Das Übergangsprogramm von Leo Trotzki ist einer jener seltenen Texte, die heute aktueller sind als zu der Zeit, als sie geschrieben wurden. Trotzki skizziert darin die Methode des Marxismus in Zeiten der Krise.

Wir erleben gerade die turbulenteste Phase in der Geschichte des Kapitalismus. Überall nimmt die Armut zu, während gleichzeitig eine kleine Minderheit von Kapitalisten beispiellose Reichtümer anhäuft. Hinzu kommt, dass der Klimawandel in vielen Ländern katastrophale Auswirkungen hat, von Überschwemmungen bis zu Waldbränden, was die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen zerstört. Unter diesen Umständen liegen die imperialistischen Mächte miteinander im Konflikt um Märkte und Einflusssphären. Daraus folgen Instabilität, Kriege und Bürgerkriege.

Dies führt dazu, dass sich Millionen – wenn nicht Milliarden – von Menschen in allen Ländern fragen, warum dies geschieht, was die Ursachen sind und welche Lösungen es gibt.

Revolutionäre Kommunisten haben klare Antworten auf diese Fragen und ein Programm, um diese Krise an ihrer Wurzel anzupacken. Was beinhaltet also dieses Programm? Und wie verbinden wir es mit den täglichen Kämpfen der Arbeiterklasse? Diese Fragen wurden von Leo Trotzki in seinem 1938 verfassten und vom ersten Kongress der neu gegründeten Vierten Internationale angenommenen Übergangsprogramm grandios behandelt.

Eine Krise der Führung der Arbeiterklasse

Das Bemerkenswerte an diesem Dokument ist, dass es – wie im Fall des Kommunistischen Manifests – heute relevanter zu sein scheint als zum Zeitpunkt, als es geschrieben wurde.

Seine einleitende Aussage – «Die weltpolitische Lage in ihrer Gesamtheit ist vor allem gekennzeichnet durch die historische Krise der Führung des Proletariats» – beschreibt treffend die Sackgasse, in der sich die gesamte internationale Arbeiterbewegung in der heutigen Zeit befindet.

Das Ausmass der Degeneration der heutigen Gewerkschaftsführung ist beispiellos. Überall hat sich die reformistische Führung der Arbeiterklasse vollständig der kapitalistischen Ordnung unterworfen. In Grossbritannien beispielsweise ist die Labour-Führung zu einem blossen Anhängsel des liberalen bürgerlichen Establishments geworden, das loyal den Interessen der Kapitalistenklasse dient.

Dadurch ist die Arbeiterklasse führungslos geworden. Dies erklärt auch, warum rechte, populistische Demagogen an Einfluss gewinnen und den Anschein erwecken können, sie sprächen für die Arbeiter. Die Verantwortung dafür liegt auf den Schultern der sogenannten «Führung» der Arbeiterklasse.

Sozialismus oder Barbarei

Trotzkis Text beschreibt auch die Krise, mit der der Kapitalismus heute noch konfrontiert ist:

«Die Produktivkräfte der Menschheit stagnieren. Die neuen Erfindungen und die technischen Fortschritte dienen nicht mehr dazu, das Niveau des materiellen Reichtums zu erhöhen. Unter den Bedingungen der sozialen Krise des ganzen kapitalistischen Systems laden die Konjunkturkrisen den Massen immer grössere Entbehrungen und Leiden auf. […]Die Bourgeoisie selbst sieht keinen Ausweg. [… Sie schlittert] jetzt mit geschlossenen Augen der wirtschaftlichen und militärischen Katastrophe entgegen.»

Und Trotzki warnte:

«Ohne sozialistische Revolution, und zwar in der nächsten geschichtlichen Periode, droht die ganze menschliche Kultur in einer Katastrophe unterzugehen.»

Diese Katastrophe kam in Form des Zweiten Weltkriegs mit seinen bis zo 80 Millionen Toten, mit den Schrecken des Holocaust und der allgemeinen Zerstörung, von der viele Länder heimgesucht wurden. Die gegenwärtige Krise des Weltkapitalismus stellt uns erneut vor die Wahl zwischen Sozialismus und Barbarei. Elemente der Barbarei sind bereits in den Kriegen und Bürgerkriegen vorhanden, in den Hungersnöten und in der wachsenden Armut und der mit ihr einhergehenden Gewalt und Kriminalität.

