Das Feuerinferno von Crans-Montana ist eine der grössten Katastrophen der Schweizer Geschichte. Das ganze politische Establishment versucht 40 Tote und 116 Verletzte als Resultat eines schicksalsträchtigen Unglückes darzustellen, ähnlich einer unvermeidlichen Naturkatastrophe. Doch die Wahrheit ist: Diese Katastrophe war komplett menschgemacht. Die Ursache liegt im kurzfristigen, rücksichtslosen Streben nach Profit, das den Kapitalismus antreibt.

Was ist passiert?

Entsprechend den öffentlich bekannten Informationen kam es in der Silvesternacht in einer Kellerbar im berühmten Ski-Resort von Crans-Montana zu einem Brand. Pyrotechnische Fontänen auf Champagnerflaschen entzündeten die Schall-Isolationsmatten an der Decke der Bar. Das Feuer breitete sich in Sekundenschnelle aus und der ganze Keller wurde zu einem Inferno. 

Das Resultat: 40 Tote (eine Mehrheit minderjährig) und 116 Verletzten – davon befinden sich auch zwei Wochen später noch über 90 im Spital. Sie werden fürs Leben gezeichnet bleiben. 

Dieses schreckliche Leid hätte verhindert werden können! Die Gefahr, die vom Gebrauch der Fontänen unter den leichtendzüntlichen Isolationsmatten ausging, war den Angestellten bekannt. 34 von 40 Opfer sind auf dem (einzigen) Treppenaufgang gestorben, der durch den Betreiber baulich verengt worden war. Notausgänge existierten, waren aber nicht auffindbar oder verschlossen. Hinter dem einzigen Ausgang befanden sich zwei nach innen öffnende Türen, die ebenfalls den Fluchtweg versperrt hatten. Dazu kommt, dass das Personal nie für den Brandfall geschult worden war. Das Fazit ist klar: Diese Katastrophe ist komplett menschgemacht. Ergo: Sie hätte verhindert werden können! 

Verschärfend kommt hinzu, dass das Risiko von Bränden in Nachtclubs weltweit bekannt ist. Seit 2003 werden weltweit über 600 Tote wegen identischer Brände gezählt. Das Problem ist so allgegenwärtig, dass Netflix und Amazon beide aktuell je eine eigene Serie zu zwei Fällen in Brasilien und Argentinien produziert haben. 

Was alle diese Tragödien vereint: Der Grund für systematische und wiederholte Nichteinhaltung der Schutzmassnahmen ist nicht Ignoranz oder Unwissen, sondern das Profitmotiv! Jede Sicherheitsmassnahme kostet, egal ob Sicherheitspersonal, Schulungen oder feuersicheres Isolationsmaterial. Oder anders gesagt: Die Sicherheit unserer Jugend im Ausgang zu garantieren schmälert den Gewinn der Kapitalisten – und dazu sind sie nicht bereit. 

Ein einziges schwarzes Schaf?

Der verantwortliche Barbetreiber wurde noch vor kurzem als aufsteigender Kleingastronom gelobt. Kratzt man an der Oberfläche, zeigt sich, welche Art Mensch sich hinter dem Erfolg versteckt: Nicht ein unglücklicher Kleinunternehmer, sondern ein steinreicher und rücksichtsloser Kapitalist. Inzwischen ist bekannt, dass er sich nun von zwei spezialisierten Eliteanwaltskanzleien verteidigen lässt. Geschätzte Kosten pro Woche: 80’000 Franken.

In der Vergangenheit zeichnete er sich dadurch aus, dass er als verurteilter Zuhälter sprichwörtlich bereit war, auch Menschen als Waren zu verkaufen. Das gleiche Individuum bezahlte diverse Liegenschaften in der Region Cash auf die Hand, ohne eine Hypothek aufnehmen zu müssen.

Diese Tatsachen nützen die Medien aus, um den Verantwortlichen, wie immer, als einzelnen faulen Apfel darzustellen. Doch ein System, das nach rücksichtsloser Profitgier funktioniert, bringt rücksichtslose und profitgierige Personen hervor. In Wahrheit steht er nur symptomatisch für den menschenverachtenden Kapitalismus. 

Damit ist der Betreiber auch ein typischer Vertreter des mächtigen Schweizer Hotellerie‑Restauration‑Patronats. In den Ski-Ressorts der Alpen ist es ein ungeschriebenes Gesetz, in der knappen fünf-monatigen Saison die Touristen maximal zu melken. Dafür bezahlt das Personal mit tiefen Löhnen und übelsten Arbeitsbedingungen. Die Nichteinhaltung von allen möglichen Normen, Reglementen und Mindeststandards erhöht den Gewinn und trifft unter der lokalen Elite auf breites Verständnis

Der Fall der Bar Le Constellation beweist nur, wie weit die Kapitalisten zu gehen bereit sind, um ihre Profite zu maximieren! Solche Kapitalisten sind keine schwarzen Schafe. Der Fall deckt in brutalster Weise auf, was in diesem Sektor gang und gäbe ist! 

