Vier Wochen nach Beginn des Angriffskriegs der USA und Israels gegen den Iran sind die Kriegsziele des US-Imperialismus nicht nur unerreicht, sie scheinen weiter entfernt zu sein als zuvor. Trump befindet sich in einer ausweglosen Lage.
Über die letzten Tage hat Trump eine Reihe von wirren Stellungnahmen abgegeben, von denen jede der vorherigen direkt widerspricht. Einmal verkündet er selbstbewusst, die USA hätten den Krieg bereits gewonnen und planten den Truppenabzug. Nur um am nächsten Tag dem Iran mit massiver Zerstörung zu drohen, wenn er nicht bedingungslos kapituliert. Darauf folgt wiederum die selbstbewusste Ankündigung, dass freundliche und vielversprechende Verhandlungen im Gange seien.
Ein Analyst erklärte, dass Trumps widersprüchliche Kommunikation daher kommt, dass er zu mehreren Zielgruppen gleichzeitig spricht und jeder von ihnen etwas anderes sagen muss.
Eine dieser Zielgruppen sind «die Märkte». Das ist die Kapitalistenklasse, vertreten durch die Börsenspekulanten und Inhaber von Staatsanleihen. Sie sind besorgt über die Auswirkungen hoher Energiepreise auf die Weltwirtschaft. Trump versucht, ihnen zu vergewissern, dass alles unter Kontrolle sei. Neben den Märkten richtet sich Trump aber auch an die Iraner, die Irsraelis, sowie an seine eigene Basis in den USA.
Der Hauptgrund für Trumps unberechenbares Verhalten ist die Tatsache, dass sein gewaltiges Wagnis völlig gescheitert ist. Zu Beginn des Krieges glaubte Trump, er könne den Iran in drei Tagen besiegen, oder zumindest in ein paar Wochen. Er war noch in völliger Selbstüberschätzung nach dem Angriff auf Venezuela. Die Kriegsziele waren klar und beinhalteten einen Regimewechsel im Iran. Mit überwältigender militärischer Schlagkraft sollte das iranische Militär, und dessen Möglichkeit zurückzuschlagen, zerstört werden, und in Teheran sollte ein dem US-Imperialismus gefügiges Regime an die Macht kommen. Stattdessen haben sie genau das Gegenteil erreicht.
Das Regime im Iran ist selbstbewusst und unnachgiebig, denn es hält alle Trümpfe in der Hand. Entscheidend ist, dass der Iran die Strasse von Hormus kontrolliert. Dadurch kann er der Weltwirtschaft und den Golfstaaten direkt enormen Schaden zufügen. Der Iran geht zu Recht davon aus, dass die Märkte infolgedessen Druck auf Trump ausüben werden, den Krieg zu beenden. Die Inflationsgefahr wird seine Popularität untergraben, gerade jetzt, wo er sich auf die US-Zwischenwahlen vorbereitet.
Die Iraner haben von Anfang an deutlich gemacht, dass sie auf jeden Angriff der USA und Israels militärisch antworten können und werden. Nach fast vier Wochen Krieg sind die Iraner immer noch imstande, ihre Ziele in Israel und am Golf mit Raketen und Drohnen zu treffen.
Israel verliert zusehends die Fähigkeit, iranische Angriffe abzuwehren. Israel kann aufgrund seiner aufgebrauchten Luftabwehr nicht mehr das gesamte Land schützen. Das hat enorme Auswirkungen auf die öffentliche Meinung im Inland, denn die herrschende Klasse stützt sich dort weitgehend auf die Vorstellung, dass sie den israelischen Juden Sicherheit vor einer Bedrohung von aussen bieten könne.
Trump versucht jetzt, so zu tun, als sei der Krieg so gut wie gewonnen, um den Weg für einen Rückzug und die Schadensbegrenzung vorzubereiten. Deshalb behauptet er, es fänden «sehr freundschaftliche» Verhandlungen mit dem Iran statt, was der Iran jedoch vehement dementiert.
Es könnte sein, dass Trump jetzt über Friedensverhandlungen spricht, um sich Zeit zu verschaffen, um genügend Truppen für eine neue Militäraktion zu verlegen. Das wäre für die Amerikaner nichts Ungewöhnliches. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Trump, bevor er den Rückzug antritt, eine Art Bodenoffensive als Machtdemonstration versucht.
Tatsächlich verschiebt Trump zusätzliche Truppen in den Nahen Osten. Das Pentagon hat bestätigt, dass Teile der 82. Luftlandedivision, darunter ihr Hauptquartier und ein Brigade-Kampfteam, zusammen mit weiteren Kampfflugzeugen und amphibischen Angriffsschiffen sich auf dem Weg in die Region befinden. Sie verstärken die rund 50’000 US-Soldaten, die sich bereits dort befinden. Das reicht zwar nicht für eine gross angelegte Bodeninvasion im Iran, wäre aber ausreichend für eine begrenzte Offensive.