Aber auch das Potenzial für den Sozialismus haben wir in den Massenkämpfen und Revolutionen in vielen Ländern gesehen: vom Arabischen Frühling 2011 über die revolutionären Umwälzungen in Sri Lanka (2023) und Bangladesch (2024) bis hin zu den Ereignissen in Nepal und Indonesien (2025).

Die Methode des Übergangsprogramms

Die Gretchenfrage lautet: Wie können solche Massenbewegungen zum erfolgreichen Sturz des Kapitalismus durch eine sozialistische Revolution geführt werden? Wie kann das Programm der revolutionären Kommunisten zum Programm der Massen werden? Auf genau diese Frage antwortet die Methode des Übergangsprogramms.

In einer Diskussion mit den Führern der amerikanischen Trotzkisten im März 1938 erklärte Trotzki Folgendes:

«Natürlich müssen wir unseren ersten Schritt so machen, dass wir […] uns nicht mit abstrakten Formeln abgeben, sondern ein konkretes Aktionsprogramm und Forderungen in dem Sinne entwickeln, dass dieses Übergangsprogramm von den Bedingungen der heutigen kapitalistischen Gesellschaft ausgeht, aber sofort über die Grenzen des Kapitalismus hinausführt. […] Diese Forderungen haben Übergangscharakter, weil sie von der kapitalistischen Gesellschaft zur proletarischen Revolution führen, was sich in dem Masse ergibt, wie sie, etwa die proletarische Regierung, zu Forderungen der Massen werden. Wir können nicht bei den Tagesforderungen des Proletariats stehenbleiben. Wir müssen den rückständigsten Arbeitern eine konkrete Losung geben, die ihren Bedürfnissen entspricht und dialektisch zur Machteroberung führt.»

Der wesentliche Gedanke ist, dass die revolutionäre Partei von den unmittelbaren Problemen der Arbeiterklasse ausgehen muss – von Fragen wie Inflation, niedrige Löhne, lange Arbeitszeiten, hohe Wohn- und Gesundheitskosten, Bildung usw.

Wir dürfen jedoch nicht bei den unmittelbaren Problemen stehen bleiben. Das würde uns in den Sumpf des Reformismus ziehen. Nein, die revolutionäre Partei hat die Pflicht, bei den unmittelbaren Problemen anzusetzen und Forderungen zu stellen, die eine Lösung bieten – diese aber immer mit der Notwendigkeit zu verbinden, dass die Arbeiterklasse die Macht übernimmt.

Denn nur so können eben diese Forderungen verwirklicht werden. Übergangsforderungen zeigen auf, dass die Arbeiterklasse die Aufgabe hat, wenn solche Forderungen durchgesetzt und verteidigt werden sollen, das gesamte System durch eine sozialistische Revolution zu stürzen.

Revolutionäres Bewusstsein

Der Sturz des Kapitalismus durch eine sozialistische Revolution kann nicht von einer kleinen Organisation erreicht werden, die von der Masse der arbeitenden Bevölkerung isoliert ist. Die Revolution kann nur von den Massen selbst durchgeführt werden. Aber dazu braucht sie ein klares Verständnis der vor ihr liegenden Aufgaben.

Die Arbeiterklasse gelangt nicht über Nacht zu revolutionären Schlussfolgerungen. Sie beginnt den Kampf für ein besseres Leben am Arbeitsplatz – und genau dort müssen revolutionäre Kommunisten ansetzen. Durch solche Kämpfe beginnt die Arbeiterklasse die wahre Natur des Systems zu verstehen, mit dem sie konfrontiert ist. Mit der Zeit und durch viele Erfahrungen beginnen die Arbeiter zu erkennen, dass diese oder jene Reform, diese oder jene Errungenschaft, ohne den Sturz des kapitalistischen Systems als Ganzes nicht aufrechterhalten werden kann.

Revolutionäre Kommunisten nehmen zu solchen Fragen keine sektiererische oder ultralinke Haltung ein. Das bedeutet, dass wir uns nicht von der Masse der arbeitenden Menschen absondern. Wir verachten ihr mangelndes Verständnis für die Notwendigkeit einer sozialen Revolution und den Sturz des kapitalistischen Systems nicht.