Das Problem ist grösser als nur das Wallis

Obwohl Gemeinde, Kanton, Bundesrat und Medien alles tun, um es zu verhindern: Immer klarer dringt an die Oberfläche, inwiefern der Besitzer keinesfalls alleiniger Schuldiger ist. Das Ausmass des wissentlichen Versagens diverser staatlicher Instanzen ist himmelschreiend.

Die verantwortliche Gemeinde hat das Lokal seit sechs Jahren nicht mehr auf Brandschutz kontrolliert. Sie ist allgemein unfähig, ihrer Kontrollpflicht nachzukommen: Letztes Jahr wurden nur 40 der 128 zu kontrollierenden Lokale in Crans-Montana kontrolliert.

Doch was sich unter dem Lichtkegel der erhöhten Aufmerksamkeit zeigt: Auch eine Kontrolle hätte wohl nicht viel verändert. Aus anderen Teilen der Schweiz melden sich Barbesitzer mit den gleichen leichtenzündlichen Akustikpaneelen. Diese seien von entsprechenden Kontrollen abgesegnet worden. Dazu kommt, dass sich nun herausstellt, dass in zahlreichen Kantonen nicht besser, sondern noch viel weniger bis überhaupt nicht kontrolliert wird, als im Wallis. So ein Inferno hätte genauso auch anderswo passieren können!

Es ist nicht Folge individuellen Versagens. Sondern es ist der bürgerliche Staat im Allgemeinen, der hier seine absolute Unfähigkeit entblösst, gute Sicherheitsstandards zu garantieren. 

Dies gilt nicht nur im Wallis und im Brandschutz, sondern in breiten Teilen der Wirtschaft. So sind im Gerüstbau die schweren Unfälle seit 2014 um 86% gestiegen. In den Spitälern können lebenswichtige Sicherheitsbestimmungen wie das Vier-Augen-Prinzip aufgrund von Personalmangel nicht durchgesetzt werden.

Es kommt regelmässig zu komplett unnötigen Katastrophen – nicht weil die Gefahren unbekannt, die Massnahmen extrem kompliziert oder Lösungen noch nicht erfunden wären. Der Grund ist genauso einfach wie grausam: Die Kapitalisten haben kein Interesse an stringenten Kontrollen und Massnahmen, weil beides kostet – und damit auf ihre Profite schlagen würde!

Krimineller Bundesrat

Die Unfähigkeit in der Durchsetzung der Kontrollen von den verschiedenen Instanzen wird nur noch geschlagen von ihrem Unwillen, die Aufarbeitung der Verantwortung und die Verfolgung der Schuldigen zu garantieren. Angefangen mit dem Gemeindepräsident von Crans-Montana, der, konfrontiert mit Fragen nach der Sicherheitsverantwortung, lapidar antwortet: «Wer sind Sie, so etwas zu fragen?» Dicht gefolgt wird er von der Walliser Staatsanwaltschaft, die bereits wieder zur selben Methode übergegangen ist, die in der Vergangenheit jeweils verlässlich garantiert hat, dass Fälle gegen lokale Bosse verjähren konnten: Mangel an Ressourcen für solche aufwändigen Fälle.

Ressourcenmangel hat an anderen Orten noch viel grausamere Konsequenzen: Seit Jahren ist bekannt, dass das Notfallsystem der Schweiz mit einem solchen Grossereignis heillos überfordert ist. Das Gesundheitssystem ist am 1. Januar nur dank zweier Faktoren nicht komplett zusammengebrochen:

Erstens mussten 21 (!) europäische Spitäler Patienten aufnehmen, was nur möglich war, weil es glücklicherweise europaweit kein anderes Grossereignis gab. Zweitens vollbrachte das Gesundheits- und Rettungspersonal (trotz Auslastung durch die Grippewelle) erneut ein riesiges Opfer. 

Immer klarer entblösst sich, wie dieser Staat gesamthaft, über alle Regierungs- und Behördenebenen hinweg, für das Versagen Verantwortung trägt. Und zwar bis ganz nach oben: Der Bundesrat ist der Hauptverantwortliche für den kriminellen Kahlschlag im Gesundheitssystem. Die Anzahl Spitalbetten ist seit den 1980er Jahren fast halbiert worden. Heute sieht man die Konsequenzen davon! Ein kaputtgespartes Gesundheitssystem, das in der Silvesternacht so nahe an Überlastung gebracht wurde, wie seit der Covid-Pandemie nicht mehr. 

