spanien in den 1930ern zieht.

https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1940/xx/klasse.html