Jegliche Bodenoffensive, wie zum Beispiel eine Invasion der Insel Kharg, sind äusserst gefährlich und könnten für die USA potenziell katastrophale Folgen haben. Das bedeutet jedoch nicht, dass Trump nicht trotzdem bereit wäre, solche Pläne in der einen oder anderen Form umzusetzen. Möglicherweise geht er davon aus, dass er einen spektakulären Erfolg erzielen muss, um die Lage für die USA noch zu retten.
Doch wie die Iraner ihm bereits gesagt haben: An einem Krieg sind zwei Parteien beteiligt. Ein Krieg endet nicht, wenn eine Partei kein Interesse daran hat, ihn zu beenden. Die Iraner sind nicht bereit, diesen Krieg zu beenden, ohne ihre eigenen Kriegsziele erreicht zu haben.
Trump hat den Iranern einen «15-Punkte-Friedensplan» vorgelegt. Darin verlangt er im Grunde die vollständige Kapitulation des Irans, die die USA auf dem Schlachtfeld nicht erzwingen konnten. Demnach soll der Iran sein Atomprogramm aufgeben. Zudem soll der Iran seine regionalen Proxies im Stich lassen und ihnen keine Waffen und Gelder mehr geben; er soll die Strasse von Hormus wieder öffnen und die Reichweite und Qualität seines Raketenprogramms einschränken. Mit anderen Worten: Trump versucht, mit einem Blatt Papier alle Ziele zu erreichen, die er durch Krieg völlig verfehlt hat.
Wie zu erwarten war, haben die Iraner diese Forderungen rundweg abgelehnt und befinden sich in einer starken Position für künftige Verhandlungen. Als Reaktion darauf haben sie folgende eigene Forderungen gestellt: eine vollständige Einstellung der «Aggressionen und Ermordungen»; die Einrichtung konkreter Mechanismen, um sicherzustellen, dass dem Iran kein Krieg mehr aufgezwungen wird; die garantierte Zahlung von Kriegsschäden und Reparationen; die Beendigung des Krieges an allen Fronten und für alle Widerstandsgruppen in der gesamten Region; die Anerkennung der Souveränität des Iran über die Strasse von Hormus als sein natürliches und legales Recht, das als Garantie für die Verpflichtungen der anderen Parteien dient.
Zudem ist der Iran in Verhandlungen mit Drittstaaten über ein Abkommen, das die Durchfahrt durch die Strasse von Hormus regelt. Es gibt bereits Berichte, dass Tanker die Meerenge sicher passiert haben. In einigen Fällen sollen Zahlungen an den Iran geleistet worden sein, um die Durchfahrtsgenehmigung zu erhalten. In Friedenszeiten passieren durchschnittlich 100 Schiffe täglich die Strasse von Hormus, sodass der Iran viel Geld verdienen könnte, wenn es ihm gelänge, eine Durchfahrtsgebühr zu erheben.
Die Golfstaaten sind vom Krieg stark beeinträchtigt. Sie müssen sich irgendwann die Frage stellen, ob es zu ihrem Vorteil ist, eine US-Militärpräsenz auf ihrem Staatsgebiet aufrechtzuerhalten. Derzeit befinden sie sich in einer Situation, in der ihre Infrastruktur von Iran angegriffen wird – als Vergeltungsmassnahme für einen Krieg, den die USA begonnen haben.
Dieser Krieg hat weltweit grosse politische Auswirkungen, insbesondere jedoch in den vom Imperialismus beherrschten Ländern sowie in der arabischen und muslimischen Welt. Die Menschen sehen, dass die Vereinigten Staaten vom kleinen Iran gedemütigt werden.
Dazu kommen noch die gewaltigen wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges. Der Ölpreis ist stark gestiegen. Er schwankt zwischen 120 Dollar und 87 Dollar pro Barrel und liegt im Durchschnitt bei etwa 100 Dollar pro Barrel. Sollte sich der Krieg hinziehen, wird sich diese Situation noch weiter verschärfen. Bereits jetzt treibt er die Inflation in die Höhe. In vielen Ländern sind die Preise an Tankstellen gestiegen, doch das ist erst der Anfang.
Neben Öl und Gas ist die Strasse von Hormus ein entscheidender Engpass für den weltweiten Export von Düngemitteln, darunter Harnstoff und Ammoniak. Auf diese Region entfallen etwa 25 bis 30 Prozent des weltweiten Ammoniakhandels, 46 Prozent des Harnstoffhandels und 44 Prozent des weltweiten Seehandels mit Schwefel. Die Sperrung der Meerenge hat bereits zu einem Anstieg der Harnstoffpreise um 35 bis 40 Prozent geführt.