Kommunisten verstehen, dass die Masse der Arbeiterklasse aus Erfahrungen lernt. Deshalb beteiligen wir uns an den täglichen Kämpfen der Arbeiter und machen die Erfahrungen ihrer Kämpfe mit. Und in jeder Phase stützen wir uns auf die Schlussfolgerungen, die die Arbeiter ziehen, und nutzen diese, um das allgemeine Verständnis zu vertiefen.

Eine neue Generation bewaffnen

Viele Jahrzehnte lang glaubte die Arbeiterbewegung, dass das kapitalistische System schrittweise reformiert werden kann. Diese Illusion beginnt nun jedoch zu bröckeln.

Nach der Finanzkrise von 2008 wurden der Arbeiterklasse massive Sparmassnahmen auferlegt. Die Kapitalisten versuchten, die beispiellosen Schulden, die sie in der vorangegangenen Periode angehäuft hatten, auf dem Nacken der Arbeiter abzubauen. Überall wurden die real verfügbaren Einkommen drastisch gekürzt. Das Gesundheits- und Bildungswesen, der soziale Wohnungsbau, die Renten usw. wurden abgebaut.

Die erste Reaktion darauf war in der Zeit um 2014/15 zu beobachten. Neue politische Kräfte wie Podemos in Spanien entstanden; ehemals marginale Parteien wie die SYRIZA in Griechenland gewannen an Popularität; und die Labour Party in Grossbritannien vollzog einen radikalen Linksruck, der Jeremy Corbyn zum Parteivorsitzenden machte. Aber leider enttäuschten diese Personen und Gruppierungen auf die eine oder andere Weise die Millionen von Arbeitern und Jugendlichen, die auf sie gesetzt hatten, massiv. Dies führte zu einer weit verbreiteten Enttäuschung.

Aber es führte auch dazu, dass eine Schicht – insbesondere in der Jugend – nach Antworten suchte, warum all dies geschehen war. Trotz der massiven anti-kommunistischen Propaganda der herrschenden Klasse sieht ein relevanter Teil der Jugend und der Arbeiterklasse den Kapitalismus als das Problem und wendet sich den Ideen des Kommunismus zu.

Das ist von riesiger Bedeutung. Aber das reicht nicht. Wenn diese vorderste Schicht wirklich in die Geschichte eingreifen und nicht isoliert bleiben will, muss sie lernen, die nächsten Schichten der Arbeiterklasse, und später die Massen der Arbeiterklasse, von der Revolution zu überzeugen – nicht, indem wir die Arbeiter von oben herab belehren, sondern indem wir mit ihnen in einen Dialog treten auf der Basis der realen Bewegung. Die Methode des Übergangsprogramms ist unabdinglich für diese Aufgabe.


Leo Trotzki: Das Übergangsprogramm

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Programm der RKP

Das kapitalistische System ist die Ursache für Armut, Rassismus, Frauenunterdrückung, Gewalt, Instabilität und die Erniedrigungen, unter denen die Arbeiterklasse und die Unterdrückten heute leben.

Die Regierung des bürgerlichen Staates wird niemals die Interessen der Ausgebeuteten vertreten. Um diese Probleme zu lösen, kämpfen wir mit dem folgenden Programm für eine Arbeiterregierung in der Schweiz. Die Aufgabe der RKP ist es, die Grundlage für eine echte kommunistische Massenpartei zu legen, mit der die Arbeiterklasse dieses Programm verwirklichen kann.

  • Enteignung der Banken und der grössten 150 Konzerne
  • Geplante Wirtschaft unter der demokratischen Kontrolle der Arbeiter: die einzige Lösung für die Klimakrise und für die Bedürfnisse der Menschen, statt der Profite
  • Gute Löhne und Arbeit für alle, 20-Stunden-Arbeitswoche, automatischer Teuerungsausgleich
  • Für klassenkämpferische und von den Arbeitern demokratisch kontrollierte Gewerkschaften
  • Guter und günstiger Wohnraum für alle: Enteignung der Immobilienkonzerne
  • Klassenkampfmethoden gegen Spaltung und alle Formen der Unterdrückung
  • Ende der Frauenunterdrückung: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, flächendeckendes Netz von kostenlosen Kitas und Kantinen
  • Ende der rassistischen Spaltung: Gleiche Rechte und gleicher Zugang zu Arbeit und sozialer Sicherheit für alle, die auf Schweizer Boden leben
  • Internationalismus der Arbeiterklasse und Weltrevolution: Ende aller imperialistischen Kriege. Kein Krieg ausser Klassenkrieg!