Nationale Einheit soll von Verantwortung ablenken

Nun schiesst der Bundesrat aus allen Rohren, um über Gedenkveranstaltungen nationale Einheit zu beschwören. Bundesrat Parmelin schreibt in seinem pompös angekündigten offenen Brief an das Schweizer Volk: «Die ganze Schweiz wurde zu einer geeinten Familie von Trauernden gemacht.»

Doch diese Familie existiert nicht. Auf der einen Seite sehen wir die ehrliche Anteilnahme und Solidarität der Bevölkerung und der Arbeiterklasse. Ihre Anteilnahme geht weit über die leeren Worte der Politiker hinaus. Während und nach dem Brand halfen unzählige Passanten, Feriengäste, Einwohner, Rettungskräfte und Pflegepersonal aus selbstloser Solidarität und Opferbereitschaft. Bis nach Zürich suchten Unbeteiligte nach Wohnmöglichkeiten für Angehörige der dort Hospitalisierten. Im Gegensatz zu Regierung, Verwaltung und Kapitalisten hat die Arbeiterklasse keinerlei Verantwortung für oder Interesse an den Bedingungen, die zur Katastrophe geführt haben.

Auf der anderen Seite stehen die Kapitalisten und Regierungen, deren Staat und System die Verantwortung für diese Tragödie trägt. Sie schüren nationale Einheit, sie appellieren an die «geeinte Familie des Schweizer Volks», weil es ihnen nützt! Der Bundesrat versucht mit der nationalen Einheit vom Versagen ihres Systems abzulenken. 

Diese Möglichkeit kommt der Regierung sehr gelegen. Das Vertrauen der Bevölkerung in den Bundesrat und das Parlament ist in den letzten Jahren regelrecht zusammengesackt. Nur noch ein Drittel der Bevölkerung ist mit ihnen zufrieden. Das ist die Konsequenz aus seiner jahrelangen Politik von Sparmassnahmen und Abwälzung der Krise auf die Arbeiterklasse, gepaart mit seiner Inkompetenz und seinen Skandalen. Nun versucht der Bundesrat auf zynische Weise, die enorme Trauer und Solidarität in der Bevölkerung auszunutzen, um den Riss zwischen Arbeiterklasse und Regierung zu kitten. 

Aktuell ist der Schock über die Tragödie von Crans-Montana gross. Aber diese nationale Einheit wird nicht lange halten. Denn ausser Schweigeminuten und Kirchenglockengeläute hat der Bundesrat wenig zu bieten. 

Er selbst ist ein zentraler Bestandteil des bürgerlichen Staates. Genauso wie die restlichen Instanzen hat er eine einzige Verantwortung: zu garantieren, dass der Rubel rollt. Fast zeitgleich mit der nationalen Schweigeminute und den heuchlerischen Dankesworten an das Pflegepersonal hat eine Kommission des Nationalrats entschieden, in der Umsetzung der Pflegeintiative weniger Ressourcens fürs Pflegepersonal zu sprechen.

Wir befinden uns in einer Periode der Krise des Kapitalismus. Im Dienst der Kapitalisten ist der Bundesrat gezwungen, die Arbeiterklasse immer frontaler anzugreifen. Das wird jede nationale Einheit brechen. 

Die Schlussfolgerung, die sich durch diese Erfahrungen aufdrängt: Von diesem Staat können wir nichts erwarten! Was sich im Handeln all seiner Instanzen entblösst, das sind keine Fehler, sondern ein grundsätzlicher Klassencharakter. Der Staat ist ein Werkzeug der Kapitalisten, um ihre Interessen zu verwalten – in erster Linie seine Profitinteressen!

Der Kapitalismus lässt sich nicht regulieren

Alle grossen Parteien – inklusive der SP – beteiligen sich aktiv an der nationalen Einheit. Stellvertretend dafür hat sich der SP-Präsident Wermuth in der TV-Debatte «Arena» mit allen kapitalistischen Parteien symbolträchtig an den runden Tisch gesetzt. Dass die Linke die klassenübergreifende Allianz der nationalen Einheit unterstützt, ist ein fundamentaler Fehler. 

So wird diese kapitalistische Katastrophe entpolitisiert – genau zu jenem Zeitpunkt, wo die Rücksichtslosigkeit des ganzen Regimes für alle sichtbar offengelegt wird. 

Die Mutter von zwei schwerverletzten jungen Frauen erklärt: «Zuerst gab es Fassungslosigkeit, Schmerz, Trauma und Gebete. Jetzt sind es Wut und Unverständnis.» Die Aufgabe besteht darin, zu helfen, dieses Unverständnis in Verständnis zu verwandeln und diese Wut gegen die wahren Verantwortlichen zu richten: Die Profitgier der Kapitalisten und ihr Staat sind Schuld an diesem Massenmord! 