Der Transport von Düngemitteln ist nun zum Erliegen gekommen, und zwar genau zu einem entscheidenden Zeitpunkt für die Aussaat auf der Nordhalbkugel. Das wird sich auf den Anbau von Nahrungsmittelpflanzen und deren Erträge in Ländern wie Indien, Bangladesch und Pakistan, aber auch in den Vereinigten Staaten selbst auswirken. Gemäss einer Analyse von Goldman Sachs werden die grössten Hungerrisiken und Preisspitzen Anfang 2027 auftreten.
Angesichts einer ohnehin schon angeschlagenen Weltwirtschaft könnte der Iran-Schock leicht zu einer globalen Rezession führen.
Die höhere Inflation, die Instabilität an den Aktienmärkten und die sonstigen wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs treiben die Kreditkosten in die Höhe. Das erhöht wiederum die Schuldenlast der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder. Steigende Inflation und weitere Kürzungen bei den Sozialausgaben aufgrund höherer Zinskosten für Regierungen führen unweigerlich zu Klassenkämpfen.
Die Hauptkonkurrenten der USA profitieren unterdessen von deren Misserfolgen. China signalisiert, dass sie verstehen, dass der Krieg im Iran die Grenzen der Macht der USA aufzeigt. Wenn die USA ihre militärischen Ziele im Iran nicht erreichen können, sollten sie gar nicht erst versuchen, es mit China aufzunehmen.
Russland ist das Land, das vielleicht am meisten von Trumps katastrophalem Abenteuer im Iran profitiert hat. Vor drei Monaten musste Russland Käufern erhebliche Preisnachlässe auf sein Öl gewähren und verkaufte es zeitweise für nur 22 Dollar pro Barrel. Jetzt verkauft es Öl für rund 100 Dollar pro Barrel. Zudem ist Russland ein bedeutender Exporteur von Düngemitteln. Es ist ungewiss, wie lange diese hohen Preise anhalten werden, doch sie haben Russland einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, und das zu einer Zeit, in der die russische Wirtschaft gerade an Fahrt verlor.
Ein weiterer Vorteil für Russland ergibt sich daraus, dass die USA fieberhaft nach zusätzlichen Patriot-Raketen, THAAD-Raketen, Abfangbatterien und so weiter suchen. Da die Vorräte der Vereinigten Staaten im Iran und in Israel aufgebraucht werden, bedeutet dies, dass sie nicht mehr den Ukrainern zur Verfügung stehen, und so gewinnen die Russen auch dort eine vorteilhafte Position.
Trumps Beliebtheit hat im Laufe seiner Präsidentschaft allmählich abgenommen. Doch in der letzten Woche sind seine Umfragewerte plötzlich um vier Prozentpunkte gefallen: 36 Prozent sind mit seiner Politik zufrieden, 62 Prozent hingegen nicht. Laut einer Umfrage von IPSOS Consumer Tracker geben 92 Prozent der Menschen in den Vereinigten Staaten an, dass sie steigende Benzinpreise bemerkt haben.
Was den Krieg gegen den Iran betrifft, so ergab eine vom 16. bis 22. März durchgeführte Umfrage des Pew Research Center, dass 61 Prozent der Amerikaner Trumps Umgang mit dem Konflikt mit dem Iran ablehnen, wobei 59 Prozent die Entscheidung, militärische Gewalt anzuwenden, für falsch halten.
Die Tatsache, dass der Krieg gegen den Iran nicht nach Plan verläuft, kombiniert mit dessen wirtschaftlichen Folgen, führt zu ernsthaften Spaltungen innerhalb der pro-Trump-MAGA-Bewegung. Das führt wiederum zu erheblichen Rissen innerhalb der Regierung. Joe Kent, der ehemalige Direktor des Nationalen Zentrums für Terrorismusbekämpfung, ist kürzlich von seinem Amt zurückgetreten und tritt nun in verschiedenen MAGA-freundlichen YouTube-Kanälen und Podcasts auf, um Trump anzugreifen.
Der US-Imperialismus hat keine guten Optionen. Ein Rückzug jetzt, ohne die Kriegsziele erreicht zu haben, wäre eine massive Demütigung. Die Fortsetzung der Offensive würde nichts lösen, sondern die wirtschaftlichen Folgen nur verschärfen. Eine Eskalation würde das Risiko von Verlusten für die US-Armee erhöhen, ohne dass eine Garantie bestünde, dass der Iran Zugeständnisse machen würde.
Die Folgen von Trumps gescheitertem Abenteuer im Iran werden weitreichend sein – politisch, diplomatisch, militärisch und wirtschaftlich.
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