Auch die einzige politische Forderung der SP – nach einem nationalen Obligatorium für Gebäudeversicherungen – ist in dieser Situation der Entblössung kontraproduktiv. Die Gebäudeversicherung selbst ist ein Paradebeispiel für die Unmöglichkeit, den Kapitalismus zu reformieren.

Feuerwehr, Feuerkontrolle und Gebäudeversicherung sind Errungenschaften einer Epoche, in der der Kapitalismus noch fortschrittlich war. Zur Zeit der industriellen Revolution, als die Bourgeoisie noch tiefgründige Vordenker wie Benjamin Franklin hervorbrachte, entstand 1736 durch sein Wirken die erste Feuerversicherung. Die Kapitalisten waren sich bewusst, dass die Entwicklung der Produktivkräfte funktionierende Rahmenbedingungen braucht.

Heute sind gerade die Versicherungskapitalisten zu den rücksichtslosesten Parasiten geworden. Aktuell waren sie damit beschäftigt, die Regulierung der Gebäudeversicherung noch weiter zu liberalisieren, und zwar nach den Maximen «Deregulierung, Vereinfachung, Verhältnismässigkeit und Vollzugsvereinheitlichung». Oder wie es eine federführende Professorin zusammenfasst: «Wir verabschieden uns vom Prinzip der Maximierung der Sicherheit. Weg vom Prinzip mehr ist mehr und sicherer».

Die Geschichte der Gebäudeversicherung zeigt den historischen Niedergang der Bourgeoisie: In ihrer blinden Jagd nach Profitmaximierung lassen sie notwendige Infrastruktur und systematische Kontrollmechanismen verrotten. Das einzige, was sich verbessert hat, ist die Rechenkapazität ihrer Statistiker, die bis auf die Kommastelle ausrechnen können, wie viele Menschenleben für ihren Gewinn geopfert werden sollen.

In ihrer Illusion der Regulierbarkeit der Widersprüche des Kapitalismus enden die Reformisten damit, diesen Halsabschneidern der Versicherungen mehr – und nicht weniger – Macht über unser Leben und unsere Sicherheit zu geben! 

Wenn Crans-Montana etwas beweist, dann dass der Kapitalismus nicht reguliert werden kann. Alle Gesetze – wenn es sie denn gibt – werden missachtet und umgangen. Es ist illusorisch, zu glauben, dass dieses System vor sich selbst gerettet werden kann. 

Nur die Arbeiterklasse kann sich vom Profitzwang befreien

Das neue Jahr begann mit einem harten Erwachen. Millionen von Menschen in der Schweiz und darüber hinaus stellen sich die Frage: Wie kann es sein, dass so etwas in der seriösen, gut organisierten Schweiz möglich ist? 

Damit wird Crans-Montana auf tragische Weise zur neusten Illustration des Endes des Schweizer Sonderfalles. Schmerzhaft zeigt sich: Ja, das herrschende System stellt auch in der Schweiz den Profit über Menschenleben. Es ist hier genauso rücksichtslos wie überall sonst. 

Im Kapitalismus sind wir ihrer Grausamkeit schutzlos ausgeliefert. Die Risiken sind bekannt. Im Falle dieser Bar waren die Probleme den Angestellten und den Kunden bewusst. Jeder Mitarbeiter und jeder Lüftungsanlagenbauer-Lehrling hätte mit einem Blick eine Serie von Verbesserungsvorschlägen machen können. Doch im Kapitalismus fragt sie niemand! Ihre Kompetenzen dienen ausschliesslich dem Profit, nicht der Sicherheit.

Die Arbeiterklasse ist die tatsächlich schaffende, fähige Kraft in der Gesellschaft – sie baut alle Häuser, alle Strassen, alle Maschinen. Doch die Arbeiterklasse hat heute weder die Macht noch die Ressourcen, die notwendigen Massnahmen umzusetzen, um ein gutes und sicheres Leben zu garantieren. 

Nur der Sozialismus kann mit dieser Irrationalität brechen. Die Kapitalisten müssen enteignet werden. Die Arbeiterkontrolle über das gemeinsame, verstaatlichte Eigentum gibt der Arbeiterklasse die Macht, Ressourcen und Verantwortung, solche Probleme selbständig zu lösen. Wenn die Arbeiterklasse an der Macht ist, ordnet sie ihr Wissen und die immensen Ressourcen der Wirtschaft der Erfüllung der Bedürfnisse der Menschheit unter.

Niemand baut freiwillig einen leicht entzündlichen Keller und schickt die eigene Jugend mit brennenden Wunderkerzen dort hinein. Nur ein todkrankes System bringt so etwas fertig! Es muss gestürzt werden.